Die neue Rote Liste der Landesanstalt für Umwelt zeigt eine bedenkliche Abwärtsentwicklung: 59 Prozent der Arten gelten als bedroht. Erholen konnten sich nur sechs von 200 Spezies, darunter Meister Adebar.
Wer hat auch nur annähernd eine Ahnung, wie der Triel aussieht? Es handelt sich um einen hochbeinigen, sandfarbenen und gar nicht so kleinen Vogel, der vor allem im Brachland oder auf den Kiesbänken von Flüssen lebt. In Deutschland galt der Triel schon seit dem 19. Jahrhundert als ausgestorben – doch nun hat er sich am Oberrhein wieder mit einigen Brutpaaren angesiedelt. Offensichtlich findet er nun wieder Biotope vor, die ihm ein Überleben ermöglichen.
Das ist ein Lichtblick in einer ansonsten sehr trüben Bilanz, die die Landesanstalt für Umwelt dieser Tage veröffentlicht hat. Denn die neueste Fassung der Roten Liste für die 200 regelmäßig im Südwesten brütenden Vogelarten zeigt eine weitere Verschlechterung gegenüber der letzten Roten Liste mit Stand 2013 – nun sind lediglich noch 41 Prozent aller Vogelarten im Südwesten in ihrem Bestand nicht gefährdet.
27 Vogelarten gelten im Land als ausgestorben
In Worten heißt das: Nur noch 82 Vogelarten sind so zahlreich in Wald und Flur vertreten, dass man sich um sie keine Sorgen machen muss – dazu gehören natürlich Amsel, Star und Kohlmeise, aber etwa auch der Waldkauz oder der Weißstorch. Letzter ist, um noch eine positive Nachricht einzustreuen, der Shootingstar der Liste: Stand er bis zuletzt noch auf der Vorwarnliste, so konnte er nun ganz aus dem Reigen der gefährdeten Arten entlassen werden. Tatsächlich ist Meister Adebar mittlerweile wieder häufig in der Landschaft zu sehen, auch wenn es für jeden Vogelfreund noch immer eine große Freude ist, den großen schwarz-weißen Zugvoll zu entdecken. Ulrich Maurer, der Präsident der Landesanstalt für Umwelt (LUBW), betonte jedenfalls: „Diese Erfahrung zeigt, eine Trendumkehr ist durch das gemeinsame Engagement aller Beteiligten möglich.“
Am anderen Ende der Skala aber haben die Ornithologen der LUBW nun den Flussuferläufer, das Haselhuhn und den Raubwürger ganz beerdigt – sie gelten in Baden-Württemberg als ausgestorben, ebenso wie zuvor schon 24 weitere Brutvogelarten. Auch beim Auerhuhn setzt sich der Rückgang fast ungebremst fort – im vergangenen Jahr wurden nur noch 114 Hähne gezählt.
Schon seit Längerem bekannt ist, dass gerade die Vögel, die in der offenen Flur leben und am Boden brüten, dramatisch in ihrem Bestand einbrechen. Kiebitz, Rebhuhn oder Braunkehlchen werden deshalb in der höchsten Gefährdungsstufe geführt, die diesen Namen trägt: vom Erlöschen bedroht. Sie leiden unter der intensiven Landwirtschaft, in der das Gras sehr häufig gemäht wird, in der der Boden oft mechanisch bearbeitet wird und in der das Futter fehlt, weil Ernten schnell abgeräumt und Insekten immer seltener werden.
Vor allem die Vögel der Feldflur sind massiv bedroht
Nabu-Landeschef Johannes Enssle kritisiert deshalb vor allem, dass die baden-württembergische Landesregierung nach Jahren der verstärkten Förderung nun die Mittel für den Naturschutz gekürzt hat. Er befürchtet auch, dass „das im Koalitionsvertrag versprochene Bodenbrüterprogramm vermutlich in der Versenkung verschwinden“ wird. Das sei angesichts dieser neuen alarmierenden Zahlen nicht hinnehmbar.
Auch in den Wäldern ist die Entwicklung negativ
Aber schon die letzte Fassung der Roten Liste, in der ausführlicher auf die Ursachen der Artenrückgangs eingegangen worden war, hatte deutlich gemacht, dass nicht nur die Landwirtschaft eine besondere Verantwortung trägt. Erstmals war 2013 auch die Forstwirtschaft als Gefährdungsursache aufgenommen worden, weil mittlerweile nur noch rund die Hälfte der Wälder als naturnah gilt. Und auch Vogelarten, die Kulturfolger sind und in der Nähe von Siedlungen leben, sind immer stärker bedroht.
Inwieweit die Anstrengungen der baden-württembergischen Landesregierung beim Artenschutz, etwa mit dem Biodiversitätsstärkungsgesetz, Erfolge zeitigen, lässt sich aus den neuen Zahlen nicht herauslesen – wie erwähnt, sind in die neue Liste Bestandszählungen bis Ende 2016 eingeflossen. Immerhin gibt es nun mehr Geld, um ein regelmäßiges professionelles Monitoring zu finanzieren. Daneben tragen in Baden-Württemberg viele Tausend Vogelliebhaber zur Erweiterung der Daten bei.
Rote liste für Heuschrecken
Auflistung
Im Sommer hatte die LUBW auch die Rote Liste für Heu- und Fangschrecken aktualisiert. Bei diesen Insekten ist die Entwicklung zum Glück nicht ganz so dramatisch: 30 von 70 Arten – das entspricht 43 Prozent – gelten als gefährdet. Diese Zahl liegt auf dem gleichen Niveau wie 1998.
Veränderungen
Bei einzelnen Arten hat sich aber viel getan. 17 Arten, so die wärmeliebende Große Schiefkopfschrecke, konnten sich ausbreiten. Umgekehrt musste bei 14 Arten, so bei der Rotflügeligen Ödlandschrecke, die Gefährdungsstufe erhöht werden. Sie ist nun vom Aussterben bedroht.