Auf der Rüderner Heide rund um die Katharinenlinde sind Naturschutzmaßnahmen für Eidechsen und andere Tiere umgesetzt worden. Foto: Roberto Bulgrin

Rund um die Katharinenlinde in Rüdern entsteht ein Habitat für Eidechsen – mit Sonnendeck und Rückzugsräumen. Einziehen werden dort demnächst die Tiere, die in der Neuen Weststadt ihren angestammten Lebensraum verloren haben.

Eidechsen geht es in Esslingen bestens. Denn die Reptilien bekommen, wovon Normalsterbliche nicht einmal zu träumen wagen – De-luxe-Wohnraum in bester Lage zum Nulltarif. Auf der Rüderner Heide rund um die Katharinenlinde wird für sie und andere Tiere wie Fledermäuse, Insekten oder Vögel ein Edel-Habitat mit vielen Extras geschaffen. Im Februar vergangenen Jahres war der Startschuss für die Arbeiten gewesen. Nach über einem Jahr sei die Umgestaltung nun weitgehend abgeschlossen, sagt Sascha Arnold vom städtischen Grünflächenamt. Nun gehe es an den Feinschliff.

 

Ein Eldorado für Eidechsen

Manche mögen’s wild. Eidechsen, so erklärt der Naturschützer, fühlen sich in wilden Steppen pudelwohl. Doch solch karge Landschaften hätten schlecht zu einem populären Ausflugsziel wie der Katharinenlinde gepasst. Die Gestaltung des künftigen Eidechsen-Eldorados sei daher von Landschaftsarchitekten und Biologen ausgetüftelt worden. Eine Kombination aus diesen Berufsgruppen könne für Zündstoff sorgen, sagt Arnold. Denn Landschaftsarchitekten legten Wert auf ein ästhetisches Erscheinungsbild und eine propere Optik, während es Biologen um einen optimalen Lebensraum für Tiere, gute Voraussetzungen für Vielfalt, Biodiversität und Insektenschutz gehe, um dem Artensterben Einhalt zu gebieten. Das sei ein Balanceakt, der an der Katharinenlinde harmonisch habe ausbalanciert werden können. Ein Kompromiss aus augenscheinlich Ansprechendem und biologisch Effizientem ist nach Ansicht des Landschaftsplaners auf der Rüderner Heide gelungen.

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Seit Februar 2021 wird dort an einem Wohlfühlambiente vor allem, aber nicht nur für Eidechsen gearbeitet. Für die Reptilien wurde einiges getan. Mäuerchen wurden an der Gollenstraße und am Hochbehälter der Stadtwerke errichtet. Ein weiterer kleiner Wall wurde westlich des Hochbehälters hochgezogen: „Von dort aus haben Besucher eine wunderbare Aussicht auf die Grabkapelle. Wir nennen den Ort daher nur den Württemberg-Blick“, sagt Arnold. Das Panorama wird die Eidechsen zwar weniger beeindrucken. Doch auch für sie sind die Trockenmauern nützlich – denn die wärmespeichernden Steine dienen als Rückzugsort, Versteck und Sonnenbank. Im Zuge der Arbeiten wurde aber auch die Aufenthaltsqualität für Menschen rund um die Katharinenlinde weiter verbessert: Neue Sitzgelegenheiten wurden geschaffen, gut 10 000 Quadratmeter blütenreiche Aussaat ausgebracht und naturnahe Randbereiche angelegt.

Trockenholz für Artenvielfalt

Der Clou der Neugestaltung sind aber laut Sascha Arnold Eichenholzstapel, die mit Eisenstangen fixiert wurden. Die Anregung zu diesen Totholzstapeln stamme von der Landesgartenschau in Heilbronn und wurde nun in Esslingen aufgegriffen. Das Holz werde morsch, zersetze sich, biete dann einen optimalen Lebensraum und lade Tierarten wie Wildbienen, Käfer und andere Insekten zum Aufenthalt oder Einnisten ein. Ursprünglich waren für das gesamte Naturschutzprojekt auf der Rüderner Heide Kosten in Höhe von 250 000 Euro anvisiert, sagt Arnold. Am Ende werden die Arbeiten wohl nur mit gut 220 000 Euro zu Buche schlagen.

Paradies für ehemalige Weststädtler

Die Arbeiten liegen laut Arnold im Zeitplan. Trotz Corona-Erkrankungen beim Personal der ausführenden Baufirma seien die meisten Arbeiten bereits erledigt. Im Laufe des Frühjahres, voraussichtlich bis Ende Mai, soll die Umgestaltung abgeschlossen sein. Dann sind die tierischen Wohnräume bezugsfertig. Im Umfeld der Rüderner Heide gebe es viele Tiere, darunter auch Eidechsen , die sich im neu geschaffenen Ambiente rasch einleben könnten, sagt Arnold.

Diese mutigen „Hausbesetzer“ werden natürlich geduldet. Doch gebaut wurde für eine andere Klientel. Gedacht ist das Eidechsenparadies an der Katharinenlinde vor allem für die bisherigen Bewohner der Neuen Weststadt. Auf dem Areal des ehemaligen Esslinger Güterbahnhofs entsteht für etwa 146 Millionen Euro ein neuer Campus für die Hochschule Esslingen. Der Bereich mit Hörsälen, Büros, Bibliothek und Mensa soll bis 2025 fertiggestellt sein und den Standort an der Flandernstraße langfristig ersetzen. Viele Eidechsen hatten dort vor dem Anrollen der Bagger gelebt. Doch mit dem Beginn der Bauarbeiten musste vor allem für die streng geschützten Zauneidechsen nach Angaben Arnolds ein neues Zuhause gefunden werden. Übergangsweise wurden sie zunächst auf das Gelände des Neckaruferparks gebracht. Doch wenn dort 2023 ebenfalls planmäßig mit Bauarbeiten begonnen wird, müssen die bereits umzugserprobten Tiere erneut ihr Ränzlein schnüren. Sie werden dann in Esslinger Höhenlage rund um die Katharinenlinde angesiedelt, sagt Arnold. Auf der Rüderner Heide sei bis dahin alles für die Neuankömmlinge vorbereitet.

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Das Naturschutzprojekt an der Katharinenlinde

Das Einfangen
An der Katharinenlinde wird ein neuer Lebensraum für Eidechsen geschaffen. Vor ihrer Umsiedlung müssen sie eingefangen werden. Das geschieht laut Sascha Arnold auf zwei Arten: Einmal durch Handfangen nach einem langsamen Annähern. Und dann mit Schlingenfang. Klingeschlingen ähnlich einer Angelrute würden von den Tieren nicht als Bedrohung empfunden, und sie könnten so vorsichtig von Spezialisten eingefangen werden. In Baumwollsäckchen könnten die Tiere dann stressfrei umgesiedelt werden.

Das Ausflugsziel
Das Areal rund um die Katharinenlinde soll als beliebter Naherholungsraum weiter aufgewertet werden. Laut Sascha Arnold werden gerade Infotafeln entworfen. Sie sollen über das Eidechsen-Projekt informieren und in Kürze aufgestellt werden. Längerfristig seien auch naturkundliche Führungen geplant.