Neckarpark von oben Foto: leserfotografen nadadia und gerografie

Wegen Lärmschutz-Bedenken sollen die Baupläne im Neckarpark abgespeckt werden.

Stuttgart - Christdemokraten und Freie Wähler haben die Debatte über das neue Wohngebiet auf dem Gelände des früheren Güterbahnhofs in Bad Cannstatt am Dienstag eröffnet. Der Streit schien vergangenes Jahr mit einer Grundsatzentscheidung des Gemeinderats für 450 neue Wohnungen zwischen Daimlerstraße und den Cannstatter Gleisanlagen beigelegt. Nur die FDP plädierte damals gegen den Wohnungsbau an einer Stelle, die dem Lärm vom Wasen und der Mercedes-Arena stark ausgesetzt ist.

CDU-Fraktionschef Alexander Kotz forderte am Montag eine neue Betrachtung wegen neuer Fakten. Dazu gehört zum Beispiel ein Lärmgutachten des VfB Stuttgart. Es weist um bis zu acht Dezibel höhere Messwerte aus als eine städtische Lärmuntersuchung. Der Mensch empfindet zehn Dezibel Zuschlag als Verdoppelung des Lärms.

Die Dezibel-Werte entscheiden über die Frage, ob die neuen Anwohner mit Erfolg gegen den Betrieb auf dem Wasen und dem Stadion klagen könnten. Weil die Stadt mit ihren eigenen Messungen das Problem erkannte, will sie den Bebauungsplan entlang der noch zu verlegenden Benzstraße ändern. Hier sollen Riegel aus Büro- und Gewerbeeinheiten den dahinter liegenden Wohnhäusern Lärmschutz bieten. Um die Vermarktung soll sich die städtische Wirtschaftsförderung kümmern. Bei zwei Hotelkomplexen an der Daimlerstraße, gleichfalls als Lärmschutzwand gedacht, tut sie sich sehr schwer.

Einer hat 2010 geklagt

Auch den Bewohnern des Gebietes Veielbrunnen soll die Riegelbebauung Schutz bieten. Sie können schon heute klagen. Einer hat dies 2010 getan. Der Kläger verstarb aber vor einer Entscheidung. Sie hätte zu einer Beschränkung des Volksfests nach 22 Uhr führen können. Die Uhrzeit läutet die Nachtruhe ein, ab der verschärfte Grenzwerte gelten.

Entsprechend alarmiert ist die städtische Veranstaltungsgesellschaft in.Stuttgart. Pikant: Deren Geschäftsführer Andreas Kroll hat sich für in.Stuttgart ausgerechnet die Dienste des VfB-Gutachters Thomas Heine gesichert. Der soll die städtischen Werte für den Wasen interpretieren. Es gehe um den Fortbestand eines „in Europa einzigartigen Veranstaltungsgeländes“, so Kroll am Montag bei einer Veranstaltung der Freien Wähler (FW). „Wenn es keine rechtssichere Lösung gibt, kann es auf dem Güterbahnhofgelände keinen Wohnungsbau geben“, sagt deren Fraktionschef Jürgen Zeeb. FDP-Fraktionschef Bernd Klingler kommentierte die Wandlungsfähigkeit der Kollegen vor allem von den Freien Wählern bissig. Die Einsicht von CDU und FW komme „spät, aber nicht zu spät“. Die abgewählte und zu den Freien Wählern gewechselte frühere FDP-Fraktionschefin Rose von Stein habe allerdings „unsere Idee von Gewerbe statt Wohnen geklaut“, sagt Klingler, „das ist unverschämt“.

CDU-Fraktionschef Kotz und die Stadträte Beate Bulle-Schmid und Philipp Hill (beide aus Bad Cannstatt) plädierten am Montag für eine erneute Debatte auf der Grundlage der VfB-Messwerte. „Die Stadt geht ein hohes Risiko ein, Baubürgermeister Matthias Hahn agiert hier mit der Brechstange“, sagt Hill. Der Wohnraumbedarf sei anders als in früheren Jahren in Stuttgart nicht mehr so hoch, es gebe „viele andere neue Wohnbaugebiete, und alle bieten eine bessere Qualität“, rät Kotz zur Umwandlung des Gebietes in eine Gewerbe- und Industriefläche. Bestehen bleiben könnten nur noch die Pläne für 100 Wohneinheiten als Abrundung des Gebiets Veielbrunnen samt kleinem Park. „Wenn auf dem Wasen kein Open-Air-Konzert mehr stattfinden kann wegen des Wohngebiets, ist das ein K.-o.-Kriterium“, sagt Kotz.

VfB soll sein Gutachten vorlegen

Die öko-linke Mehrheit im Rathaus sieht der erneuten Auseinandersetzung gelassen entgegen. „Es gibt keinen Grund, von den 450 neuen Wohnungen zu lassen“, sagt SPD-Fraktionschefin Roswitha Blind. Der VfB solle sein Gutachten aber auf den Tisch legen. Der Stadionbetrieb sei bisher kein Problem gewesen, der auf dem Wasen dagegen schon.

Hannes Rockenbauch, Fraktionssprecher SÖS/Linke, hält die Sorge für „konstruiert, dass hier Spießbürger hinziehen, um den VfB zu verklagen“. 450 Wohnungen in einer urbanen Mischung seien das „unterste Limit“. Man organisiere „gute Stadtentwicklung“.

Peter Pätzold und Silvia Fischer für die Grünen erwarten, dass die städtische Planung standhält. „Wohnen ist hier möglich, wir sehen dieses Gebiet nicht ideologisch“, sagt Pätzold. Fischer fragt sich, „ob man hier Werte gesucht hat, um etwas zu Fall zu bringen“. Das sei möglich, mutmaßt Pätzold, denn der Ausreißer bei den VfB-Werten ergebe sich angeblich nicht aus dem Zuschauerjubel beim Spiel gegen Hoffenheim, sondern schlicht aus Lautsprecher-Durchsagen im Stadion. Diese könne man regeln. Über die Aussage der CDU, dass sich die Wohnungs­situation deutlich entspannt habe, zeigt sich Pätzold verwundert. Noch vor zwei Jahren habe die CDU die Streichung neuer Baugebiete aus Klimaschutzgründen durch Grüne, SPD und SÖS/Linke scharf verurteilt.

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