Myrthe Bade im Waldgarten auf dem Waiblinger Finkenberg, der schon erste Früchte liefert. Foto: Julian Rettig

Auf dem Waiblinger Finkenberg hat Myrthe Bade mit einem kleinen Team begonnen, einen Waldgarten anzulegen. Dort sollen Früchte und andere Lebensmittel wachsen – und zwar so, dass auch die Natur nicht zu kurz kommt.

Feigen, Pfirsiche, die exotische Indianerbanane: Wer mit Myrthe Bade entlang des Weges geht, der gleich links vom Eingang der Waiblinger Jugendfarm auf die Anhöhe der ehemaligen Erddeponie Finkenberg führt, stößt auf allerlei Bäumchen, an denen Etiketten mit vielversprechenden Fotos saftiger Früchte baumeln. Und das sei erst der Anfang, sagt die Umweltwissenschaftlerin, die in den Niederlanden aufgewachsen ist: „Im Herbst wollen wir noch Beerensträucher und Kräuter pflanzen.“

 

So soll nach und nach ein ganzes Ökosystem entstehen, das in seinem Aufbau an einen lichten Wald erinnert – ein Waldgarten. Dieser bietet nicht nur ein Zuhause für verschiedenste Pflanzen und Insekten, sondern liefert gleichzeitig Lebensmittel für den Menschen. Natur und Nahrungsgewinnung, so die Idee, müssen kein Widerspruch sein, sondern können Hand in Hand gehen.

Zahlreiche Vorbilder in den Niederlanden

Zahlreiche Vorbilder dafür gibt es in den Niederlanden, erzählt Myrthe Bade, die das Projekt angestoßen hat und seit dem vergangenen Herbst unter dem Dach des Jugendfarmvereins Waiblingen mit einem etwa 20-köpfigen Team aus Erwachsenen und Kindern vorantreibt. In ihrer Heimat sei der Waldgarten schon ein deutlich größeres Thema als hierzulande, sagt die 31-Jährige. Sie schätzt die Zahl dieser Gärten in den Niederlanden auf rund 50 Stück. Viele kleinere Exemplare mit rund einem Hektar Fläche seien darunter, die staatliche Forstbehörde lege aber auch großflächige Waldgärten an, in denen Lebensmittel produziert würden.

In Deutschland weiß Bade, die als Klimaschutzmanagerin bei der Stadt Waiblingen arbeitet, von zwei offiziellen Projekten, die Fördergelder bekommen. Mithilfe solcher Versuchsflächen könne Landwirten das Konzept verdeutlicht, sein Nutzen und die Kosten gezeigt werden, sagt Bade, die einen Online-Workshop und zwei Exkursionen zu dem Thema gemacht hat.

Die Struktur des Waldes wird nachgebaut

Eine Wespenspinne hat im Waldgarten ihr Netz gespannt. Foto: Julian Rettig

„Man baut die Struktur des Waldes nach“, erklärt die 31-Jährige. Dazu werden große und kleinere Bäume, Rankpflanzen, Sträucher und mehrjährige Stauden sowie Bodendecker gepflanzt, wobei Obst- und Nussbäume, Beerensträucher und Kräuter verwendet werden, die eine Ernte liefern. Das Ganze sei ein Projekt, das einen langen Atem brauche und sich über Jahrzehnte entwickle, räumt die Umweltwissenschaftlerin ein – schnelle reiche Ernte sei da nicht drin. Landwirte müssten zunächst Flächen opfern, die aber mit den Jahren steigenden Erlös bringen.

„Wenn man möglichst viele Kalorien pro Hektar erzeugen will, ist ein Getreidefeld sinnvoller“, sagt Myrthe Bade. Aber es gehe ja auch nicht darum, die Landwirtschaft komplett umzustellen. Wenn jedoch so manches Maisfeld zum Waldgarten wird, ist der Natur und der Biodiversität geholfen – und der Mensch hat etwas zu beißen. Zudem macht die waldähnliche Struktur mit tief wurzelnden, mehrjährigen Pflanzen den Garten resistenter gegen Dürre und Schädlinge, die von Monokulturen profitieren. Die Bodenfruchtbarkeit erhöhe sich auch ohne Dünger ständig durch das Laub, das am Boden liegen bleibe und verrotte, erklärt Bade.

Pilzsporen in den Pflanzlöchern

Der Boden auf dem Finkenberg ist sehr verdichtet. Das hat mit seiner Vergangenheit als Erddeponie zu tun. Um das Erdreich aufzulockern, haben die Waldgärtner Gründüngung gepflanzt. Ansonsten wird der Boden möglichst wenig bearbeitet. „Sonst stört man die Lebewesen darin“, sagt Myrthe Bade. In die Pflanzlöcher der Bäume haben sie und ihre Mitstreiter auch Pilzsporen eingebracht, die mit den Pflanzenwurzeln eine Symbiose bilden, und diese mit Nährstoffen versorgen. Im Gegenzug beliefern die Pflanzen dann die Pilze mit Kohlenhydraten, welche diese nicht bilden können.

Der nicht einmal ein Jahr alte Waldgarten auf dem Finkenberg liefert momentan noch eine überschaubare Ernte. Der Großteil besteht aus essbaren Wildpflanzen. Myrthe Bade, die sich zur Natur- und Wildnispädagogin weitergebildet hat, zeigt aber auf das Fünf-Finger-Kraut, das mit seinen gefiederten Blättern den Boden bedeckt, und sagt: „Aus den Blättern kann man Salat machen.“ Auch das Wiesen-Labkraut und viele andere Pflanzen am Weg seien essbar. „Aber man läuft daran vorbei, weil man es nicht weiß.“

Mittelfristig will Myrthe Bade den Waldgarten um Rankpflanzen wie die Erdbirne ergänzen, die sich als Alternative zur Kartoffel eignet. „Und ich fände es toll, wenn wir mehr Esskastanien hätten, denn daraus ließe sich Mehl machen.“ Das Waldgarten-Konzept würde Myrthe Bade gerne auch auf größeren Flächen testen: „Und ich hoffe, dass immer mehr Projekte dieser Art entstehen.“

Kontakt Wer sich für die Idee Waldgarten interessiert, kann sich per E-Mail melden an: jufa@jugendfarm-waiblingen.de.