So friedlich wie hier bei den präparierten Exemplaren fällt die Begegnung von Wolf und Reh in der Realität nicht aus. Rehe machen einen Großteil der Wolfsrisse aus Foto: Ines Rudel

Eine Sonderschau im Schopflocher Naturschutzzentrum widmet sich der Rückkehr des Wolfes. Die Ausstellung geht der grundsätzlichen Frage nach, welchen existenziellen Spielraum die heutige Kulturlandschaft den Rückkehrern bieten kann.

Lenningen - Wer sich erinnern kann, wie er als Kind nach dem abendlichen Vorlesen einschlägiger Märchen ins Reich der Träume entschlummerte, für den stand und steht wohl bis heute fest: Der Wolf als fressgieriger Meister Isegrim hat keinerlei freundschaftlichen Gedanken verdient. Etwa Rotkäppchens zögerliche Zwiesprache mit der so seltsam aussehenden Großmutter im Bett sollte denn auch vielen Generationen als warnender Inbegriff des Bösen gelten.

Doch das letzte Wort in Sachen Wolf war damit offenbar noch nicht gesprochen. Mutete die bürokratische Formel vom „Wolfserwartungsland“ Baden-Württemberg anfangs noch reichlich theoretisch an, so änderte sich dies schlagartig, als im Juni 2015 auf der Autobahn bei Lahr der aus der Schweiz zugewanderte Wolf „M 53“ unter die Räder kam. Das Thema wurde konkret – und was es sonst noch in puncto Rückkehr von canis lupus zu vermerken gibt, zeigt die informative Ausstellung im Naturschutzzentrum (NAZ) Schopflocher Alb (Kreis Esslingen). Der fragende Titel „Und wenn der Wolf kommt?“ ist freilich von der Realität längst überholt worden: Ein Wolf, so ist zu erfahren, hat sich bereits im Nordschwarzwald etabliert, fünf weitere wurden als Durchzügler registriert, wobei drei die Reise nicht überlebt haben und zwei im Land nicht mehr nachzuweisen waren.

Wer will, kann mit den Wölfen heulen

Die von der Freiburger Stiftung Waldhaus konzipierte Schau umfasst drei größere Bereiche, greift die Beziehungen zwischen Mensch und Wolf zurück bis in die Frühzeit auf, wirft einen Blick ins Familienleben der Tiere und ihre Lebensgewohnheiten, stellt Forschungsmethoden (Monitoring) vor und geht der grundsätzlichen Frage nach, welchen existenziellen Spielraum die heutige Kulturlandschaft den Rückkehrern bieten kann. Dabei fallen die Befürchtungen vieler Menschen bis hin zu deren teils massiven Ängsten keineswegs unter den Tisch. Gemäß Untertitel der Schau wolle man „alten Mythen“ die auch wissenschaftlich untermauerten „neuen Erfahrungen“ mit der national und international streng geschützten Spezies gegenüberstellen.

Wer will, kann mit den Wölfen via Kopfhörer heulen, auch hat man ihr Beutespektrum und ihren wöchentlichen Nahrungsfahrplan „zwischen königlicher Völlerei und asketischem Fastentum“ sozusagen vermenschlicht und mittels Fleisch und Wurstwaren in Szene gesetzt. Dabei zeigt sich, dass bei jeweils vollem Wams an vier Tagen in der Woche die Küche kalt bleiben kann. Für die kleinen Ausstellungsbesucher gibt es ein Quiz und ein Bilderrätsel zu Wolf oder Hund, und in einer Sandkiste lassen sich mit Schablonen Tierspuren dokumentieren.

Die Zahl an Wölfen in Europa wird auf bis zu 20 000 geschätzt

Auch wenn der Wolf aufgrund ständig verbesserter Waffentechnik seit Mitte des 19. Jahrhunderts aus deutschen Landen verschwunden war, hat er im Sprachgebrauch und bei Bezeichnungen viele Spuren hinterlassen. Das reicht von Ortsnamen (man denke an Wolfschlugen) über Sinnbilder (Wolf im Schafspelz) bis hin zu vielen Tier- und Pflanzennamen. Auch dazu finden sich zahlreiche Beispiele in der Ausstellung.

Mit Schwerpunkten im Norden und Osten sind laut Monitoringbilanz 2016/17 im Bundesgebiet 60 Rudel und 13 Einzelpaare nachgewiesen worden. Die Zahl an Wölfen in Europa wird auf 15 000 bis 20 000 geschätzt. In den vergangenen 60 Jahren, so ist in der Sonderschau vermerkt, seien vier Menschen unter unglücklichen Umständen bei Begegnungen mit Wölfen ums Leben gekommen, andere Quellen sprechen von acht Fällen.

Wie intensiv die Wolfsfrage die Menschen beschäftigt, hat sich vor kurzem in Schopfloch gezeigt. Dort schaffte es die verschwommene Aufnahme eines wolfsähnlichen Tieres bis in die Lokalzeitung. Des Rätsels Lösung sorgte dann für Entspannung: Ein Husky war solo auf Erkundungstour.

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