Vital Heynen: Von Freitag bis Sonntag muss alles passen Foto: dpa

Das erste Turnier 2014 ist gleich eines der wichtigsten für die deutschen Volleyballer. Verpasst das Team die WM-Qualifikation, sieht es düster aus, meint Bundestrainer Vital Heynen.

Das erste Turnier 2014 ist gleich eines der wichtigsten für die deutschen Volleyballer. Verpasst das Team die WM-Qualifikation, sieht es düster aus, meint Bundestrainer Vital Heynen.

Ludwigsburg  - Herr Heynen, ein gutes neues Jahr wünsche ich Ihnen.
Danke, Ihnen auch. Bei uns ist dieses Jahr Silvester allerdings ausgefallen.
Ausgefallen?
Zumindest gab’s für die Nationalspieler und uns Trainer diesmal kein Fest mit der Familie. Nachdem nach Mitternacht alle ihre SMS geschrieben und telefoniert hatten, ging es schnell ins Bett. An Neujahr sind wir um 10 Uhr wieder in der Halle gestanden.
Der Grund ist das Turnier um die WM-Qualifikation in Ludwigsburg.
Genau. Es geht um einiges. Wenn wir in diesem Turnier nicht unsere Leistung abrufen, verpassen wir nicht nur die Weltmeisterschaft. Wenn wir an diesem Wochenende versagen, sind auch die Olympischen Spiele 2016 in Gefahr, und die nächsten sechs Jahre dürften richtig, richtig schwer werden.
Warum?
Weil es nur bei der WM sehr viele Weltranglistenpunkte gibt. Die Platzierung in der Weltrangliste ist bei so vielen Dingen wegweisend. Zum Beispiel entscheidet sie auch darüber, ob ein Team ein Qualifikationsturnier vor eigenem Publikum spielt oder nicht. Mein Heimatland Belgien muss in Frankreich ran, das ist richtig schwer. Wenn wir die WM verpassen würden, dann würden wir viel verlieren. Die Qualifikation ist deshalb sehr wichtig.
Der Druck auf die Mannschaft ist riesig. Und genau so eine Situation ist ihr beim 1:3 im Viertelfinale der Europameisterschaft gegen Bulgarien zum Verhängnis geworden. Da waren die Erwartungen plötzlich zu hoch.
Volleyball ist immer eine Kopfsache, vor allem auf diesem Niveau. Aber dieses Mal ist es anders als bei der EM. Da sind wir hingefahren und haben gesagt: „Wir schauen mal, wie es läuft“, und plötzlich zählten wir zu den Favoriten. Dieses Mal konnten wir uns auf die Situation vorbereiten. Die Jungs wissen, wie wichtig dieses Turnier ist. Das musste ich keinem erklären. Deutsche Spieler sind bei so etwas immer sehr gut informiert.
Dann ist Ihre Zielsetzung klar: Der Turniersieg muss her, oder? Denn nur der Gewinner fährt sicher zur WM.
Stimmt. Wir haben drei Spiele und wollen drei Siege. Wenn wir das Turnier nicht gewinnen, haben wir es auch nicht verdient, 2014 zur WM nach Polen zu fahren.
Setzen Sie auch auf das Publikum in Ludwigsburg?
Die Zuschauer machen im Volleyball 20 bis 30 Prozent aus. Der Heimvorteil ist wichtig. Das ist das, was ich vorher meinte. Wir haben jetzt alles, was wir brauchen. Wir spielen vor eigenem Publikum, haben optimale Rahmenbedingungen und eine tolle Mannschaft. Wir haben es in der eigenen Hand. Es gibt keine Ausreden.
Kroatien, Estland, Türkei – das sind die deutschen Gruppengegner. Wer ist der größte Konkurrent?
Die Türkei. Die Mannschaft hat eine gute Entwicklung hinter sich.
Generell boomt Volleyball am Bosporus. Im Gegensatz zu Deutschland. Nur das erste der drei Qualifikationsspiele ist live im Fernsehen zu sehen. Während der anderen zwei Spiele überträgt Sport 1 Hallenfußball. Ärgert es Sie, dass Fußball alles dominiert?
Es ist nicht der Fußball, der mir Sorgen macht. In Deutschland gibt es keine Sportkultur. Sport ist für die Menschen hier nicht das Wichtigste.
Wie meinen Sie das?
Meine Tochter studiert in den USA. Dort ist es normal, dass Kinder nachmittags drei Stunden Sport treiben. Da ist Sport sehr wichtig und hat einen großen Stellenwert. Die Deutschen sind da sehr konservativ. Oder ein anderes Beispiel. Wie viele Seiten Sport haben Sie normalerweise?
Unter der Woche sind es in der Regel drei.
Sehen Sie! In Belgien sind es nicht drei ­Seiten, da besteht die Hälfte einer Zeitung aus Sport, auch wenn es keine Sportzeitung ist. Auf so vielen Seiten gibt es dann auch mehr Platz für andere Sportarten, zum Beispiel für Volleyball. Positiv in Deutschland sind vor allem die Vereine. Egal ob Berlin, Friedrichshafen oder Düren: Die Hallen sind voll.
Wechseln wir das Thema: Sie bekommen von Volleyball nie genug, oder?
Warum?
Weil Sie sogar in Ihrem Urlaub in Volleyballhallen gesehen worden sein sollen und weil Sie in der nationalmannschaftsfreien Zeit in Polen wieder einen Club trainieren.
(Lacht) Ein Tag ohne Volleyball ist okay, aber dann kribbelt es wieder.
Die Aufgabe, den polnischen Erstligisten Transfer Bydgoszcz aus der Abstiegszone zu führen, wird aber nicht leicht.
Das stimmt, aber irgendwie bin ich ein Spezialist für schwierige Situationen. Das deutsche Team habe ich übernommen, als es in der Weltrangliste nur 15. war. Und mein letzter Club in der Türkei hatte noch kein Spiel gewonnen, als ich kam.
Was machen Sie denn als Trainer anders als die anderen?
Vielleicht habe ich einfach Glück (lacht). Ich weiß selbst nicht genau, woran es liegt. Eine Mannschaft richtig gut zu machen ist wie ein Puzzle, das aus vielen kleinen Teilen besteht. Grundsätzlich versuche ich aber, immer positiv an eine Sache ranzugehen.
Das tun Sie auch bei der WM-Qualifikation?
Ja, denn ich bin mir sicher, dass die Jungs es schaffen werden!
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