Al Pacino ist für seine Nebenrolle in „The Irishman“ für den Oscar nominiert – nicht die einzige Chance für Netflix, sich mit Preisen zu schmücken. Foto: AP

Erst Favoriten, dann Verlierer: Das ist den Produktionen des Streamingdienstes Netflix nicht nur bei den Golden Globes passiert. Bei den Oscars sollte sich das lieber nicht wiederholen.

Stuttgart - Vor ein paar Jahren wäre das eine Sensation gewesen. Oder die von himmlischem Zorn an die Palastwand geworfene Flammenschrift, die den baldigen Untergang ankündigt: Auf der Liste der Nominierten für die Oscar-Gala, für Hollywoods große Selbstfeier also, sind zahlreich und an prominenter Stelle Produktionen des Streamingdienstes Netflix vertreten, „The Irishman“ etwa. Man hätte sich das gar nicht anders erklären können, als dass nun das ganze System der alten Studios ins klapprige Wanken gekommen sei wie ein termitenzernagtes Baumhäuschen im aufkommenden Sturmwind.

Dieses Jahr aber hat man sich an die Favoritenrolle von Netflix-Filmen vorab schon gewöhnt – und daran, dass sie in der Endrunde fast leer ausgehen. So gerade geschehen bei den Golden Globes und bei den US-Kritikerpreisen. Man könnte also leicht deuten, die Branche schließe die Reihen gegen den Neuling, wolle mit der Blinklampe der Preisvergaben signalisieren: Streamingdienste haben keine Zukunftsperspektive, nur das klassische Kinosystem ist ein Garant für gute Filme.

Der Weiße Ritter und die feigen Studios

Vermutlich aber ist das Gegenteil richtig: An Netflix als Weißen Ritter der US-Filmindustrie, der Projekte ermöglicht, an die sich längst kein Studio mehr herantraut, hat man sich bereits gewöhnt. Ausgerechnet zu Beginn des großen Preisreigens hat Netflix verkündet, welche Originalproduktionen es 2020 bieten wird, unter anderem Filme von Spike Lee, Charlie Kaufman und Ben Wheatley.

So mancher bei Filmpreisen Abstimmungsberechtigte denkt sich da, eine Ermutigung dieser Firma sei gar nicht mehr nötig. Und konzentriert sich darauf, jene seltenen Produktionen der großen Studios hervorzuheben, die nicht Fortsetzung eines Hits, Weiterspinnen eines Franchise, Action-Rambazamba von Superhelden sind.

Auch darum fliegen „1917“ von Universal und „Once upon a Time ... in Hollywood“ von Sony die Herzen und Nominierungen zu. In der auf Megaspektakel fixierten Traumfabrik von heute wirken diese großen Filme fast schon wie Autorenkino. Das will man stützen – ein kluger Gedanke und ein gefährliches Spiel. Denn auch Netflix setzt bei heiklen Produktion auf Oscar-Prestige und könnte seine Strategie ändern, blieben die Preise aus.

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