Im Sterberegister sehen Elisabeth und Karl-Horst Marquart die Namen der durch Vernachlässigung ermordeten Zwangsarbeiterkinder. Foto: Götz Schultheiss

Drei Lager für sowjetische Zwangsarbeiter, Männer und Frauen, hat es in Vaihingen und Möhringen gegeben. Die kleinen Kinder der Arbeitssklaven galten als „Ballastexistenzen“. Der Tod war ihr Schicksal.

Möhringen/Vaihingen - Auschwitz, der Gulag, Hiroshima und Nagasaki, von Feuerstürmen verwüstete Städte: All dies steht für das Grauen im blutigen 20. Jahrhundert. Elisabeth und Karl-Horst Marquart schaffen es immer wieder, mit Stolpersteinen auf die individuellen Schicksale der Opfer des Naziterrors aufmerksam zu machen. Oft ist der Nachwelt nicht einmal der Ort ihres Leidens bekannt. So ist das Ehepaar bei seinen Forschungen auf die Standorte von drei Lagern für sowjetische Zwangsarbeiter gestoßen, die zwischen 1942 und 1945 Sklavenarbeit für deutsche Firmen verrichten mussten. Eines stand in Vaihingen, zwei in Möhringen.

Arbeitssklaven für die deutsche Industrie

„Das erste Lager für 374 Menschen stand im Hessbrühl im heutigen Vaihinger Industriegebiet, das zweite für 472 Zwangsarbeiter im Gewann Haldenwies, dort wo heute die Jugendfarm steht, und das dritte für 370 Menschen auf dem Hansa-Areal“, sagt Karl-Horst Marquart. In den Lagern vegetierten Männer und Frauen. „Ihre Kinder waren unerwünscht. Sie wurden als ,Ballastexistenzen’ bezeichnet“, sagt er. Durch Unterernährung, Vernachlässigung und Nichtbehandlung von Krankheiten habe man sie sterben lassen. Für zwölf dieser armen Geschöpfe hat das Ehepaar an den Orten ihrer Qualen Stolpersteine gesetzt.

Das Lager im Hessbrühl wurde von der „Gesellschaft für Ostarbeiter“ betrieben, welche von elf deutschen Rüstungsbetrieben gegründet worden war. Der Hauptprofiteur der Sklavenarbeit, sagt Marquart, sei das Aluminium- und Schmelzwerk Karl Schmidt gewesen, aber auch im Schamottwerk Ruppmann und bei Zulieferern von Daimler hätten die Russen und Ukrainer arbeiten müssen. Das Lager bei der heutigen Jugendfarm habe die Stadt Stuttgart betrieben: „Die Zwangsarbeiter mussten die Trümmer der Bombenangriffe auf Stuttgart beseitigen.“ Für das Hansa-Werk hätten die Sowjetbürger Handgranaten-Zünder herstellen müssen. Karl-Horst Marquart wundert sich: „Die Arbeiter im Hessbrühl wurden unter Bewachung in die Betriebe gebracht, aber niemand wollte von den Lagern gewusst haben.“ Seine Ehefrau ergänzt: „Diejenigen, die etwas wussten, haben gesagt, sie wüssten nichts und deren Nachkommen wussten wahrscheinlich tatsächlich nichts.“

Das Sterberegister führt russische und ukrainische Kleinkinder auf

Anstöße für die Forschung gab es einige. „Ich war 15 Jahre lang im Vorstand der Jugendfarm. Dort gibt es vier unterirdische Splittergräben, einer ist noch begehbar. Man erzählte, dass sich auf dem Areal nach dem Krieg ein Barackenlager für Vertriebene befunden habe. Wozu die Gräben dienten, konnte niemand sagen“, sagt Elisabeth Marquart. Er habe lange im Gesundheitsamt gearbeitet, sagt ihr Ehemann, und beim Durchsehen der Sterberegister sei er auf die Namen sowjetischer Kleinkinder gestoßen: „Als Todesursachen wurden Lungen- und Hirnhautentzündung oder ,Lebensschwäche’ angegeben.“

Bereits vor einigen Jahren haben die Marquarts im Hessbrühl Stolpersteine gesetzt: im Mai 2015 für Katharina Karanowa, die das Leben im Lager nicht mehr aushielt und in flüssiges Aluminium sprang, und im Oktober 2016 für den verzweifelten Nikolaus Tschermuk, der sich erhängte. „Damals wussten wir nicht, dass es in der Nähe das Lager gab“, sagt Marquart. Erst bei Recherchen im Stadtarchiv Stuttgart sei er auf Baupläne gestoßen. Viel mehr sei aus Dokumenten nicht zu erfahren, weil viele Akten bis 2035 gesperrt seien.

Im Gulag geht das Leiden der Überlebenden weiter

Nach dem Krieg waren die Leiden der überlebenden Zwangsarbeiter nicht zu Ende. Wegen ihrer Arbeit für deutsche Firmen kamen sie unter dem Vorwurf des Landesverrats in so genannte Filtrationslager des KGB, und viele von ihnen verschwanden danach in sibirischen Gulags. Durch die Partnerschaft der ukrainischen Stadt Poltawa mit Leinfelden-Echterdingen sei es dortigen Ämtern gelungen, die Familie von einer der Zwangsarbeiterinnen zu finden. Diese sei 1994 gestorben, aber bei einer Reise in die Ukraine habe das Ehepaar ihre Nachkommen besucht. „Das war eine bewegende Begegnung. Durch uns haben ihr Sohn und ihr Enkel erst erfahren, was ihre Mutter alles durchmachen musste. Sie selbst hat ihnen nichts davon erzählt“, sagt Marquart.

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