Der Tag nach den Ausschreitungen: Volker Kießling ist mit seinen Kindern zum Essen in die Stadt gegangen – um die Wirte im von Nazis heimgesuchten Charlottesville zu unterstützen. Foto: privat

Der Schwabe Volker Kießling hat miterlebt, wie Nazis durch Charlottesville im US-Bundesstaat Virginia marodiert sind. Unserem Lokalchef Holger Gayer hat er geschrieben, was er darüber denkt.

Stuttgart/Charlottesville - Wer hätte das gedacht? Dass ausgerechnet wir, die Generation der Aufgeklärten, registrieren müssen, wie der türkische Präsident Wissenschaftler, Richter, Journalisten ins Gefängnis stecken und einen Schriftsteller bis nach Spanien verfolgen lässt. Dass im Namen des russischen Präsidenten ein unbequemer Regisseur unter Arrest gestellt wird, der demnächst in Stuttgart eine Oper inszenieren sollte. Dass der amerikanische Präsident es nicht schafft, sich glaubhaft von Rassisten zu distanzieren, die mit Hakenkreuzfahnen durch eine Stadt jenes Landes marodiert sind, das Deutschland nach dem Ende des Dritten Reichs das Tor zur Demokratie geöffnet hat.

Volker Kießling hat hautnah miterlebt, wie der Ku-Klux-Klan und andere ultrarechte Horden in Charlottesville aufmarschiert sind. Mit seinen kleinen Kindern ist der Schwabe morgens auf dem Markt gewesen, um die wenigen Händler zu unterstützen, die sich trotz der Nazi-Demonstration auf die Straße getraut hatten. Als die Randale begann, verschanzte er sich im Haus, um seine Söhne zu schützen. Er hörte, wie Nachbarn einige Nazis vertrieben und las auf Twitter, dass ein paar Meter weiter eine Frau starb, als ein Terrorist in eine Gruppe von Gegendemonstranten fuhr.

Charlottesville ist die Heimat von Thomas Jefferson

Der promovierte Physiker aus Kirchheim/Neckar im Kreis Ludwigsburg lebt seit 15 Jahren in Charlottesville. Als Assistant Professor ist er an der dort ansässigen University of Virginia tätig. Thomas Jefferson hat die Hochschule 1819 gegründet. Der Autor der Unabhängigkeitserklärung und dritte Präsident der USA residierte damals auf seinem Landsitz Monticello vor den Toren Charlottesvilles. Heute zählt Monticello zum Weltkulturerbe der Unesco, Charlottesville gilt als Wiege der Demokratie in den USA – und Hochburg der Demokraten. Mehr Symbolik als diesen Ort aufzumischen, konnten die Nazis nicht erreichen.

In einem Brief an mich schreibt Kießling: „Diese Aufmärsche hier und auch die vermeintlich harmloseren in Deutschland haben ja immer ein Ziel: die Einschüchterung bestimmter Gruppen – Afroamerikaner und Immigranten hier, Flüchtlinge und Fremde dort. Und es funktioniert! Das ist das Erschreckende. Wir haben Studenten, denen man ansieht, dass sie nicht von hier sind und die sich deswegen nicht mehr in ländliche Regionen trauen. Umgekehrt wollten viele von hier während der Pegida-Demos nicht nach Dresden, um dort zu studieren. Deshalb ist es so wichtig, gegen diese Kräfte aufzustehen und auf die Straße zu gehen. Die Empörung der demokratischen Mehrheit muss gehört werden. Es darf keine schweigende Mehrheit geben!

Die eingeschüchtert werden, dürfen nicht alleine gelassen werden

Das ist etwas, das ich nicht zuletzt von meinem Vater, der als Kind noch die Naziherrschaft erlebt hat, gelernt habe. Die, die eingeschüchtert werden sollen, dürfen nicht alleine gelassen werden. Wir haben das Glück, in freiheitlichen Demokratien zu leben. Unsere Verfassungen haben mehr oder weniger die gleichen Grundrechte. Ich bin ein Fan des deutschen Grundgesetzes. Wie kaum eine andere Verfassung spiegelt es die Erfahrungen mit dem totalen Versagen der Zivilgesellschaft wider.

Hier in Charlottesville hat Jefferson die amerikanische Verfassung entworfen. Ein Dokument, das zu Recht gefeiert wird. Aber auch sie konnte schlimmste Verletzungen der Menschenwürde nicht verhindern.

Freiheit ist nicht einfach da, weil sie auf einem Papier steht. Was aber gutgetan hat, war die öffentliche Empörung der Mehrheit (hier und in Deutschland). Für einen Moment hatten wir das Gefühl, dass es einen Konsens über Parteigrenzen hinweg gibt. Das ist nicht zu unterschätzen.“

Dem ist nichts hinzuzufügen.

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