Die Netflix-Doku „Sean Combs – The Reckoning“ zeigt bisher geheime Aufnahmen und wirft Fragen auf, inwiefern Sean „Diddy“ Combs noch in anderen Verbrechen seine Finger im Spiel hatte.
Worauf alle, die im Herbst letzten Jahres den P. Diddy-Skandal medial verfolgt haben, gewartet haben, ist seit 2. Dezember auf Netflix zu sehen: die P. Diddy-Doku „Sean Combs: The Reckoning“. Die wichtigste Frage, ob sie neue unentdeckte Erkenntnisse zur Akte Diddy liefert, lässt sich schnell beantworten: nein. Zumindest nicht für diejenigen, die wochenlang ins P. Diddy-„Rabbit Hole“ abgetaucht sind und sämtliche Informationen, Akten, Anschuldigungen, Theorien und Verschwörungstheorien, die seit seiner Verhaftung am 16. September 2024 massenweise im Netz zu finden waren, aufgesaugt haben.
Selbst enger Freund wird zu Diddys Opfer
Zumindest werden die aber bei einigen Aussagen seiner früheren Weggefährten und bisher unveröffentlichten Videoaufnahmen von den letzten Tagen vor seiner Verhaftung ins Staunen kommen. Zum Beispiel als P. Diddy in einem Hotelzimmer in New York Manhattan seinen Anwälten einen Einlauf gibt, weil sie das mediale Narrativ zu seiner Person nicht im Griff hätten und „wir am Verlieren sind“, wie er sagt. Oder als der Mitbegründer von P. Diddys Musiklabel Bad Boy Entertainment, Kirk Burrowes, berichtet, wie sein ehemaliger Geschäftskollege und Freund ihn nicht nur um seinen Anteil am Unternehmen gebracht, sondern auch sexuell missbraucht haben soll.
Aber von vorn: Sean „P. Diddy“ Combs wurde zum Ziel von bundesstaatlichen Ermittlungen, die im Herbst letzten Jahres zu einer Festnahme führten. Zu lesen war in der Anklage von Sexhandel, Menschenhandel, organisierter Kriminalität, Nötigung zu Prostitution und Erpressung. Obendrauf kamen mehr als 100 Zivilklagen wegen diverser Sexualverbrechen. Einige Klägerinnen kommen auch in der Dokumentation zu Wort. Was zu hören ist, zieht einem die Schuhe aus. Aufsehen erregt hatten in diesem Zusammenhang auch die Aussagen sowie Videomaterial seiner Ex-Freundin Cassie Ventura. Auf den Aufzeichnungen einer Hotelsicherheitskamera war zu sehen gewesen, wie der Rapper und Musik-Produzent die flüchtende Ventura zu Boden schlägt, tritt und über den Boden zurück ins Hotelzimmer schleift. Das schockierende Video war in sämtlichen Medien zu sehen gewesen.
Auch, was bei Razzien in P. Diddys Villa gefunden wurde, ging um die Welt: nämlich 1000 Flaschen Babyöl, die für sogenannte „Freak offs“ aka Sexorgien verwendet wurden, an denen zum Teil Prostituierte, zum Teil Freunde und Bekannte Diddys mehr oder weniger freiwillig teilgenommen haben. Dazu gesellten sich immer mehr Hinweise, die aus alten Gerichtsverfahren, Interviews, TV-Sendungen und Archivaufnahmen zusammengesammelt und ins Netz gestellt wurden. Sie verdichteten das Bild eines sadistischen, sexsüchtigen und seine Macht ausnutzenden Mannes mit offen ausgelebtem Gottkomplex. Das Urteil, das gegen P. Diddy dann im Juli dieses Jahres verhängt wurde, sahen daher viele als Schlag ins Gesicht. Er wurde nur in zwei von fünf Hauptanklagepunkten schuldig gesprochen; den schwächsten, wie sich Rechtsexperten unisono einig sind: der Nötigung zur Prostitution sowie dem Transport von Frauen zum Zweck der Prostitution. Der Richter legte ein Strafmaß von 50 Monaten fest. Für andere Anklagepunkte hätte der Medienmogul bis zu lebenslang hinter Gitter gehen müssen.
Und auf nahezu alles, was nicht zwischen die Aktenmappe der Staatsanwaltschaft gepasst hat, was aber sehr wohl zur Person Sean „P. Diddy“ Combs gehört, geht die Netflix-Dokumentation ein, produziert von P. Diddys erklärtem Erzfeind Curtis „50 Cent“ Jackson. Regie führte Alexandria Stapleton. Sie startet bei seinen Anfängen, als Diddy noch Praktikant beim bekannten US-Label Uptown war und folgt ihm anhand alten Videomaterials und Aussagen zahlreicher seiner Wegbegleiter auf dem Weg zum Ruhm. Zu Wort kommen dabei nicht nur sein ehemals bester Freund und bereits erwähnter Bad-Boy-Entertainment-Mitgründer Kirk Burrowes, sondern auch sein Ex-Security Roger Bonds, seine Ex-Assistentin Capricorn Clark, Teile der Jury, die wohlgemerkt kein besonders gutes Licht auf ebendiese werfen, sowie Produzent Rodney „Lil Rod“ Jones, der gemeinsam mit Diddy dessen Grammy-nominierte Platte „The Love Album: Off the Grid“ produziert hat. Letzterer verklagte im Übrigen Diddy unter anderem wegen sexueller Nötigung.
Thematisch aufgegriffen wird in der Doku auch das im Hip-Hop der 1990er omnipräsente East-Coast-West-Coast-Kräftemessen, inklusive Schießereien und Ermordungen der beiden US-Rapper Tupac Shakur und Notorious B.I.G. – und die Rolle, die Sean „P. Diddy“ Combs bei den Gewalttaten gespielt hat. Natürlich, ohne konkrete Hinweise zu geben, wer hinter der Ermordung der beiden Legenden steckt. Doch genug, um Zweifel zu hegen am Narrativ, das von Seiten P. Diddys seit deren Tod orchestriert wurde. Als zu sehen ist, wie Sean „P. Diddy“ Combs sich als B.I.G.s bester Kumpel inszeniert und sich mit „I’ll be missing you“ – angeblich eingesungen für den verstorbenen B.I.G. – eine goldene Nase verdient, während er trotz Zusage nicht einmal seine Beerdigung bezahlen wollte, kann man als Zuschauer nicht anders, als sich in Grund und Boden fremdzuschämen.
P. Diddy ist nicht gut gealtert
Überhaupt schämt man sich als Zuschauer der „Sean Combs: The Reckoning“-Doku ganz schön oft fremd. Etwa als Kirk Burrowes berichtet, wie Diddy ihn einst ins Büro klingelt, nur, um ihm zu zeigen, dass ihn gerade eine Frau unterm Bürotisch oral befriedigt. Oder während diverse Musiker berichten, dass Sean Combs sie in all den Jahren nicht einmal ordentlich für ihre Arbeit bezahlt hat. Oder als P. Diddy sich selbst mehrfach und ernsthaft als Gott bezeichnet. Oder wenn man dabei zusehen muss, wie er vor laufender Kamera junge Menschen, die bei seinem Band-Casting-Projekt „Making The Band“ in den 2000ern mitmachen, drangsaliert und erniedrigt.
Selbst wenn man P. Diddy zugute halten wollen würde, dass jede Seite zwei Medaillen hat, und nur die Hälfte aller in der Dokumentation getätigten Anschuldigungen wahr sein sollte – selbst dann kann man nicht übersehen: Sean „P. Diddy“ Combs scheint ein Mann mit einer gefährlich verbrecherischen Aura und sadistischen Ader zu sein, der für sein Leben gern – geradezu krankhaft-kontrollsüchtig – Strippen zieht, sich inszeniert, andere ausnutzt und vor allem für eins Geld ausgibt: für sich selbst und seine Außenwirkung.
Hinter P. Diddys Kulissen dank exklusivem Filmmaterial
Das zu verdanken ist unter anderem dem exklusiven Videomaterial, das Sean „P. Diddy“ Combs selbst in Auftrag gegeben hat, um ihn in den letzten Tagen vor seiner Verhaftung zu begleiten und von dessen Verwendung in der Doku er überhaupt nicht begeistert ist. Es wurde im Nachhinein offenbar ungeschnitten Netflix zugespielt und vom Streamingdienst erworben. Man kann nur spekulieren, ob da eine noch ausstehende Zahlung seitens des ursprünglichen Auftraggebers eine Rolle gespielt haben mag.
Die Kunst der Täter-Opfer-Umkehr
Auf den Bändern sind sämtliche Schritte hinter der Scharade zu sehen: Wie er im Hintergrund mahnt, „das Narrativ zu kontrollieren“, wie er nur für die Kamera seine alte Hood in Harlem besucht und Hände schüttelt (nicht, ohne hinterher in der Limousine direkt das Desinfektionsmittel und eine heiße Dusche zu verlangen), wie er überdramatisch den Tränen nahe während einer pseudo-volksnahen Radfahrt durch Manhattan vom Rad absitzen muss, weil er von neuen Klagen gegen ihn erfahren hat. „Was wollt ihr noch? Sein Blut?!“, fragt sein Assistent daraufhin in die Kamera. Dabei ist die Sache so simpel: Eigentlich wollen wir nur die Wahrheit.
Zumindest Bruchstücke der sogenannten Wahrheit, des großen Ganzen rund um P. Diddy kann man sich ab jetzt in vier jeweils etwa eine Stunde dauernden Folgen von „Sean Combs: The Reckoning“ auf dem Streamingdienst Netflix ansehen. Einige interessante Themen wie seine Beziehung zu Protegé Usher, der lange in Diddys Obhut wohnte und der sich einige Male zu zweideutigen Aussagen hinreißen ließ, werden in der Doku nicht behandelt.