Die drei aktuell nominierten DFB-Keeper: Stefan Ortega, Oliver Baumann und Alexander Nübel (v. li.) Foto: imago//Thomas Haesler

Bundestrainer Julian Nagelsmann erklärt Oliver Baumann zur neuen Nummer eins. Alexander Nübel, der Torhüter des VfB Stuttgart, hat das Nachsehen – welche Perspektiven hat er jetzt noch?

Immerhin, beim Abschlusstraining im Dortmunder Stadtteil Brackel gab sich Alexander Nübel trotz des sportlichen Nackenschlags gut gelaunt. Der Torhüter des VfB Stuttgart, von Julian Nagelsmann zur Nummer zwei degradiert, lachte und scherzte mit seinen Kollegen am Mittwochvormittag auf dem Gelände von Borussia Dortmund. Wenn man es nicht besser gewusst hätte, man hätte sagen können: Da scheint es aber gerade mal so richtig rundzulaufen bei diesem Strahlemann.

 

Doch der Schein trügt, denn Nübel ist in diesen Tagen wahrlich kein Glückspilz. Und wer weiß, vielleicht hat sich seine Laune in den ruhigen Minuten ja inzwischen doch mal verschlechtert. Allein in seinem Hotelzimmer etwa oder auf dem Flug am Mittwochnachmittag nach Mailand, wo an diesem Donnerstagabend (20.45 Uhr/ARD) das Hinspiel im Nations-League-Viertelfinale gegen Italien steigt.

Denn der Bundestrainer Julian Nagelsmann hat entschieden, dass der VfB-Keeper gegenüber Oliver Baumann von der TSG Hoffenheim das Nachsehen hat bei der DFB-Elf. Damit endet der Konkurrenzkampf der beiden, den Nagelsmann im Herbst nach der schweren Knieverletzung seiner Nummer eins Marc-André ter Stegen ausgerufen hatte. Nübel und Baumann durften jeweils zwei Partien bestreiten.

Der nächste Nackenschlag

Am Ende gibt es einen Gewinner – am Mittwochabend sprach Nagelsmann auf der Pressekonferenz im Giuseppe-Meazza-Stadion im berühmten Mailänder Stadtteil San Siro zunächst über den Verlierer: „Ich will betonen, dass Alex die Entscheidung sehr gut aufgenommen hat, er hat sich top professionell verhalten“, sagte der Bundestrainer: „Es ist das zweite Mal nach der EM, dass er keine gute Botschaft von mir kriegt, er hat es trotzdem sehr gut gemacht im Training.“ Vor der Heim-EM im Sommer musste Nübel am Ende als Nummer vier im Tor wieder heimfahren nach dem ersten Trainingslager. Jetzt ist er, nachdem Manuel Neuer seine DFB-Karriere beendet hat und ter Stegen verletzt ist, die Nummer zwei hinter Baumann – der damals schon bei der EM den Vorzug erhalten hatte.

„Am Ende ist es eine Millimeterentscheidung“, sagte Nagelsmann nun in Mailand über das aktuelle Duell zwischen Nübel und Baumann: „Sie ist nicht supersonnenklar gewesen, trotzdem müssen wir sie treffen.“ Beide Keeper, so der Coach weiter, spielten eine gute Saison, beide hätten es auch in der vergangenen Saison gut gemacht: „Der kleine, ausschlaggebende Punkt war ein Tick mehr Konstanz bei Oli über einen längeren Zeitraum – Alex hat es aber nicht deutlich schlechter gemacht.“

Man kennt und schätzt sich

Nagelsmann kennt und schätzt seine neue Nummer eins aus gemeinsamen Zeiten in Hoffenheim, wo der heutige Bundestrainer den Keeper von 2016 bis 2019 betreute. Obendrein überzeugte Baumann bei seinen beiden vergangenen Länderspieleinsätzen gegen die Niederlande (1:0) und Bosnien-Herzegowina (7:0) im Oktober und November: mit Ruhe, Souveränität, Stabilität – und zwei Weltklasseparaden, mit denen er jeweils ein Gegentor verhinderte. Nübel zeigte bei „seinen“ beiden Partien in Bosnien und Ungarn aber ebenso souveräne Auftritte.

Nun könnte ein Argument für Baumann sein, dass er mit seinen heute 34 Jahren bei der im Herbst anvisierten Rückkehr ter Stegens keine großen Ansprüche für die Zukunft stellt – im Gegensatz zum 28-jährigen Nübel, der sich nun, wie schon ein paarmal geschehen in seiner Karriere, mal wieder hinten anstellen muss.

Die Fragen der Zukunft

Eine Lesart der Nagelsmann-Entscheidung mit Blick in die Zukunft ist nun die: Wenn Baumann und irgendwann auch der heute 32-jährige ter Stegen eines Tages nicht mehr für Deutschland spielen, wird Nübel die neue Nummer eins (und das selbstredend auch bei einer Verletzung der beiden Konkurrenten). Muss es also für den VfB-Torhüter mit einem realistischen Blick in die Zukunft jetzt erst recht heißen: bedingungslos dranbleiben und hoffen, dass ihm irgendwann womöglich doch der Platz im Tor der DFB-Elf gehört? Mitnichten.

Denn ter Stegen könnte auf Sicht so lange zwischen den Pfosten stehen, dass auch der vier Jahre jüngere Nübel irgendwann zu alt wäre. Oder: Jüngere Torhütertalente, etwa das immer stärker aufblühende Eigengewächs des SC Freiburg, Noah Atubolu (22), oder Jonas Urbig (21), der neue Keeper des FC Bayern, könnten ihm den Rang ablaufen und ter Stegen dann irgendwann im Tor der A-Nationalelf beerben.

Kurzfristiger gedacht betonte Nagelsmann am Mittwochabend in Mailand noch dies: „Die Entscheidung ist für diese beiden Spiele so. Wir müssen schauen, wie die Genesung bei Marc läuft, dann werden wir vor dem nächsten Lehrgang neu entscheiden, wie die Situation bei den Torhütern ist.“