„neoManiacs“ bei ZDF Neo Einbruch in die Welt der Irren

Von Senta Krasser 

Das „Kuckucksnest“ lässt grüßen:   Lars Fricke (li.) und  Michael Schulte Foto: ZDF Neo
Das „Kuckucksnest“ lässt grüßen: Lars Fricke (li.) und Michael Schulte Foto: ZDF Neo

Erst im Netz, jetzt auf ZDF Neo: Youtube-Stars wollen mit dem Comedy-Format „neoManiacs“ das lineare Fernsehen erobern. Oder ist es andersrum?

Stuttgart - Gefangen in einem Keller und nur eine Stunde Zeit, um die Welt zu retten: Was sich wie ein Krimi anhört, ist tatsächlich ein Abenteuerspiel für Erwachsene und der letzte Schrei unter den Freizeitaktivitäten für vergnügungssüchtige Großstädter. Gespielt wird in sogenannten Escape Rooms. Und genau in so einen Raum, im Herzen Kölns, aus dem es (theoretisch) kein Entrinnen gibt, hat der zu Verrücktheiten neigende junge Sender ZDF Neo an diesem Märzmorgen eingeladen, um seine neue Sketch-Comedy „neoManiacs“ vorzustellen.

Der Ort der Präsentation lässt natürlich Interpretationsspielraum zu: Soll die Presse bloß nicht flüchten können vor dem, was kommt? Nun ja, soooo schlimm wird es dann doch nicht. Kein Fluchtimpuls. Man lässt sich bereitwillig ein auf die klaustrophobische Stimmung, die auch die Sketch-Serie bestimmt.

Die Rahmengeschichte geht so: Der erfolglose Schauspieler und Youtuber Lars Fricke, der sich hier selbst spielt und im wahren Leben quasi ebenso kurz vor dem ganz großen Durchbruch steht wie sein Alter Ego, lässt sich für eine Rolle zum Schein in eine Nervenheilanstalt einliefern. Er will lernen, wie man „einen ordentlichen Schizo“ spielt. Eine Kurzeinlage als Hitler mit rollendem R genügt, und schon wird Lars aufgenommen. Er trifft auf den ausgeprägt irren Anstaltsleiter Dr. Mankow und die tolle Oberschwester Cordula mit noch tollerer Haartolle, die durch kontinuierliches Nasenspraydoping beängstigende Kräfte entwickelt. Lars hat Albträume. Er will – Jack Nicholson lässt grüßen! – fliehen aus dieser „Einer flog übers Kuckucksnest“-Welt und sucht Gleichgesinnte. Soweit die vermutlich beabsichtigten Ähnlichkeiten mit dem Irrenhausfilm made in Hollywood.

Auf Youtube – und nur dort – gibt es zusätzliches Material

Ein bisschen schizophren wie Lars Fricke mutet das gesamte Projekt „neoManiacs“ made in Germany schon an. Oder, wie man auf dem Lerchenberg mit Stolz sagt: Das hier ist ein Hybridformat. Was heißen soll: „neoManiacs“ ist nicht klassisches lineares Fernsehen. Es vermischt alte und neue Medienwelt, indem einzelne Sketche noch vor der Ausstrahlung auf ZDF Neo in einen eigenen Youtube-Kanal (neomaniacs.youtube.de) ausgekoppelt wurden.

Dort – und nur dort – abrufbar ist eine Extra-Erzählung mit Geschichten vom Set („Making-of“), die, wie es in der Sprache der PR-Strategen so schön heißt, „genau wie die Serie die Grenzen zwischen Realität und Wahnsinn abtastet“.

Das eigentliche Pfund, mit dem ZDF Neo zu wuchern versucht, ist aber die Besetzung. Vorwiegend Youtube-Stars wirken bei „neoManiacs“ vor wie hinter der Kamera mit. Hauptdarsteller Fricke ist aufSceneTakeTV mit mehreren Comedy-Webformaten unterwegs. Mit AlexiBexi (Dr. Mankow), Ooobacht (Cordula) und Michael Schulte (musizierender Patient) bildete er zuvor schon ein Team namens „DWING“ („Das Web ist nicht genug“), das 2015 mit einem „neoManiacs“-Vorläufer den Experimentalwettbewerb ZDF Neo TVLab gewann – und dann im Online-Nirwana verschwand.

Nicht alle Sketche fügen sich in ein rundes Ganzes

Das TVLab ist inzwischen beim Sender leise eingeschlafen. Der Wille scheint indes ungebrochen, die jungen, wilden Webstars samt ihrer in die Millionen gehenden Fangemeinde in die alte Welt zurück­zuholen. Mit der ähnlich hybridartigen Neonazi-Parodie „Familie Braun“ nahm ZDF Neo im Vorjahr schon mal Anlauf; in Nebenrollen machten Youtuber wie der Merkel-Interviewer LeFloid mit. Neuerdings gibt es auch keine Unterhal­tungsshow mehr, in der nicht mindestens eine DagiBee den ZDF-typischen Altersschnitt senken soll. Keine Ausnahme bildet da übrigens RTL: Die Perückenfetischistin Shirin David brachte zwei Millionen ­Youtube-Abonnenten in ihre Bewerbung als Jurorin bei „Deutschland sucht den Superstar“ ein.

Gegen diese Strategie ist nichts einzuwenden. Nur geht sie bei den „neoManiacs“, zumindest inhaltlich, nicht gut auf. Man merkt dem Format an, dass zuerst das Personal da war, erst danach kam die Idee zur Serie hinzu. Nicht alle Sketche fügen sich in ein rundes Ganzes. Ganz zu schweigen vom Humor, der hier sehr speziell ist.

Der verantwortliche ZDF-Redakteur Roman Beuler sagte bei der Vorstellung: „Ob ein Sketch gut gespielt ist oder die Pointe sitzt – da gibt es keine Unterschiede zwischen der neuen und der alten Welt.“ Da ist was dran. Wer nicht sehr auf kopflose Fußballer oder Pantomime-Superhelden steht, dürfte weder im Netz noch im Fernsehen lachen.

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