Nena auf der Freilichtbühne Killesberg Weltumarmend, lebensbejahend

Von Simone Höhn 

Nena feiert auf der Freilichtbühne am Killesberg eine 80er-Jahre-Familienparty in zeitgemäßem Gewand. Gelungene Überraschung: ihre Freundin Gianna Nannini schaut kurz vorbei auf ein deutsch-italienisches Duett.

Stuttgart - Nenas Zwillinge Larissa und Saskias (28) haben Mamas Musikalität geerbt. Beim Zusatzkonzert auf der Freilichtbühne am Killesberg am Donnerstag, das längst nicht ausverkauft und daher besonders intim ist, unterstützen sie ihre Mutter als Backgroundsänger. Sakias reüssiert mit patenter Soulstimme bei „Weißes Schiff“ (1989). Würde man nicht hinsehen, könnte man meinen, da singt Xavier Naidoo.

Nenas Kinder als selbstverständlicher Teil der Band erweitern die flirrende 80er-Jahre-Konzertparty um die Atmosphäre eines kuschelig-leutseligen Familienmusikfests. Und der Menschenfängerin Nena gelingt es auf ihre charismatisch-leichtfüßige, unbekümmert und teilweise verpeilte Art, eine emotionale Verbindung zwischen ihr, der Band und den Fans zu schaffen. Gute zwei Stunden lang sind alle Teil des magischen Nena-Happy-Family-Zirkels. Dass ihr Lebensgefährte Philipp Palm währenddessen durch die Menge schlendert und fotografiert, wundert niemanden. Bilder fürs Familienalbum natürlich!

„Amore“ ist ein so viel schöneres Wort

Als Nena nach etwa der Hälfte des Konzerts eine Freundin ankündigt, die heute Abend gerne ein Lied mit ihr singen will, tippt man auf so manche. Vielleicht auf Kim Wilde, mit der Nena 2003 ihren Hit „Irgendwie, Irgendwo, Irgendwann“ auf Englisch neu auflegte. Oder auf die schwedische Sängerin Zara Larsson, mit der sie vergangenes Jahr das Lied „Only you“ aufnahm. Aber nein, es ist wirklich eine gelungene Überraschung, die die 58-Jährige aus dem Hut zaubert: Gianna Nannini!

Gemeinsam singen die beiden zwar in die Jahre gekommenen, aber immer noch leuchtenden Popstars Nenas „Liebe ist“ von 2005 in einer deutsch-italienischen Fassung. „Amore“ klingt auch einfach so viel schöner als das schnöde deutsche Wort. Es ist der Höhepunkt eines nach großen Momenten heischenden Konzerts. Dazu gehört unter anderem, dass bei „99 Luftballons“ überdimensionierte Ballons mit der Aufschrift „Love“ ins Publikum geworfen werden. Hallo, normal, wir sind schließlich bei Nena – dem weltumarmenden, lebensbejahenden „Habt-euch-alle-lieb“-Popmessias.

Dem Altern begegnet Nena mit Selbstironie

Die Sängerin begibt sich mehrere Male in die Menge, um von der großen auf die „kleinste Bühne der Welt“, wie sie es nennt, in der Mitte der Arena zu wechseln. Sie mimt den Star zum Anfassen und gibt die rockende Rampensau. Die E-Gitarre frisierend, nimmt sie ihre Fans mit zurück auf eine Reise zu ihren großen Erfolgen in die 80er Jahre, zu „Noch einmal“ vom 1983 veröffentlichten Debüt „Nena“, zu „Haus der drei Sonnen“ oder „Du kennst die Liebe nicht“, beide vom Album „Feuer und Flamme“ von 1985.

Und wenn sie nicht gerade einen Hit an den nächsten reiht – oft auch in Form von modern getrimmten Medleys, weil es einfach zu viele Kracher und Klassiker gibt, um sie alle innerhalb von zwei Stunden auszuspielen – beglückt sie das Publikum mit weniger bekannten, neueren Stücken. So zum Beispiel mit dem selbstironisch gemeinten „Berufsjugendlich“, das 2015 auf ihrem mit Samy Deluxe produzierten Album „Oldschool“ erschien. „Nena, sei doch mal nicht so berufsjugendlich“ heißt es darin. Und: „Die Leute nehmen das nicht ernst / Und es geht ihnen auf die Senkel / Die Alte macht auf hip / Dabei hat sie schon ein paar Enkel.“ Alters-Bashing rockt und nölt sie damit einfach kurz und klein.

Den Popstar-Status nimmt ihr niemand

Man kann von ihr halten, was man will, man kann ihre Musik belanglos finden, ihr vorwerfen, dass sie nur vom Erfolg längst vergangener Zeiten lebt und sie irgendwie verrückt finden. Man kann in Songs wie „Fragezeichen“ oder „In meinem Leben“ (das leider der begeistert geforderten Wiederholung vom Gianna-Nena-Duett „Liebe ist“ zum Opfer gefallen ist) aber auch einfach gelungene Popmelodien erkennen.

Nena ist das sowieso egal, den Status des Phänomens, des deutschen Markenzeichens, des Popstars nimmt ihr niemand. Sie lebt mit ihrer Musik, sie hat Spaß, sie reißt das Publikum mit, als wäre sie auf dem Zenith ihres Erfolgs. „Kind, Mädchen, junge Frau, meine jetzige Zeit als erwachsene, reife Frau und als Oma mit drei Enkeln, ich vereine das alles in mir“, hat sie einmal in einem Interview gesagt. Man glaubt es ihr.

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