Immer in Begleitung seiner Hündin Mila: Achim Gresser testet und bewertet Wege im Schwäbisch-Fränkischen Wald. Foto: Gottfried Stoppel

Achim Gresser aus Backnang war Leistungssportler beim Tanzclub Ludwigsburg und hat seit 15 Jahren Multiple Sklerose. Er ist viel mit seinem Dreirad Marke Eigenbau und der Hündin Mila auf Achse, auch im Auftrag des Naturparks.

Berglen - Ein strahlend schöner Tag in Berglen. Achim Gresser hat das Schützenhaus am Ortsrand des Weilers Ödernhardt als Treffpunkt für diese kleine Tour vorgeschlagen. Der 47-jährige Mann aus Backnang ist zwar auf einen Rollstuhl angewiesen, doch der einstige Leistungssportler des 1. Tanzclubs Ludwigsburg ist trotz seiner Multiple-Sklerose-Erkrankung immer aktiv.

Er ist ständig auf Achse, mit seinem Dreirad Marke Eigenbau und mit seiner dreijährigen Hündin Mila, zurzeit auch im Auftrag des Naturparks Schwäbisch-Fränkischer Wald. „Ich fahre im Jahr etwa 5000 Kilometer mit diesem Dreirad“, sagt der Technische Betriebswirt, der bei einem Automobilzulieferer in Kornwestheim arbeitet und im Alltag auch mit einem speziell für ihn umgebauten Van unterwegs ist.

Projektpartner Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter

Als Gresser vor ein paar Monaten die Meldung in der Tageszeitung gelesen hat, in der das Projekt „inklusive Wanderbotschafter“ beschrieben wurde, war er sofort Feuer und Flamme. „Da mache ich mit“, war sein erster Gedanke. Der Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald und der Bundesverband Selbsthilfe Körperbehinderter, Bereich Althütte, hieß es in dem kurzen Text, suchten Frauen und Männer, die Wege erkunden wollen, Wege für Ausflüge im Naturpark, die speziell für Rollstuhlfahrer geeignet sind.

Start der rund vier Kilometer langen Runde beim Parkplatz des Schützenhauses: zunächst geht der asphaltierte Weg geradeaus, später beschreibt er einen Bogen und führt dann zurück zum Ausgangspunkt. In der Ferne heult eine Motorsäge. Ein kleines Radweg-Schild zeigt in Richtung Schornbach. Nach ein paar Minuten wird der Pfad steiler. Achim Gressers Dreirad hat einen Elektromotor, der ihm beim Treten in die Pedale ein wenig hilft. Die Begleitperson eines Rollstuhlfahrers „braucht hier ein bisschen Schmackes“, sagt der inklusive Wanderbotschafter und grinst verschmitzt. Diese Tour im Naturpark sei deshalb sicherlich „nicht für alle geeignet“.

Deutscher Vizemeister mit dem Tanzclub Ludwigsburg

Aber die Projektpartner wollten ja ein paar Dutzend Ausflugstipps zusammenstellen, auch weniger anspruchsvolle seien dabei. Der Weg verläuft jetzt auf einer Hochebene mit grandiosem Ausblick auf mehrere Teilorte der Gemeinde Berglen. Später geht es bergab und dann zurück nach Ödernhardt. Nach gut einer Stunde sind die Ausflügler mitten in dem winzigen Ort, und Gresser erzählt von früher. Er habe täglich trainiert und beim Tanzclub seine heutige Gattin kennengelernt, die einen Friseursalon in Allmersbach im Tal betreibt. Mit der Ludwigsburger Mannschaft war Gresser vor knapp 20 Jahren deutscher Vizemeister, dritter bei der Europameisterschaft und vierter bei der WM.

2002 haben er und seine Frau aufgehört mit dem Tanz-Leistungssport. Wenig später dann die erschütternde Diagnose: Multiple Sklerose. Die ersten Symptome seien Sehstörungen gewesen.

Achim Gresser ist ein Kämpfer

Achim Gresser ist ein Kämpfer. Herausforderungen nimmt er sportlich. Okay, er hat MS – das lässt sich leider nicht ändern. Er macht das beste daraus, arbeitet Teilzeit, ist viel draußen an der frischen Luft. Bei seinen Ausflügen mit dem Dreirad habe er schon den ein oder anderen „Purzelbaum“ hingelegt, sprich: er ist gestürzt und hat sich samt Fahrzeug überschlagen. Nach so einem Missgeschick rappelt sich Gresser, der ein paar Meter weit ohne Hilfsmittel laufen kann, auf, besteigt das Trike und setzt seine Fahrt fort. Er sei das ganze Jahr über unterwegs, im Winter bei minus zehn Grad, bei Schnee, bei Regen und auch im Urlaub, etwa in den Dolomiten.

Dieser Ausflug in Berglen ist bei gemütlichem Tempo inklusive ein paar Stopps nach einer steilen Passage bergab und nach knapp zwei Stunden beendet. Ankunft beim Schützenhaus, wo das Auto geparkt ist. „Allein und nur mit Hund“, sagt Gresser, „schaffe ich so eine Tour in einer halben Stunde“. Es sei auch möglich, diesen Ausflug um ein paar Kilometer zu verlängern, zum Beispiel, indem man einen Abstecher nach Schornbach einbaue.

Getestete Wege

Projekt
Die geprüften Strecken sollen Rollstuhlfahrern die selbstständige Nutzung von Wanderwegen ermöglichen. Das Projekt „Wanderbotschafter“ wird von der Aktion Mensch gefördert. Das Ziel ist, die Teilhabe von Menschen mit Behinderung im Bereich Freizeit und Naturerlebnisse zu ermöglichen. Geschulte Wanderbotschafter testen und bewerten die Wege. Die Strecken sind drei bis fünf Kilometern lang, ganz in der Nähe soll es Behindertenparkplätze sowie geeignete Toiletten und/oder Gastronomiebetriebe geben.

Naturpark
Der Naturpark Schwäbisch-Fränkischer Wald liegt nordöstlich von Stuttgart. Das Naturpark-Zentrum mit Naturpark-Erlebnisschau ist in Murrhardt.

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: