Am 25. April jährt sich die verheerendste Naturkatastrophe in der Geschichte Nepals zum fünften Mal. Knapp 9000 Menschen starben bei dem Erdbeben. Wie geht es den Menschen dort heute? Wir sprachen mit dem Nepal-Experten Manfred Häupl.
Kathmandu - Im April und Mai 2015 bebte im Himalaya die Erde. Das erste große und stärkste Beben wirkte mit einer Stärke von 7,8 am 25. April 2015 um 11:56 Uhr Ortszeit. Neben Nepal meldeten auch Nord- und Nordostindien, Tibet, China, Pakistan und Bangladesch Erschütterungen. Das Epizentrum lag bei Barpak rund 80 Kilometer nordwestlich der Hauptstadt Kathmandu.
Herr Häupl, nur wenige Deutsche kennen sich in Nepal so gut aus wie Sie. Wie sieht es dort fünf Jahre nach dem Erdbeben aus? Ist der Wiederaufbau, für den auch viele Deutsche gespendet haben, abgeschlossen?
Nein, noch lange nicht. Der Wiederaufbau wird noch viele Jahre in Anspruch nehmen und wurde durch die Pandemie stark eingebremst. Vor allem im ländlichen Bereich leben die Menschen oft noch in Behelfsunterkünften. Die Landflucht und damit der Bevölkerungsdruck auf die Hauptstadt Kathmandu haben weiter zugenommen. Es gibt aber auch Erfolgsmeldungen.
Wichtige Kulturstätten wie die Altstadt von Kathmandu, Bhaktapur, Patan können wieder besucht werden. Dies ist nicht nur für Touristen eine gute Nachricht, sondern vor allem auch für die Bevölkerung. Die Tempelstätten sind neben der religiösen Bedeutung auch ein beliebter Treffpunkt im Alltagsleben der Nepalesen.
In der Region Helambu, einer faszinierenden Berggegend nördlich von Kathmandu, die vom Erdbeben mit am stärksten betroffen war, ist inzwischen ein sogenannter Climate Trek entstanden. Was ist das?
Bis vor dem Erdbeben wurden die Lodges, also die Gästehäuser, entlang der Trekkingrouten meist von ausländischen Kapitalgebern gebaut, und zwar nach deren Vorstellungen und oft in Konkurrenz zu den bestehenden Lodges lokaler Inhaber. Unser Ziel war, die lokalen Lodgebesitzer beim Wiederaufbau miteinzubeziehen und die Region dadurch zu stärken. Dabei haben wir einen Abgleich der Interessen der Lodgebesitzer mit den Anliegen zukünftiger Trekking-Urlauber vorgenommen, von denen viele sich bei der Unterbringung während ihrer Wanderung mehr Komfort wünschten.
Das Ergebnis ist eine Win-win-Situation: Die Touristen übernachten in deutlich komfortableren Lodges als bisher und die Lodgebetreiber können durch den höheren Standard einen fünffach höheren Übernachtungspreis generieren. Die Lodges wurden außerdem mit erneuerbaren Energieträgern wie Solarenergie ausgestattet und sind daher weitestgehend CO2-neutral – deshalb bekamen die Treks auch den Namen Climate Trek.
Vor dem Erdbeben kamen jährlich rund 800 000 Touristen nach Nepal. Diese Zahl brach nach dem Erdbeben dramatisch ein und erholte sich nur langsam. In der Corona-Krise wird Nepal noch immer als Risikogebiet eingestuft. Das ist sehr problematisch für ein Land, in dem der Tourismus der zweitwichtigste Wirtschaftssektor ist.
Corona trifft Länder wie Nepal deutlich härter als uns. Im Jahr 2019 reisten etwa 1,2 Millionen Touristen nach Nepal – das belegt zum einen die Erholung nach dem Erdbeben und gleichzeitig die enorme Bedeutung des Tourismus als zweitwichtigste Wirtschaftskraft und Arbeitgeber. Über 1,1 Millionen Arbeitsplätze hängen am Tourismus in Nepal.
Die Reisewarnung nach Nepal wurde vom Auswärtigen Amt am 17. März 2020 verhängt und seitdem nicht wieder aufgehoben. Reisende dürfen seit Oktober 2020 offiziell wieder einreisen, müssen aber derzeit sowohl bei Einreise als auch nach ihrer Rückkehr nach Deutschland in Quarantäne. Die Regierung von Nepal hat angekündigt, dass bald die Einreisequarantäne für Geimpfte und Genesene zurückgenommen wird. Aktuell sind so gut wie keine Touristen in Nepal unterwegs.
Was sind heute die dringendsten Bedürfnisse der Menschen in Nepal?
Ich bewundere die Menschen Nepals für ihre Widerstandskraft, mit Krisen und schwierigsten Umständen ruhig umzugehen. Die Ernährungssituation ist für einige Bergregionen problematisch, vor allem weil Einkommen fehlt, um sich Nahrungsmittel zu kaufen. Die Nepalesen, die als Gastarbeiter in den Golfregionen oder in Indien Geld nach Hause schicken konnten, fallen weitestgehend aus und eben auch diejenigen, die Einkommen aus dem Tourismus bezogen haben. Nepal hat zum Glück eine sehr ertragreiche Landwirtschaft, sodass keine Hungersnot zu befürchten ist.
Gibt es Schicksale aus jüngerer Zeit, die Sie besonders berührt haben?
Pasang Sherpa aus dem Langtang-Gebiet berührt mich derzeit besonders. Er hat durch das Erdbeben seine gesamte Familie im Dorf Langtang verloren. Ich habe ihn im Herbst 2015 kennengelernt und er hat mir seine Geschichte erzählt. Über die Jahre hielten wir Kontakt und als er von unserem Climate Trek hörte, sagte er spontan: „Das will ich auch machen in meinem Dorf, mit meinen Leuten.“
Im Herbst 2019 erkundeten mein Kollege Phillip Keil und ich mit ihm den zukünftigen Climate Trek im Langtang. Dort trafen wir „seine“ Leute, die wir dank seiner Kontakte für das Projekt begeistern konnten. Im Herbst 2021 wird dieser Trek in Kooperation mit zehn Lodges fertig sein. Darüber hinaus hat er die Verantwortung für unser Wiederaufforstungsprogramm übernommen. Ein bewundernswerter junger Mann, der gestärkt aus einem persönlichen Unglück herausgekommen ist.
Sie selbst bereisen Nepal seit 1983 regelmäßig, waren schon mehr als 25-mal dort. Was macht die Faszination dieses Landes aus?
Die Trekkings zu den acht Achttausendern sind faszinierend und das kulturelle und noch lebendige Erbe lohnt immer einen Besuch. Am meisten beeindrucken mich jedoch die Menschen Nepals. Mehr als 70 Ethnien haben dieses Land buchstäblich geformt, modelliert.
Ein Land, das auf nur 80 Kilometer Breite über 8000 Meter Höhenunterschied aufweist, geprägt von terrassierten Bergtälern, kleinen und großen Dörfern in unterschiedlichster Architektur. In dieser rauen Natur quer durch alle Klimazonen zu überleben, sich sesshaft zu machen, erfordert einen besonnenen und gelassenen Lebensstil, Respekt vor der Natur sowie eine Gemeinschaftskultur, von der wir viel lernen können.