Stets perfekt gestylt: Ewan McGregor als Design-Ikone Roy Halston Frowick Foto: Atsushi Nishijima/Netflix

Die Netflix-Miniserie „Halston“ setzt dem US-Modedesigner Roy Halston Frowick ein Denkmal mit Charme und Stil.

Stuttgart - Aus prekären Verhältnissen schaffte Roy Halston Frowick den Aufstieg in die New Yorker Bohemien-Elite der Warhol-Ära – er verkörperte in den 1960ern idealtypisch den amerikanischen Traum. Halston, wie er nur genannt wurde, schreckte zudem die europäischen Modedesigner zumindest ein wenig auf mit seinen gewagten, konkurrenzfähigen Entwürfen – bis dahin wurden Amerikaner meist nur müde belächelt. Und er riskierte damals einiges als offen schwul lebender Künstler, selbst im liberalen Big Apple.

 

Wer daraus eine Miniserie machen möchte, braucht zuallererst einen Schauspieler, der die Hauptrolle ausfüllt, und die Macher von „Halston“ haben mit Ewan McGregor einen Glücksgriff getan. Der Schotte hat Filme wie „Trainspotting“ (Danny Boyle, 1996) und „The Ghost Writer“ (Roman Polanski, 2010) in seiner Vita – aber auch den Jedi-Ritter Obi-Wan Kenobi in den verunglückten ersten drei „Star Wars“-Teilen (1999–2005, George Lucas).

Ein kompromissloser künstlerischer Fokus

Als Halston nun reklamiert er vom ersten Moment an den gesamten Raum für sich, wie es der reale Designer auch getan haben könnte: McGregor spielt einnehmenden Charme aus, er lebt Halstons exaltierte Stilsicherheit, er pflegt den Sarkasmus des vermeintlich einzigen Mannes mit Überblick, und er trägt einen kompromisslosen künstlerischen Fokus vor sich her.

Dieser Halston reißt Streifen aus einem federleichten Stoff, umhüllt damit sein Lieblingsmodel Elsa Peretti (Rebecca Dayan) und erschafft im Nu ein atemberaubendes Kleid – der Showrunner und Broadway-Dramatiker Sharr White hat mit dem Produzenten und Co-Autoren Ryan Murphy („Hollywood“) starke Bilder gefunden, um das besondere Händchen des Designers sichtbar zu machen. Der wurde dank Jackie Kennedy mit dem Pillbox-Hut berühmt und entwarf später auch Parfums (großartig: Vera Farmiga als olfaktorische Mentorin), Sonnenbrillen und Flugbegleiter-Uniformen.

Liza Minelli ist seine gute Fee

Als gute Fee, die Halston aus jedem Sumpf zieht, fungiert die junge Liza Minelli, die ins Showgeschäft drängt, obwohl ebenjenes ihre Mutter Judy Garland zugrunde richtete. Krysta Rodriguez („Smash“) entfaltet in der Rolle eine wunderbar frische Ausstrahlung und empfiehlt sich singend und tanzend in mehreren fein choreografierten Bühnenperformances. Bill Pullman („Lost Highway“) spielt den engelszüngigen Investor David Mahoney, der die Marke Halston kauft, den Künstler vom finanziellen Druck befreit, ihm aber auch eine gewisse Massentauglichkeit abringt. Ebenso schillernd wie enervierend wirkt Gian Franco Rodriguez als Halstons venezolanischer Latin Lover Victor Hugo, der den Designer ständig vor sich hertreibt – und unter anderem in die frisch eröffnete, längst legendäre Diskothek Studio 54 lockt.

Die Miniserie hat sich als gutes Format für biografische Porträts erwiesen: Sie bietet mehr Raum für ein vertieftes persönliches Umfeld als der Spielfilm, braucht aber keine komplexe horizontale Handlung über das persönliche Drama hinaus. Das funktionierte mit der genialen Schachspielerin Beth Harmon in „Das Damengambit“ ebenso wie mit der religionsflüchtigen Esty Shapiro in „Unorthodox“.

Leben, so intensiv wie möglich

Nun zeigen fünf mal 45 Minuten Roy Halston Frowick am physischen Limit: Er arbeitet ununterbrochen, raucht ununterbrochen, feiert ununterbrochen – zunehmend auch sich selbst, so dass Weggefährtinnen und Weggefährten auf der Strecke bleiben. Da konnte nicht gut ausgehen. 1990, mit 57 Jahren, kam sein Name auf die lange Liste prominenter Aids-Opfer.

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