Vor genau 60 Jahren erlebte Böblingen einen besonderen Leichtathletik-Wettkampf. Zum Abschluss der „Freundschaftswoche“ fand im Stadion am Silberweg ein Nato-Sportfest statt.
Einiges geboten war in dieser Maiwoche des Jahres 1966 in Böblingen: Gut 20 Jahre nach dem Zweiten Weltkrieg bemühten sich die ehemals verfeindeten Kriegsparteien längst darum, die Beziehungen zu verbessern. Und so feierten Deutsche, Franzosen und US-Amerikaner regelmäßig bei der Drei-Nationen-Freundschaftswoche die neue Freundschaft. Mit Festempfang, Musikveranstaltungen und als Höhepunkt einem Nato-Sportfest im neuen Böblinger Stadion an der Stuttgarter Straße – wir blicken zurück.
Zu Beginn des großen Treffens im Jahr 1966 stand ein Empfang im Casino der Böblinger US-Kaserne. Wie damaligen Zeitungsartikeln zu entnehmen ist, erinnerte Oberbürgermeister Wolfgang Brumme daran, „dass die freundschaftlichen Beziehungen zwischen Deutschland, Frankreich und den USA vor 20 Jahren niemand zu hoffen gewagt habe. Das mache deutlich, welch tiefgreifender Wandel sich seit Kriegsende vollzogen habe.“
US-Dinner mit französischem Rotwein und deutschem Weißwein
Wie der Reporter berichtet, hätten die Gala-Uniformen der Bundeswehr, der französischen und der amerikanischen Armee das Bild des Festes beherrscht. Auf die zahlreichen Ansprachen folgte laut Zeitungsbericht „das von der amerikanischen Küche exzellent bereitete Dinner, zu dem französischer Rotwein und deutscher Weißwein kredenzt wurde.“
Dass es bei allen freundschaftlichen Bemühungen mit der direkten Kommunikation wohl nicht immer einfach war, wird im Zeitungsartikel auch beschrieben: „Drei Sprachen schwirrten in der lebhaft-fröhlichen Unterhaltung durcheinander. Die Verständigung war mitunter schwer.“ Und doch steht am Ende das Fazit: „Dass man sich dennoch restlos verstand, war der schönste Gewinn dieses Abends.“
Bemerkenswert ist auch eine kleine Pressemeldung, die während der Freundschaftswoche in der Zeitung erschien. Dort heißt es, dass die US-Garnison zum Nato-Sportfest 20 amerikanische Gäste aus entfernten US-Standorten erwarte. Sie könnten in der Kaserne untergebracht werden, jedoch bestünde für die Böblinger „auch die Möglichkeit, sie zu sich nach Hause einzuladen“. Leider ist nicht bekannt, ob dieses Angebot von den Einheimischen genutzt wurde.
US-Amerikaner gewinnen elf der 14 Disziplinen
Den sportlichen Höhepunkt der deutsch-amerikanisch-französischen Freundschaftswoche bildete dann ein Leichtathletik-Wettkampf, der am 20. Mai 1966 im neuen Böblinger Stadion an der Stuttgarter Straße ausgetragen wurde. Der Titel „Nato-Sportfest“ führt dabei etwas in die Irre, denn beteiligt waren nicht etwa zahlreiche Nationen des Militärbündnisses, sondern nur US-amerikanische und deutsche Soldaten sowie Athleten des VfL Sindelfingen und eine Kreisauswahl. Dafür brillierten die US-Amerikaner mit Top-Leistungen und gewannen elf der 14 Disziplinen.
Der Sprinter mit Namen Reaves (Vornamen ließ der damalige Zeitungsartikel leider gänzlich weg) gewann zum Beispiel die 100 Meter in 10,6 Sekunden. Die 4x100-Meter-Staffel der US-Armee siegte in beachtlichen 42,9 Sekunden mit großem Vorsprung. Dementsprechend titelte die Zeitung am Tag darauf „Starke US-Athleten waren in Böblingen nicht zu schlagen“ und erläuterte, dass „die US-Streitkräfte ihre besten Läufer aus dem europäischen Bereich zusammengezogen“ hätten, die „noch nicht einmal längst ihr Letztes“ gaben. Immerhin kam Wolfgang Weiß vom VfL Sindelfingen über 1500 und 3000 Meter als Erster ins Ziel, zudem gewann Uli Wondratschek den Stabhochsprung.
Am Gepäckmarsch können die USA wegen eines Nato-Alarms nicht teilnehmen
Zudem fand ein 15-Kilometer-Gepäckmarsch statt, an dem auch zwei französische Mannschaften, gestellt vom Tübinger Jägerbataillon, teilnahmen. Sie gewannen den Lauf vor den Kollegen der deutschen Bundeswehr. Zum Fernbleiben der Amerikaner wusste der Berichterstatter: „Die US-Armee konnte heuer wegen eines Nato-Alarms in der vergangenen Nacht keine Vertretung für diese kräftezehrende Leistungsprüfung stellen.“
Insgesamt ging es aber sowieso weniger ums Sportliche als um den freundschaftlichen Austausch – was der Böblinger OB Brumme zum Abschluss nochmals betonte: „Mit aller Kraft gelte es sich auch zukünftig dafür einzusetzen, dass die bestehenden freundschaftlichen Kontakte nicht nur erhalten, sondern weiter vertieft und gestärkt werden“, heißt es im Zeitungsartikel abschließend.
Nach dem Zweiten Weltkrieg
Nato
Die „North Atlantic Treaty Organization“ (Nato) ist ein militärisches Verteidigungsbündnis, das 1949 von zwölf Staaten – darunter die USA und Frankreich – geschlossen wurde. 1955 trat die Bundesrepublik Deutschland bei. Heute hat die Nato 32 Mitglieder.
Annäherung
Sehr früh gab es nach dem Zweiten Weltkrieg Bemühungen, die Menschen der verfeindeten Kriegsparteien wieder einander näher zu bringen. So gab es zum Beispiel bereits 1947 Austauschprogramme für englische Studenten, die nach Deutschland geschickt wurden. Zu diesen Bemühungen gehörte auch die deutsch-amerikanisch-französische Freundschaftswoche in Böblingen.