Gotthold Schmid erklärt Stefanie Klein, wie Insekten wohnen: in Lochbacksteinen, aber auch in Schilfrohr. Foto: factum/Simon Granville

Kinder und Jugendliche aus der evangelischen Kirchengemeinde haben mitgeholfen, am Ortsrand von Schöckingen ein Insektenhotel anzulegen. Gotthold Schmid macht das Ganze auf einer städtischen Wiese zum Naturschutzprojekt.

Ditzingen - Ein uralter Birnbaum streckt seine mächtigen Äste 15, 20 Meter in die Höhe. Der auch schon angejahrte Apfelbaum ein paar Meter weiter trägt ebenfalls Früchte. Darunter wachsen hoch die Disteln. Wiederum gleich daneben blühen gelbe Ringelblumen, blauer Borretsch und große Sonnenblumen. Was am Ortsrand des Ditzinger Stadtteils Schöckingen wie ein wild verwucherter Flecken Erde aussieht, ist in Wahrheit ein Naturgarten. Mittendrin, direkt am dicken Stamm des Mostbirnenbaums, steht ein Haus – mit 25 Zimmern in Backsteingröße. Ein Insektenhotel. Kinder und Jugendliche haben es mit Unterstützung der Diakonin Stefanie Klein und ihres Mannes Uwe angelegt – nach einer Idee des evangelischen Pfarrers Holger Küstermann und mit Hilfe von Gotthold Schmid. Drumherum brummen und summen die Bewohner.

Der Pfarrer habe ihn im Februar angerufen, erzählt Gotthold Schmid. Als ehemaliger Landwirt und Mitarbeiter der Kirche ist er mit der Natur verbunden und hat viele Kontakte. Ob er einen Platz für ein Bienenhotel wisse? Denn die Kirchengemeinde wollte mit ihren Konfirmanden etwas für wilde Insekten tun. „Da hat Herr Küstermann bei mir offene Türen eingerannt“, meint Schmid. „Das ist doch eine gute Chance für naturbezogenen Unterricht und für das Thema Gottes Schöpfung“, habe er sich gedacht. Nach Gesprächen mit dem Rathaus verpachtete die Stadt der Kirchengemeinde ein siebenhundert Quadratmeter großes Grundstück am Ortsrand – das direkt an Schmids Garten angrenzt.

Wie aus dem Lehrbuch

Das Beziehungsgeflecht im Dorf wurde weiter genutzt: Der Ehemann der Diakonin Stefanie Klein zimmerte in seinem Betrieb ein Insektenhotel, wie es im Lehrbuch der Naturschützer steht. Es bekam 27 Fächer – genug, damit die 20 Konfirmanden und die sechs- bis siebenjährigen Besucher der Kinderstunde je eine Patenschaft übernehmen konnten. „Jeder sollte eine Wohnung gestalten“, berichtet die Diakonin, die sich als „naturverbundenen Menschen“ sieht und mit Kindern und Jugendlichen gerne draußen agiert.

„Wir wollten das alles ausführlich besprechen“, bedauert die 45-Jährige, aber dann seien die Corona-Kontaktbeschränkungen gekommen und der Konfirmandenunterricht ausgefallen. Immerhin aber haben Luca und Josie, Linus und Paula, Elias, Tim und Hansgeorg ihre Zimmer für die kleinen Freunde gestaltet – mit Loch-Backsteinen, Schilfrohren oder dünnen ausgehöhlten Ästen. „Jeder hat etwas mitgebracht“, erzählt die Diakonin mit Freude. Im Juli wurde das Ganze aufgebaut.

Auch bei der Stadt ist man begeistert über die gelungene Aktion. „Wir unterstützen das gerne“, sagte der Rathaussprecher Jens Schmukal, „es ist gut, wenn so ein Flecken im Ort dazwischen ist.“

Gemeinsamkeit im Dorf

Für Gotthold Schmid ist es nicht das erste Mal, dass er Gemeinsamkeit im Dorf erfährt. Dass man zusammenhält in Schöckingen, bewiesen die Nachbarn und viele andere aus dem Stadtteil vor sechs, sieben Jahren tatkräftig. Da hatte Ende November 2013 ein Feuer auf dem Hof der Schmids getobt: Die Scheuer brannte aus, das Wohnhaus daneben wurde unbewohnbar. Bis der Neubau fertig war, kamen Schmids in einer Wohnung bei Nachbarn unter. In den Tagen nach dem Brand halfen zahlreiche Menschen mit, den Hausrat des Ehepaars zu bergen und alles, was verwertbar schien, zu spülen, zu putzen und zu waschen. „Die Dorfgemeinschaft hat uns aufgefangen“, erzählt der 81-Jährige. Große Dankbarkeit schwingt in seinen Worten mit.

Jetzt schafft Gotthold Schmid in dem Naturgärtle, freut sich über die blühenden Blumen, die wilden Bienen und Wespen – und darauf, dass Stefanie Klein das Naturschutzprojekt mit der nächsten Konfirmandengruppe fortführt. Im Februar wollen sie alle zusammen eine Linde pflanzen. Ein Baum für die Zukunft. Auch ein Gärtle für die Kinder kann sich die Diakonin vorstellen. Darin könnte man Tomaten, Bohnen oder Beeren anpflanzen – und ernten. Vielleicht fangen sie auch schon demnächst damit an, Äpfel zusammenzulesen, die sonst verfaulen würden. Obst zu retten, ist schließlich auch eine Tat für Gottes Schöpfung.

Naturschutz in Ditzingen

Projekte
Mit zahlreichen Projekten betreibt die Stadt Ditzingen seit Jahren Natur- und Artenschutz.

Schwalben
Das Ehepaar Else und Richard Arzt hat 2018 einen Preis für sein Engagement bekommen: Die beiden hängten im Ort 14 Schwalbennester auf.

Tauben
Die Stadt lockt Tauben vom westlichen Ortsrand weg in ein neues Taubenhaus.

Wald
Auf 1,5 Hektar Fläche entsteht ein Feld für dreierlei Eichen – ein Versuch, der für zwei oder drei Jahrzehnte angelegt ist.

Obstbäume und Blumen
Die Stadt verschenkt regelmäßig junge Obstbäume, die Privatleute dann auf Ditzinger Grundstücken anpflanzen. Damit sollen Streuobstwiesen erhalten werden. Auch Samentütchen werden ausgegeben, damit mehr Blumen in der Stadt blühen.

Nabu
Der Naturschutzbund (Nabu) beteiligt sich an der Pflege von Biotopen, und er kümmert sich um Nistkästen für Singvögel und den Steinkauz.

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