Mit den Ziegen stehen die Kinder in engem und freundschaftlichen Kontakt. Foto: /Karin Ait Atmane

Tierkontakte spielen eine wichtige Rolle im Reichenbacher Natur- und Waldkindergarten. Bei den Wurzelkindern handelt es sich um den zweiten Waldkindergarten in Reichenbach.

Reichenbach - Vor gut einem Jahr sind die Wurzelkinder in Reichenbach an den Start gegangen. Jetzt stellte Leiterin Margit Schmid Konzept und Alltag des Naturkindergartens vor und erntete dafür viel Lob im Gemeinderat.

 

Einen Waldkindergarten hat die Gemeinde Reichenbach schon seit 1996. Sie war damit der erste kommunale Träger eines solchen in Baden-Württemberg. Vor gut einem Jahr hat die Kommune nun einen zweiten Standort mit Bauwagen in der Natur eröffnet, allerdings mit anderem Konzept. Denn dieser Kindi unterhalb des Schafhauses liegt nicht direkt am Waldrand, dafür aber neben dem „Ziegenstückle“, einem Privatgrundstück mit Zwergziegen und -schafen, Hasen, Hühnern und Laufenten. Täglich kümmern sich die „Wurzelkinder“, wie die Gruppe heißt, um die Tiere. Sie übernehmen Verantwortung, erleben sie aber auch als Gefährten und Wegbegleiter.

Kinder wollen sich nützlich machen

Besonders die Hasen seien bei der Eingewöhnung oft Trostspender, berichtete Margit Schmid. Zudem passt die Versorgung der Tiere bestens zum „lebenspraktischen Ansatz“ der Gruppe: „Da geht es darum, dass Kinder sich nützlich machen wollen“, so die Leiterin. Sie und ihre Kolleginnen stellen fest, „dass das gut ist für die Entwicklung“. Die Drei- bis Sechsjährigen übernehmen viele Aufgaben, die sich aus dem Alltag ergeben. So werden auch Äpfel auf den Streuobstwiesen gesammelt und verarbeitet, Hochbeete gepflegt, Vögel gefüttert, und die Kehrwoche gehört ebenfalls zum Wochenprogramm: Freitags ist Bauwagenputzen angesagt.

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Ein anderer wichtiger Aspekt ist Bewegung – das Gelände ist zum Rennen, Balancieren und für bewegte Spiele bestens geeignet. Im Sinne der Partizipation werden die Kinder ermutigt, ihre Ideen einzubringen und ihre Bedürfnisse zu formulieren. Einmal im Monat wählen sie ihr „Buch des Monats“ – oder auch mal zwei oder drei, wie Margit Schmid erzählte. Sie berichtete außerdem von den Kooperationen mit der Grundschule, der Bücherei oder den benachbarten Bauernhöfen, von interessierten Spaziergängern und von einer Umfrage unter den Eltern, die besonders den Tierkontakt schätzten. Der ist eine Stärke dieses Kindergartens, in gewisser Weise aber auch eine Schwäche, weil er ja vom privaten „Ziegenstückle“ abhängt. Dessen Eigentümer, die Familie Löffler, stehen zwar voll hinter dem Projekt – Tina Löffler ist sogar als Teilzeitkraft im Naturkindi beschäftigt. Dennoch liegt es nicht in der Hand der Gemeinde, ob diese Möglichkeit langfristig bestehen bleibt.

Das reinste Bullerbü

Aktuell handle es sich jedenfalls um eine „Win-win-Situation für beide Seiten“, meinte Bürgermeister Bernhard Richter. Ein Kindergarten mit diesem Profil dürfte jedenfalls einmalig sein. „Da haben sich genau die richtigen Menschen zusammengefunden, um genau das Richtige zu machen“, sagte Matthias Weigert (Grüne) und Angelika Dengler (FW) sprach vom „reinsten Bullerbü – da möchte man selbst wieder Kind sein“. Claudia Buchta (LiGA), selbst Erzieherin, würdigte ebenfalls diese besondere Form der Naturpädagogik.

Die Kindergärten in der Gemeinde seien so verschieden wie die Kinder und die Eltern, sagte Dengler, und das sei gut so. Erwin Hees (CDU) wollte wissen, wie hoch die Nachfrage nach Plätzen bei den Wurzelkindern ist. Jedenfalls hoch genug, war die Antwort seitens der Gemeinde. Zwar sind derzeit nur 15 von maximal 20 Plätzen besetzt. Aber die Gruppe soll langsam wachsen und hat, da sie ja erst vor einem Jahr gestartet ist, im kommenden Jahr noch keine Schulabgänger – dann könnten die Plätze sogar knapp werden, so Sabine Weidenbacher-Richter von der Gemeindeverwaltung.

Über eine dritte Gruppe wird nachgedacht

Nachgedacht wird derzeit über eine dritte Kindergartengruppe in der Natur. „Wirtschaftlich ist es allemal“, erklärte der Bürgermeister, obwohl aufgrund der Eingruppigkeit der Personalbedarf etwas höher sei. Aber wenn man die hohen Investitionskosten für einen „normalen“ Kindergarten rechne, sei diese Variante dennoch günstig.

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Das Erleben der Natur steht im Fokus

Naturpädagogik Mit den „Wurzelkindern“ geht die Gemeinde einen eigenen Weg in der Naturpädagogik. Neben ihm besteht weiterhin der bereits im Jahr 1996 gegründete Wald-Kindi, der direkt am Waldrand liegt und den Wald als Erfahrungsort noch stärker in den Fokus rückt.

Zielgruppe Sowohl der Wald-Kindi als auch der Naturkindi Wurzelkinder ist für drei- bis sechsjährige Kinder gedacht. Die Öffnungszeiten sind von 7.45 bis 13 Uhr beziehungsweise von 8 bis 13.15 Uhr.