Chris David arbeitet seit 20 Jahren als DJ im Perkins Park. Foto: Dario Nassal

Neon-Licht und lange Nächte: In einer Serie stellen wir Nachtclubs im Stuttgarter Norden und Menschen vor, die dort arbeiten. Der Discjockey Chris David aus dem Perkins Park.

Feuerbach - Chris David nippt an seiner Cola und schaut sich aufmerksam im Bistro um. „Die Musik ändert sich mit den Jahren, aber die Leute bleiben immer gleich.“ Er hebt den Zeigefinger. „Und das ist das Wichtigste: Wenn du weißt, wie die Leute ticken, wenn du weißt, was sie zum Tanzen bringt, dann hast du gewonnen.“

Seit 20 Jahren arbeitet Chris David als DJ im Perkins Park – eine der ältesten und prominentesten Discotheken in Stuttgart. Er kennt die Location wie kein Zweiter. „Der Perkins Park ist mehr als nur ein Club. Für viele ist das irgendwie auch ein Lebensgefühl“, sagt er. In der Tat bietet die 1980 gegründete Disco mehr als nur Raum zum Tanzen: Die Gäste können sich im Restaurant stärken; drei Dancefloors und sechs Bars bieten Abwechslung. Partys mit exklusivem Ambiente zu exklusiven Preisen.

Um 22.30 Uhr wird Chris David sich hinter das Mischpult auf dem großen Dancefloor stellen und die Regler hoch drehen. Das ist in zwei Stunden. Von Aufregung aber keine Spur. „Richtig vorbereiten kann man sich auf so einen Abend eigentlich nicht“, sagt er gelassen. Wichtig sei der Einstieg: „Du musst wissen, wie du anfängst und ein paar Knaller in Reserve haben. Der Rest geht nach Bauchgefühl.“ Ein DJ, das sei kein Künstler – eher ein Handwerker, der weiß, wie man den Werkzeugkasten „Musik“ richtig einsetze. „Stundenlanges Scratching ist nett, aber eine Party rettet man damit nicht.“ Und darum ginge es doch: Die Party zu einer guten Party zu machen; den richtigen Song zur richtigen Zeit zu spielen. „Bring die Leute zum Tanzen! Wie ein Suppenkoch: Öffne Dosen, die ein anderer verpackt hat. Die richtigen Dosen in die Töpfe zu hauen – nicht zu früh, und nicht zu spät, das ist die Kunst. Und nur wenn man diese Kunst beherrscht, dann schmeckt es auch.“

Hemden, Lederschuhe und ordentliche Hosen

Welches die richtige Dose ist, und wie sie schmeckt, das hängt im Perkins Park auch vom Wochentag ab: Mittwochs tanzen die Gäste bei der Veranstaltungsreihe „Rosenberg oder Tal“ zu Mainstream-House, freitags zu Musik aus den 80ern und 90ern und samstags zu Hip-Hop und Elektro. Ähnlich gemischt ist das Publikum: Während 16-jährige Schüler bei Oberstufenpartys ihre ersten Disco-Erfahrungen machen, kommen zum „Älternabend“ hauptsächlich Gäste, die älter sind als 30. Der Perkins Park soll für alle sein. Zumindest fast: „Wir legen schon Wert auf ordentliche Kleidung“, sagt Türsteher George Arvanitidis. Ordentliche Kleidung, das heißt: keine Turnschuhe, keine Kapuzenpullis, keine bunten T-Shirts. Sondern lieber: Hemden, Lederschuhe, ordentliche Hose. Aber nicht im Sinne eines festen Dresscodes. Vielmehr solle ersichtlich sein, dass die Gäste sich Gedanken machten, wie sie am jeweiligen Abend zur Party erscheinen. „Das ist doch legitim: Wer sich nicht schick machen will, der kann ja woanders hin“, sagt Geschäftsführer Sven Genthner. Dieses Motto habe im Perkins Park Tradition. Früher habe man noch in Anzug und Krawatte auf dem Killesberg getanzt. Heute sei das nicht mehr so. Trotzdem ist es immer noch schwieriger, in den Perkins Park eingelassen zu werden, als in viele andere Clubs in Stuttgart.

Das Bistro füllt sich allmählich. Mädchen mit hochgesteckten Haaren und H&M-Kleidern sitzen an der Bar und trinken ihr erstes Glas Sekt. Aus den Boxen klingen Radiohits von Rihanna und Pink. Chris David lächelt: Wer lange in einem Club arbeite, der habe irgendwann ein Gespür dafür, was in und was out sei – und wann das eine zum anderen werde. „Die Trendwechsel sieht man auch an den Drinks: Früher haben sie sich hier alle Aperol Spritz bestellt. Jetzt ist Branca Menta im Kommen.“

David mag seinen Beruf. „Du kannst als DJ Leute aus ihrem Alltagstrott heraus reißen. Das ist geil!“ Ihm gefalle das Nachtleben, und er genieße das Gefühl, ständig unter Leuten zu sein. „Aber man muss aufpassen, dass man in meinem Beruf nicht zu einer ,Gastro-Schlampe‘ wird“, sagt David und lacht. Damit meine er Leute, die nach Ende ihrer Schicht um fünf Uhr morgens noch zu Afterpartys gingen und dort weiterfeierten. „Mach das mal zehn Jahre. Die meisten gehen kaputt!“ Er habe da nie mitgemacht, denn er sei immer in einer Beziehung gewesen. Chris David, der eigentlich Christian Oswald heißt, ist verheirateter Familienvater und hat zwei Kinder.

„Ich bin froh, wenn ich direkt danach nach Hause fahren kann“

„Are you ready?“, tönt es aus den Lautsprechern. Künstlich erzeugter Nebel verdeckt den großen Dancefloor, Lichter zucken. Es geht los. Chris David steht hinter dem Mischpult und brüllt in ein Mikrofon mit viel Hall: „Ready for tonight’s party!“ „Wuh“, schreien einige Gäste zurück. Der Beat setzt ein. Jungs mit karierten Hemden und Mädchen in langen Kleidern und engen Jeans bewegen sich mit Drinks in ihren Händen auf die Tanzfläche. Es wird voller. Chris David scheint das nicht zu beeindrucken: Mit konzentrierter Miene nickt er zum Beat, dreht an einigen Reglern und zieht sich den Kopfhörer über das linke Ohr. Er sieht den gesamten Raum bis zum Bistro-Bereich unter sich. Sein Mischpult thront über der Tanzfläche wie der Altar einer Kirche; nur über etliche Stufen erreicht man ihn.

Chris David dreht sich um, greift in einen Kühlschrank, der neben dem Mischpult steht, und öffnet sich ein Flaschenbier. Er sieht ein bisschen müde aus. „Ich arbeite heute noch bis um fünf“, schreit er, um den Beat zu übertönen und trinkt einen Schluck Bier. „Ich bin froh, wenn ich direkt danach nach Hause fahren kann. Morgen schlafe ich nämlich nicht so lange. Morgen unternehme ich was mit den Kindern!“ Chris David wendet sich wieder dem Mischpult zu, zieht den Kopfhörer über das linke Ohr und legt „Gangster’s Paradise“ von Coolio auf.

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