Es geht voran im Wendlinger Neckarspinnerei-Quartier, indes gestaltet sich die Vermarktung des Spinnerei-Hochbaus weiter schwierig.
Die Entwicklung des Wendlinger Neckarspinnerei-Quartiers (NQ) nimmt die nächste Hürde: Einstimmig billigte der Gemeinderat in seiner jüngsten Sitzung den Entwurf des vorhabenbezogenen Bebauungsplans und beauftragte die Verwaltung den Durchführungsvertrag mit der Eigentümerin, der Wendlinger HOS-Gruppe, zur Unterschriftsreife zu bringen. „Das NQ ist eines unserer wichtigsten Entwicklungsgebiete in der Stadt, wir wollen nun den nächsten Schritt machen“, sagte Wendlingens Bürgermeister Steffen Weigel.
Entstehen soll dort in den nächsten Jahren ein ein produktives, neues Stadtquartier mit urbanem Flair. Das historische Gebäudeensemble um den markanten Spinnerei-Hochbau von 1860 wird darin sensibel durch mehrere Neubauten, die sich fast alle auf dem bisherigen Freigelände zur Autobahn hin anordnen, ergänzt.
Wendlingen: Sanierung für 27 Millionen Euro
Wohnen, Arbeiten und Produktion werden eng verzahnt – so sind die Erd- und ersten Obergeschosse der Neubauten für Start-ups und Firmen vorgesehen, darüber soll neuer Wohnraum entstehen. Das Verhältnis von Gewerbe zu Wohnen beträgt 70 zu 30 Prozent. Unzählige Gutachten und fachliche Betrachtungen von Artenschutz über Lärm bis zur Kampfmittelbeseitigung wurden laut Carmen Höfer vom Wendlinger Bauamt nach der ersten Offenlage zur frühzeitigen Beteiligung der Öffentlichkeit eingeholt. Auch das Landratsamt sowie die Denkmalschützer waren eng miteinbezogen. Es folgt nun eine weitere Offenlegung, bevor es zum endgültigen Beschluss kommt.
Mit der Sanierung des Spinnerei-Hochbaus hat die HOS indes bereits im vergangenen Juni begonnen, es ist das bislang teuerste und auch das größte Projekt der über 200-jährigen Firmengeschichte: HOS-Geschäftsführer Andreas Decker beziffert die Investition mit rund 27 Millionen Euro, bezuschusst wird das Projekt mit 1,8 Millionen Euro. In dem denkmalgeschützten Gebäude entstehen auf insgesamt 12 000 Quadratmetern über drei Geschosse moderne Gewerbeflächen.
Mit Leben Inklusiv, der ehemaligen Behindertenwerkstatt aus Frickenhausen, und dem Kreisjugendring Esslingen (KJR) stehen zwei Ankermieter schon seit längerem fest. Leben Inklusiv zieht mit seiner aktuell noch in Oberboihingen beheimateten Werkstatt um und wird im Erdgeschoss eine öffentliche Kantine betreiben. Dazu kommen Büroräume für die Verwaltung. Der KJR zieht ebenfalls mit seiner zentralen Verwaltung ins NQ ein. Im Erdgeschoss ist zudem eine etwa 400 Quadratmeter große Veranstaltungsfläche, die über die HOS vermietet wird, geplant. Ebenfalls im Erdgeschoss verbleibt der Werksverkauf der Luxorette, einem Ableger der HOS, die hochwertige Heimtextilien vertreibt. Der Werksverkauf ist auch während der Sanierung geöffnet. Verabschieden musste sich die HOS dagegen von ihrer ursprünglichen Idee, auch Wohneinheiten in den Hochbau zu integrieren – aufgrund der hohen Auflagen hinsichtlich Lärmschutz und Statik blieb hierbei die Wirtschaftlichkeit auf der Strecke.
4000 Quadratmeter müssen noch vermietet werden
Rund 4000 von den insgesamt 12 000 Quadratmetern im Hochbau sind noch frei – trotz intensiver Bemühungen haben sich bislang keine weiteren Interessenten gefunden. „Der Markt ist erschreckend ruhig“, bedauert Decker. Der Bezugstermin im Oktober 2026 steht, bei der HOS hofft man, dass die Flächen mit zunehmendem Baufortschritt besser vermarktbar werden: „Man kann sich langsam immer besser vorstellen, was dort möglich ist“, sagt Decker.
Was dagegen bereits fertig ist, sind die hinter dem Spinnerei-Hochbau liegenden Alten Werkstätten. Erste gewerbliche Veranstaltungen fanden bereits statt, ab dem kommenden Jahr wird es auch möglich sein, die 200 Quadratmeter große multifunktionale Veranstaltungsfläche für private Events zu mieten. Mit seinem flexiblen Raumkonzept inklusive Café wurde das Projekt von der Wirtschaftsförderung Region Stuttgart GmbH und der Internationalen Bauausstellung 2027 (IBA’27) ausgezeichnet.
Bis das komplette Quartier entwickelt ist, wird indes noch viel Wasser den Neckar herunterfließen, Decker rechnet noch mit mindestens zehn Jahren. Angepeilt sind drei Erschließungsabschnitte – beim ersten, der den Spinnerei-Hochbau sowie weitere Teile des historischen Altbestands beinhaltet, wird es laut Decker noch rund zwei Jahre dauern, bis alles fertig ist. Frühester Baustart des zweiten Abschnitts, der im wesentlichen einen gewerblichen Schwerpunkt zur Landesstraße hin umfasst, ist laut HOS-Geschäftsführer 2029/2030. Der dritte und letzte Teil zieht sich in den nördlichen Bereich zum Neckar hin, dort sind auch Wohneinheiten und eine große Quartiergarage geplant
Wie es mit dem NQ weitergeht
Erneute Offenlegung
Nach Billigung durch den Gemeinderat wird die Entwurfsplanung erneut öffentlich ausgelegt, was laut Carmen Höfer, der Fachbereichsleiterin der Stadtentwicklung in Wendlingen, für Jahresbeginn 2026 vorgesehen ist. Währenddessen können Einwohner und andere Beteiligte weitere Stellungnahmen abgeben, die dann in die Entscheidungsfindung einfließen. Erst danach folgt der finale Beschluss durch den Gemeinderat.
Durchführungsvertrag
Bei einem vorhabenbezogenen Bebauungsplan muss im Vorfeld zwischen der Gemeinde und dem Vorhabenträger ein Durchführungsvertrag abgeschlossen werden. Er regelt, dass der Vorhabenträger das Bauvorhaben und die Erschließungsmaßnahmen innerhalb einer bestimmten Frist umsetzen muss und wer die Kosten trägt. Die Stadt Wendlingen und die HOS tüfteln seit geraumer Zeit intensiv an dem Schriftstück – HOS-Geschäftsführer Andreas Decker rechnet damit, dass der Vertrag Ende des ersten Quartals 2026 unterschrieben wird.