Kleine Wolken von schwirrenden Mücken kündigen die kalte Jahreszeit an. Foto: Michael Eick

Ein letzter Hauch von Sommer? Die Wintermücken bieten derzeit ein besonderes Naturschauspiel. Dieses hat in früheren Zeiten Dichter inspiriert und wurde zur Wettervorhersage genutzt.

Fellbach - Es ist ein ganz spezielles Spektakel, das man bei einem Abendspaziergang in den wärmenden Sonnenstrahlen erleben kann: kleine Wolken von schwirrenden Mücken, die in einem wilden Durcheinander umherfliegen, förmlich auf und ab tanzen, dann plötzlich wieder verschwinden und kurz danach wieder wie aus dem Nichts auftauchen. Dieser Mückentanz wirkt wie ein letztes Aufbäumen der warmen Jahreszeit, erinnert an Frühling, Sommer und die Monate, in denen man eher solch ein Naturschauspiel erwarten würde. Aber das Phänomen der schwärmenden Wintermücken kündet nun eher den langsam nahenden Winter an.

Die kalte Jahreszeit ist es nämlich, in der die Wintermücken aktiv sind – im Gegensatz zu allen anderen Insekten. Sie tauchen erst ab dem Herbst auf und sind dann die Wintermonate über aktiv. Mit der winterlichen Kälte kommen sie bestens zurecht, tiefe Temperaturen können ihnen nichts anhaben. Während viele anderen Insekten den Winter nur als Ei, Larve oder Puppe oder allenfalls frostfrei versteckt als erwachsenes Tier überstehen, kommen die Wintermücken im Winter erst so richtig auf Betriebstemperatur. Ein Glycerin-ähnliches Frostschutzmittel verhindert, dass die Zellen gefrieren. So können diese einzigartigen Mücken auch bei Temperaturen um die null Grad Celsius aktiv sein.

Die Mückenmännchen locken mit Duftstoffen die Paarungspartnerinnen an

An sonnigen Wintertagen sieht man die Mückenmännchen dann in großen Schwärmen aus mehreren hundert oder auch mehr als tausend Tieren. Für Menschen besteht überhaupt kein Grund zur Sorge: Die Wintermücken, die eine eigene Familie bilden, sind vollkommen harmlos. Sie sind keine kälteresistenten Killermücken, die auf menschliches Blut aus sind. Die schwärmenden Mücken haben etwas anderes im Sinn: Sie tanzen, um gefunden zu werden – und zwar von Artgenossinnen. Die gemeinsam schwirrenden Mückenmännchen erzeugen einen Summton, der von den Weibchen der eigenen Spezies optimal wahrgenommen wird. Außerdem locken sie noch mit Pheromonen, also spezifischen Duftstoffen, potenzielle Paarungspartnerinnen an. Die weiblichen Wintermücken fliegen in den Schwarm hinein und werden dort im Flug begattet.

Auch die Männchen haben im Schwarm wohl immer wieder Körperkontakt, wenn sie mit ihren weit auseinander gestreckten Beinen, die in alle Richtungen wie Antennen wegstehen, umherschwirren. Fürs menschliche Auge ist das schwer zu erkennen, aber auf Fotoaufnahmen erkennt man, dass sich die Flieger für Bruchteile einer Sekunde berühren. Was flüchtig betrachtet wie ein komplettes Chaos wirkt, entfaltet bei längerer Beobachtung eine gewisse Regelhaftigkeit: In der Abendsonne erheben sich die Mücken gemeinsam von ihren Ruheplätzen und beginnen mit ihrem Flug. Wie auf ein geheimes Startsignal hin trifft sich der Schwarm knapp über der Vegetation. Dann steigen die Mücken flott mit einigen Flügelschlägen hinauf, lassen sich wieder ein bisschen fallen, flattern dann wieder hoch und wieder hinab. Bei diesem Zick-Zack-Flug endet jede Abwärtsbewegung immer ein wenig höher als zuvor. So steigt der Schwarm Stück für Stück immer höher auf, bis zu drei Meter geht es hoch. Und dann stürzen blitzartig alle Mücken wieder hinab und lassen sich auf ihren Startplätzen nieder. Dort ruhen sie eine kurze Weile aus, und die ganze Show beginnt erneut.

Das Naturschauspiel dauert meist bis zum letzten Sonnenstrahl

Das Naturschauspiel dauert meist bis zum letzten Sonnenstrahl, dann begeben sie die Tiere zu ihren Ruhepflanzen. Sie suchen sich dabei Randlinien in der Landschaft aus – Hecken, Büsche oder dürre Pflanzenstängel. Dabei können auch mal einzelne Sträucher in der offenen Landschaft Zuflucht bieten. Sie sitzen dann regungslos auf Zweigen und Blättern und sind kaum zu entdecken. Man kann die Wintermücken an vielen Stellen rings um Fellbach, etwa an Gebüschen auf dem Schmidener Feld oder auch mitten im Wengert, wo Sträucher wachsen, finden.

Wichtig für die Wahl der Plätze ist direkte Abendsonne, die im Winter in flachem Winkel über die Landschaft scheint. Ideal sind daher Standorte an der Westseite des Kappelbergs. Entscheidend für das Tanzspektakel ist Windstille, nur dann können die Mücken ihre Flugmanöver vollziehen. Die standorttreuen Schwärme sind im abendlichen Gegenlicht oft schon aus größerer Entfernung zu entdecken.

Das Phänomen des winterlichen Mückentanzes ist natürlich auch in früheren Zeiten nicht unbemerkt geblieben, und so gibt es die eine oder andere Bauernregel, die sich auf die Wintermücke bezieht. All diese Regeln beinhalten einen Hinweis auf bevorstehende Kälte, wenn der Tanz der Mücken beobachtet wird. Ob das allerdings jedes Mal zutrifft, bleibt zu beweisen. Eines jedoch ist gewiss: Der nächste Winter kommt!

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