Waldheimkinder stürmen in den Eichenhain. Das Foto stammt aus dem Jahr 2011. Foto: Archiv Sägesser

Die Behörden müssen entscheiden, ob und wie der Eichenhain in Stuttgart-Sillenbuch künftig von Kindern genutzt werden darf. Im Waldheim, in Schulen, Kindergärten, Betreuungsgruppen sowie der École Maternelle beobachtet man bange, ob ein Verbot verhängt wird.

Sillenbuch - Die evangelische Kirchengemeinde Sillenbuch hängt in der Warteschleife. Bis Mitte Juli soll sich entscheiden, wie es mit dem Waldheim weitergeht. Seit Jahr und Tag wird im Rahmen der Ferienbetreuung der nahegelegene Eichenhain als Spiel- und Pausenfläche genutzt. Dem will das städtische Amt für Umweltschutz nun aber einen Riegel vorschieben. Der Eichenhain ist ein Naturschutzgebiet, daher sind grundsätzlich Handlungen verboten, die zu einer Beschädigung, Beeinträchtigung oder nachhaltigen Störung führen können, wie es im Amtsdeutsch heißt. Die Gemeinde wiederum hat beim Regierungspräsidium einen Antrag auf Befreiung gestellt. Das Ergebnis steht aus.

Immerhin: Die Stadt hat den Veranstaltern eine Tür geöffnet. Bei einem Vor-Ort-Termin ist jüngst ein möglicher Kompromiss in den Fokus gerückt. Denkbar ist, dass die Kinder ein speziell ausgewiesenes Areal zugeteilt bekommen. Wenn die Naturschutzverbände gehört wurden, soll sich entscheiden, wie es weitergeht – und das keinen Tag zu früh, denn am 29. Juli startet das Waldheim bereits.

Es seien viele Kinder dort – das sei sinnvoll

Doch nicht nur dort sitzt man auf heißen Kohlen. In Gehweite befinden sich etliche Kindergärten, -häuser oder -gruppen, und das Gros nutzt mehr oder minder häufig und mehr oder minder intensiv den Eichenhain für Aktivitäten. Angela Hilbert-Maisch, die Leiterin der Kita Pusteblume, stellt klar: „Die sind alle dort, und das macht ja auch Sinn.“ Sie gehe mit ihren Kindern regelmäßig ins Gebiet – um Blätter zu beäugen, Sinneserfahrungen zu machen, über Tiere und Jahreszeiten zu sprechen, aber auch um im Schatten zu vespern und die Kleinen die Natur erkunden zu lassen. Für den Träger, das katholische Dekanat, gehört das zur Konzeption. „Ich finde es ganz wichtig, dass sich Kinder nicht nur in menschlich aufbereiteten Räumen aufhalten“, sagt Daniela Naumann, die Sprecherin.

„Das wäre katastrophal“

Ist all das möglicherweise schon in Kürze passé? Die Aufregung ist groß im Stadtbezirk. In der École Maternelle spricht man darüber, in der Grundschule Riedenberg, im Kinderhaus Heuschrecken ebenfalls. Die dortige erzieherische Leiterin, Ulrike Seitter, erklärt dazu: „Wir sind mehrmals die Woche dort, es ist für uns ein weiterer Lebensraum. Das wäre katastrophal, wenn die rigoros sagen würden: raus!“

Von der Stadtverwaltung wünschen sich alle Pädagogen eine Entscheidung mit Augenmaß. „Ich finde, dass man das Kind nicht mit dem Bade ausschütten darf. Ich glaube, dass alle Seiten dasselbe Anliegen eint“, sagt Daniela Naumann. Alle betonen, verantwortungsvoll mit dem Thema Naturschutz umzugehen. „Wir lesen gemeinsam die Schilder, die Kinder fragen auch danach“, sagt Angelika Hoffmann aus dem Kindergarten Sonnenschein. Die Kinder blieben zudem stets in einem kleinen Radius, allein schon wegen der Aufsichtspflicht. Auch Angela Hilbert-Maisch aus der Kita Pusteblume spricht von Kleingruppen: „Es ist nicht so, dass wir überfallartig in den Eichenhain einziehen.“ Mehr noch: „Wir kommen oft mit Mülltüten und nehmen die Flaschen mit, die dort rumliegen.“

Gibt es bald Kontrollen im Eichenhain?

Was die Stadtverwaltung daraus machen wird, ist unklar. Ann-Katrin Gehrung, eine Sprecherin, teilt mit, dass allen Beteiligten klar sei, dass auch Kitas das Naturschutzgebiet besuchten. Ausflüge in die Natur gehörten in den städtischen Kitas tatsächlich zum Bildungsangebot. „Sobald klar ist, welche Regeln zukünftig für das Waldheim gelten, werden wir uns mit dem Regierungspräsidium abstimmen und auf die Kitas zugehen“, sagt sie. Das Waldheim nutze die Flächen am stärksten, „deshalb haben wir uns zunächst mit ihm beschäftigt und werden weitere Gruppen sukzessive abarbeiten“. Aktuell stimme man sich intern ab, ob es künftig Kontrollen geben werde. „Außerdem ist es der allgemeine Wunsch, die jetzige Naturschutzgebietsverordnung zu aktualisieren. Hier werden wir das Gespräch mit dem Regierungspräsidium suchen.“

Was ein Aus fürs pädagogische Konzept der örtlichen Kitas bedeuten würde? Angelika Hoffmann spricht von einer „definitiv großen Einschränkung“. Ihre Kollegin Angela Hilbert-Maisch stellt die Gegenfrage. „Man muss sich umgekehrt fragen, was bedeutet es, wenn die Kinder nicht mehr an die Natur herangeführt werden? Auf jeden Fall wäre es ein großer Verlust – für die Kinder und die Zukunft.“ Auch Ulrike Seitter aus dem Kinderhaus Heuschrecken hofft auf ein gutes Miteinander und konstruktive Gespräche, „der Eichenhain ist ein guter Platz dafür“.

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