Teile des Sillenbucher Naturschutzgebiet Eichenhain wurden abgesperrt. Laut der Stadt besteht die Gefahr von Astbruch, im Hintergrund schwelt zudem ein Behördenkonflikt. Während in der Bürgerschaft die Emotionen hochkochen, wird längst über ganz andere Zäune nachgedacht.
Ein Eichhörnchen ist aus dem Winterschlaf erwacht und macht sich auf die Suche nach Nahrung, eine Joggerin in Pink läuft pustend über den Weg. Das Morgenidyll scheint perfekt im Eichenhain in Sillenbuch, und doch ist die Harmonie gestört. „Barbarisch“, „eiskalte Freiheitsbeschränkung“ und „extrem besucherfeindlich“ sind Begriffe, die in den vielen Mails an unsere Redaktion fallen. „Das akzeptieren wir nicht“, sagt eine Frau vor Ort. Ein Mann wähnt sich gar in „Guantánamo“.
1,6 Hektar wurden mit einem 1200 Meter langen Zaun eingefasst
Es sind simple Absperrdrähte, die die Menschen in Wallung bringen. Zuletzt sind im Naturschutzgebiet durchs Garten-, Friedhofs- und Forstamt 1,6 Hektar mit einem 1200 Meter langen Zaun eingefasst worden, Nebeneingänge wurden mit Gittern verbarrikadiert. Die Stadt als Eigentümerin der Fläche hat die Verkehrssicherungspflicht, und bei einer Kontrolle seien schwere Schäden an Bäumen festgestellt worden. Es bestehe Astbruchgefahr, manche Eichen seien nicht standfest. Brüchige Äste am Hauptweg sind daher bereits Ende 2024 entfernt worden. „Für diese Arbeiten hat das Regierungspräsidium Stuttgart dem städtischen Amt eine Ausnahmegenehmigung erteilt“, heißt es aus dem Rathaus. Für andere Bereiche des Eichenhains habe die Stadt jedoch keine Befreiung von Verboten der Naturschutzgebietsverordnung erhalten – daher habe sie sich „leider gezwungen“ gefühlt, Zäune aufzustellen. Denn sollte jemand verletzt werden, haftet die Stadt.
Das Ergebnis ärgert viele maßlos, zumal einige Bänke nun hinter dem Draht liegen. Ein 83-jähriger Sillenbucher echauffiert sich vor Ort zum einen über die Ästhetik, „jetzt ist es verschandelt“. Zum anderen bezweifelt er die Sinnhaftigkeit. „Sie können sich nicht in der Natur bewegen ohne ein Risiko, sich zu verletzen“, sagt er, im Wald gebe es ja auch keine Zäune. Sein 82-jähriger Nachbar wittert eine Steuerverschwendung. Der Zaun – laut Stadt hat er 20 000 Euro gekostet – ist für ihn „ein Granatenquatsch“. Resümee des Rentners: „Für mich wirkt es gängelnd.“
Der Zaun wurde zerschnitten, Plakate heruntergerissen
Die Volksseele kocht in Sillenbuch so sehr, dass der Zaun offenbar bereits durchgeschnitten wurde. Plakate, die auf die Gefahr von Astbruch hinweisen, wurden heruntergerissen. Viel Kritik schlägt beim Bezirksvorsteher Hans Peter Klein auf. Er könne nichts anderes tun, als gebetsmühlenartig die Argumente des Fachamts weiterzugeben. Einschätzen, welcher Ast potenziell gefährlich sei und welcher nicht, könne er sowieso nicht. „Da verlasse ich mich auf das Fachamt, das zu beurteilen“, sagt er. Der dünne Draht ist zum Politikum geworden, sodass sich selbst Dirk Thürnau, der zuständige Bürgermeister, gezwungen fühlt, sich zu äußern. „Bedauerlicherweise handelt es sich im vorliegenden Fall um einen klassischen Konflikt zwischen Naturschutz und Verkehrssicherungspflicht“, heißt es in einer Mail an unsere Redaktion. Um diesen für Erholungssuchende zu lösen, werde für die betreffenden Bäume eine Genehmigung des Regierungspräsidiums benötigt. „Solange diese nicht vorliegt, muss aus Gründen der Sicherheit der Zaun weiterhin bestehen bleiben.“
Im Regierungspräsidium (RP) weist die Sprecherin Stefanie Paprotka derweil auf die Einzigartigkeit des Gebiets hin, „daher muss die Stadt Stuttgart vor einem Eingriff in die Bäume prüfen, ob es zum Schnitt an Bäumen oder der Fällung mildere Mittel gibt“. Zumal: Aus Sicht der oberen Naturschutzbehörde sei es mit einmaligen Schnittarbeiten sowieso nicht getan, da sich Bäume kontinuierlich verändern. Das Regierungspräsidium habe deshalb „in zahlreichen schriftlichen und mündlichen Äußerungen und Mitteilungen gegenüber der Stadt darauf hingewiesen – und versucht darauf hinzuwirken –, dass eine dauerhafte Lösung der Zielkonflikte Erholung und Naturschutz erarbeitet wird, beispielsweise durch eine Besucherlenkung, wie sie auch in anderen Naturschutzgebieten praktiziert wird“. Konzeptentwürfe lägen vor. Bereits im Mai 2024 habe die Regierungspräsidentin Susanne Bay daher den Oberbürgermeister Frank Nopper angeschrieben.
Picknicks, Hunde ohne Leine oder Fahrräder sind ohnehin verboten
Fakt ist: Abseits der Hauptwege ist im Eichenhain sowieso kaum etwas erlaubt. Entgegen der Annahme, es handle sich um einen Park, sind auf dem Gelände mit der einzigartigen Flora und Fauna Kinderspiele, Picknicks, Hunde ohne Leine oder Fahrräder auf den Trampelpfaden seit mehr als 70 Jahren verboten. Große Schilder weisen vor Ort darauf hin. Faktisch interessiert das aber nur wenige. Vor allem an schönen Wochenenden ist im Eichenhain Halligalli. Und das ist auch der Grund, warum nun tatsächlich neue Zäune drohen – massiv und dauerhaft. „Das starke Betreten der Magerrasen am Plateau stellt eine Beeinträchtigung der dortigen Pflanzen und Tiere dar und ist nach Einschätzung der Unteren Naturschutzbehörde der Stadt Stuttgart mit dem Schutzzweck des Naturschutzgebietes nicht vereinbar“ , heißt es aus dem Rathaus.