Die beiden Naturfreunde freuen sich auf das 100-Jahr-Jubiläum. Foto: Alexandra Kratz

Die Naturfreunde feiern ihr 100-jähriges Bestehen. Für den 13. Oktober ist ein Empfang in der Kelter geplant.

Vaihingen - Vor hundert Jahren, mitten in der Epoche der Industrialisierung, als die Arbeiter in den Städten kaum Möglichkeiten hatten, in der freien Natur Entspannung und Erholung zu finden, gründete sich in Vaihingen eine Naturfreunde-Ortsgruppe. So formuliert es der Vereinsvorsitzende Willibald Beul. Und weiter sagt er: „Heute, 100 Jahre später, nach vielen Höhen und Tiefen, sind wir stolz, noch immer eine eigenständige und lebendige Ortsgruppe zu sein.“

Zu den „Tiefen“ zählt vor allem die Zeit des Nationalsozialismus. „Die Naturfreunde waren aus der Arbeiterbewegung heraus entstanden und damit automatisch links“, sagt Beul. Die Nazis schalteten die Wandervereine gleich und missbrauchten die Wanderheime für ihre Zwecke. Doch nach dem Zweiten Weltkrieg erwachte die Vaihinger Ortsgruppe zu neuem Leben. In den 50er-Jahren bauten die Mitglieder ihr erstes Naturfreundehaus. Nur wenige Jahre später mussten die Wanderer weichen, weil an eben dieser Stelle das Autobahnkreuz Stuttgart entstehen sollte.

Das heutige Naturfreundehaus am Büsnauer Rain entstand Mitte der 60er-Jahre – „mit viel Eigenarbeit“, wie Karl-Friedrich von Neubeck, der Kassierer des Vereins, betont. Bereut haben die Vereinsmitglieder ihr Engagement nie, denn immerhin hat die Ortsgruppe so eine ganze Menge Geld gespart. „Wir waren bereits 1990 wieder schuldenfrei“, sagt von Neubeck. Zu verdanken sei das aber auch der Brauerei Leicht, welche den Bau des Naturfreundehauses großzügig unterstützt habe.

Früher wurden wilde Feste gefeiert

In den 70er-Jahren herrschte bei den Naturfreunden Vaihingen eine regelrechte Aufbruchstimmung. „Wir haben einige wilde Feste gefeiert“, sagt Beul. Damals waren auch viele junge Erwachsene mit kleinen Kindern Mitglied im Verein. „Wir gründeten die Pampers-Gruppe“, sagt von Neubeck, der damals selbst ein junger Vater war. Die Gruppe wie auch der gesamte Verein waren auch politisch aktiv. „Wir waren bewusst umweltfreundlich und engagierten uns in der Anti-Atomkraftbewegung“, erinnert sich Beul. Und die Naturfreunde-Wanderungen führten längst nicht nur rund um Stuttgart oder auf die Schwäbische Alb. „Damals hatten wir noch viele Bergtouren im Programm“, sagt der Vereinsvorsitzende.

Doch mittlerweile seien viele der Mitglieder etwas in die Jahre gekommen und so manches sei anders. Heute bieten die Naturfreunde viele Seniorenwanderungen an. Dabei wolle man den Nachwuchs jedoch nicht aus dem Blick verlieren. „Unser Anliegen ist es nach wie vor, zu zeigen und zu lehren, dass man auf die Natur Rücksicht nehmen muss“, sagt Willibald Beul. Für junge Familien biete man daher günstige Ausflüge an; meistens sind andere Naturfreundehäuser das Ziel.

Neue Programmpunkte für jüngere Mitglieder

Mit dem Bau von Einfamilien- und Reihenhäusern im nahe gelegenen Wohngebiet Lauchäcker konnte die Ortsgruppe wieder einige jünger Mitglieder für sich gewinnen. Doch um die zu halten, muss man sich schon etwas einfallen lassen. Darum haben die Naturfreunde Vaihingen vor fünf Jahren die Walderlebnisgruppe gegründet: An zehn Samstagvormittagen zeigen ausgebildete Naturpädagogen Kindern im Alter von sieben bis elf Jahren, was im Wald und in den Wiesen vor ihrer Haustür alles zu finden ist. Die Idee kommt an. „Im vergangenen Jahr haben wir wegen der großen Nachfrage sogar noch mal eine zweite Staffel im Herbst angeboten“, sagt Beul.

Und es gibt noch etwas, das die Naturfreunde Vaihingen von anderen unterscheidet: Denn seit mehr als 35 Jahren kooperieren sie mit dem Blindenverein Ost-Württemberg. Eingefädelt wurde das von Reinhold Rühle. Er war selbst ein begeisterter Naturfreund. Im Alter wurden seine Augen jedoch immer schlechter. Weil er selbst auf das Wandern nicht verzichten und auch anderen, sehbehinderten Menschen die Teilhabe an der Natur ermöglichen wollte, organisierte er Wanderungen für Blinde. Und diese stehen bis heute zweimal im Jahr auf dem Programm.Im Jubiläumsjahr gibt es aber natürlich noch viele andere Höhepunkte. So ist für den 13. Oktober beispielsweise ein Empfang in der Alten Kelter geplant.

Beul und von Neubeck blicken optimistisch in die Zukunft. „Allerdings müssen wir uns auf das Wesentliche konzentrieren“, sagt Beul. Für ihn bedeutet das: mehr Inhalt und weniger Ämter. Beul vermutet, dass es irgendwann einmal nur noch die Naturfreunde Stuttgart geben wird. Denn es werde immer schwieriger, Leute zu finden, um die verschiedenen Funktionen in einem Verein zu besetzen. „Berlin hat auch nur noch eine Ortsgruppe“, nennt Beul einen Vergleich. Das müsse allerdings nicht bedeuten, dass die Vielfalt und die Lokalität verloren gehe, so der Vorsitzende.

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