Bei einem Waldseminar in Kernen geben zwei Experten besondere Einblicke – und machen trotz Klimawandel Hoffnung.
Die Wälder im Rems-Murr-Kreis unterscheiden sich oft erheblich voneinander, auch wenn sie gar nicht so weit voneinander entfernt sind. Im warmen und stellenweise trockenen Gemeindewald von Kernen etwa dominiert die in Fellbach kaum halb so oft vorkommende Kiefer mit 40 Prozent. In Kernen wiederum findet sich die Douglasie selten. Im interkommunalen Forstrevier Buocher Höhe ist der schnellwüchsige Nadelbaum dagegen häufig. Dessen Revierleiter Andreas Münz führte als Vertreter von Stefan Baranek rund 30 Interessierte durch Stettens Gemeindewald.
Dort gibt es keine Fichten-Monokulturen, sondern einen relativ artenreichen, naturnahen Wald, auf dessen 300 Hektar sich auch 16 Hektar Waldrefugien und zahlreiche Habitatsbaumgruppen verteilen. „Zehn Prozent sind für den Naturschutz reserviert“, sagt Andreas Münz. Kahlschläge gebe es längst nicht mehr, stattdessen lasse sich oberhalb des Schützenhauses gut beobachten, wie Naturverjüngung funktioniert: Im Schutz der Kronen hoher Laubbäume wachsen junge Buchen und Eichen heran.
Buchen werden zu Möbeln – oder Brennholz
„Jeder fünfte Baum im Stettener Wald ist eine Eiche“, sagt Andreas Münz. Da speziell die wärmeliebende Traubeneiche als gut geeignet für die Wälder im Klimawandel gilt, könnte man ihren Anteil sogar noch erhöhen. Dazu sind aber Schutzmaßnahmen gegen die in der Jugend rasch wachsende und schattentolerante Buche notwendig. „Die Eiche ist einfach eine Lichtbaumart“, sagt Andreas Münz bei dem vom Kulturverein Allmende am Samstag veranstalteten Waldseminar. An einer Weggabelung liegen mehrere Langholzstapel, sogenannte Polder. Blaue Zahlenkombinationen geben Auskunft über den Standort, die Nummer des Polders und das Forstrevier. Im Fall von Stetten steht da die 44, in Waiblingen, Weinstadt und Remshalden ist es die 43.
Krumme Stammspitzen von Kiefern wandern in die Produktion von Hackschnitzeln und wärmen künftig womöglich die Schulzentren in Waiblingen und Weinstadt. Buchenstämme werden zu Möbeln verarbeitet oder erlösen bei schlechterer Qualität als Brennholz immerhin noch 63 Euro pro Kubikmeter. Fichten dagegen sind ein inzwischen gefragtes Bauholz, aus denen in Fellbach und Buoch sogar komplette Häuser bestehen können. Wann sie – kurz vor dem Absterben durch Pilze oder andere Schädlinge – gefällt werden, ist höchst unterschiedlich. „Wir haben sogenannte Zieldurchmesser“, erklärt Andreas Münz. Daraus ergeben sich für Fichten rund hundert Jahre bis zur Schlagreife, bei Buchen sind es 140 Jahre und bei Eichen gerne 200 Jahre.
„Wir haben gesehen, dass die Wälder hier keine Monokulturen sind“, sagt Hans Jürgen Böhmer zu Beginn von Teil zwei des lehrreichen Nachmittags. In einer Mischung aus Lesung, Vortrag und Fragerunde steht der in Jena und an der University of the South Pacific lehrende Professor für den internationalen Blick auf den Forst. Der Fachmann für die Langzeitentwicklung von Wäldern bietet einen Einblick in internationale Entwicklungen, die er in seinem Buch „Beim nächsten Wald wird alles anders“ beschrieben hat. Zugleich lenkt er den Blick auf die nähere Vergangenheit. Bereits vor 75 Jahren habe der Botaniker Constantin von Regel vor den Folgen von Klimaveränderungen gewarnt. Zunehmende Trockenheit durch ungleich verteilte Niederschläge und Hitzeperioden waren auch in den 1980er Jahren mit ursächlich für das damalige Waldsterben, das allzu oft ausschließlich der Luftverschmutzung angelastet werde. „Hätte man damals schon mit dem Waldumbau begonnen, dann wäre uns manches erspart geblieben“, sagt Hans Jürgen Böhmer.
Gleichzeitig sieht er aber nach wie vor die Chance, den Wald vor dem ganz großen Kollaps zu bewahren: „Es gibt genügend Gründe, sich Sorgen zu machen, aber es gibt keinen Grund zur Panik.“
Das Buch von Hans Jürgen Böhmer hat den Titel „Beim nächsten Wald wird alles anders“. Es ist im Verlag S. Hirzel erschienen und kostet 24 Euro. Sein Vortrag anlässlich des Waldseminars in Stetten soll auch im „Korona Kulturkanal Kernen“, kurz KKK, auf der Online-Videoplattform Youtube verfügbar sein.