Szenenbild aus der Netlfix-Naturdoku-Serie „Unser Planet“ Foto: Netflix

Die aufwändige Netflix-Reihe „Unser Planet“ malt die Natur in den schillerndsten Farben. Bei den Schönheiten dieser Naturdoku bleibt kein Auge trocken. Ist das ausschließlich eine gute Sache?

Stuttgart - Die Welt war wirklich mal atemberaubend. Wenn Naturfilmer von Sielmann bis Grzimek in ihre Propellerflugzeuge stiegen, um der Industriegesellschaft den Reiz der Wildnis ins Wohnzimmer zu tragen, ging es einzig um Faszination, Überwältigung, das Staunen über eine Umwelt, die bestenfalls zur Beschreibung grenzenloser Jagdgebiete majestätischer Löwen diente.

Jahrzehnte überflüssigen Konsums später ist das überwältigte Staunen jedoch nackter Angst gewichen. Angst vorm Artensterben, vorm Gletscherschwund, vorm Klimakollaps, Angst des Menschen vor sich selbst. Oder, wie die Aktivistin Greta Thunberg rät: Zeit zur Panik.

Eine Frage des Willens

Panik schwingt demnach auch in Alastair Fothergills neuestem Beitrag zu einer schier endlosen Abfolge globaler Dokumentationen mit, kurz wenigstens. Ganz zu Beginn des Netflix-Achtteilers „Unser Planet“ nämlich fragt Sprecher Christian Brückner im rau-warmen Timbre Robert De Niros, den er oft synchronisiert hat, wie es den Naturschönheiten denn gehe, „die der Mensch noch übrig gelassen hat“. Es antworten schmelzende Gletscher, biblische Stürme, darbendes Getier.

Durchaus ernst – aber nicht hoffnungslos. Denn der Mann aus dem Off beruhigt, wir bekämen das schon in den Griff, was sein Regisseur mit „alles eine Frage des Willens“ untermauert. Erst die Arbeit, dann das Vergnügen – im Wachstumssektor laufender Landschaftsbilder ist das ein relativ neuer Ansatz.

Ein Ablenkungsmanöver

In den 50ern, als Walt Disneys Kinofilm „Die Wüste lebt“ Natur als großes Theater feierte, wurden Flora und Fauna noch frei von aller Skepsis inszeniert. In den 80ern, als „Koyaanisqatsi“ die Zivilisationskritik auf die Leinwand brachte, war der Planet zur Drohkulisse einer dystopischen Zukunft verdreckt. Und da sich die Woge des Fatalismus dank Windkraft, Grünen und 3-Wege-Kat ab den Neunzigern gelegt hatte, wies „The Crocodile Hunter“ Steve Irwin gemeinsam mit Highend-Dokumentationen wie „Unsere Ozeane“, „Unsere Wildnis“ oder „Unser blauer Planet“ zwar gern auf die Fragilität der besuchten Biotope hin. Aber erst, wenn es sich Dutzende Kamerateams dort gemütlich gemacht hatten.

Mit dem Untergang einzusteigen, ist demnach trotz ungewöhnlich, mehr noch: ein Ablenkungsmanöver. Mit Geigen und Zeitlupen permanent cremig gerührt, versinkt auch „Unser Planet“ fast die vollen 360 Minuten lang in der branchenüblichen Selbstgefälligkeit, wochenlang regungslos auf den Beuteflug eines Greifvogels gewartet zuhaben.

Kein Auge bleibt trocken

Die Naturdokumentation als Generalstabsoperation mit Millionenaufwand an Mensch und Material – damit schaffte es schon manche BBC-Produktion zum ikonografischen Monument einer Spezies, die ihre Heimat zwar schützenswert findet, dafür aber noch lange nicht aufs tägliche Fleisch verzichtet. So erzeugen auch diese atemberaubenden Bilder praktisch aller Habitate unseres Planeten überwältigtes Staunen.

Wenn alle erdenklichen Tiere aus jeder erdenklichen Perspektive ihre Lebensräume durchmessen, bleibt beim empathischen Zuschauer schließlich kein Auge trocken. Nur unser Alltagshandeln dürfte dieses Panoptikum globaler Schönheit wohl nicht weiter beeinflussen. Im Gegenteil.

Vieles liegt im Argen

Da Alastair Fothergill abgesehen vom missmutigen Einstieg bewusst kein Werk menschlicher Zerstörungsgewalt zeigt, befreit er sein Publikum im Dienste der Unterhaltsamkeit von jeder Verantwortung. Das Prinzip Belehrung ohne Lehren lässt sich parallel dazu gerade prima in den ZDF-Reihen „Wilde Dynastien“ oder „One Strange Rock“ bestaunen, wo irgendwie auch vieles im Argen liegt, aber optisch einfach zu schön fotografiert wird, um sich ernsthaft Sorgen zu machen.

Eine Herausforderung von „Unser Planet“ war aus Sicht ihres Regisseurs ja, „den erhobenen Zeigefinger zu vermeiden“. Bloß nicht die Zuschauer verstören. Sonst fangen wir am Ende wirklich noch an, in jene Panik zu verfallen, die Greta Thunberg zum Überleben empfiehlt.

Verfügbarkeit: beim Streamingdienst Netflix, alle acht Folgen bereits abrufbar

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: