Naturerlebnis, Naturerfahrung, Naturinszenierung: Der Schwarzwald ist schön, und das war er schon, bevor dort 10 000 Hektar zum Nationalpark erklärt wurden Foto: Nationalpark Schwarzwald

Urwälder sucht man am Ruhestein noch vergebens. Die Natur lässt sich nicht drängen, auch wenn es im Schwarzwald nun einen Nationalpark gibt. Auch die Gegner verschwinden nicht über Nacht.

Seewald - „Ist denn der Nationalpark noch offen?“ Der Taxifahrer am Stuttgarter Flughafen hat sich kürzlich das Lachen verkniffen, als ihn zwei US-Touristen nach den Öffnungszeiten fragten. Als ob der Schwarzwald Tore hätte! Immerhin hat sich seine Existenz bis ins Land der großen Naturwunder herumgesprochen. „Nationalpark“ ist eben eine Marke.

Ob er die Erwartungen der Gäste erfüllt hat, ist allerdings fraglich. Denn an seinem ersten Geburtstag macht das Großschutzgebiet, um das im vorvergangenen Jahr erbittert gerungen wurde, noch nicht allzu viel her. Ja, es versteckt sich geradezu. Falls das amerikanische Paar von Freudenstadt hinüber zur Schwarzwaldhochstraße gefahren sein sollte, hätte es die kleine Tafel bei der Zollstockhütte garantiert übersehen. Drei stilisierte Berge formen darauf das Logo.

Der Parkplatz am Lotharpfad ist zurzeit verwaist. „Betreten bei Reifglätte, Schnee und Eis nicht gestattet“, warnt ein Schild und vertröstet aufs Frühjahr. Wenn dann noch Nebel wabert, und das ist in 1000 Meter Höhe häufig der Fall, kann der Besucher von Glück sagen, wenn er das Naturschutzzentrum am Ruhestein findet.

„Wir bekommen größere Schilder, aber die müssen die Behörden erst genehmigen“, sagt Wolfgang Schlund, ein drahtiger Mittfünfziger mit Bart. Der Biologe leitet gemeinsam mit dem Forstwissenschaftler Thomas Waldenspuhl die 70-köpfige Nationalparkverwaltung – und hat für Interviews eigentlich gar keine Zeit. Denn während draußen die Natur ihren Winterschlaf hält, schuftet er drinnen, damit sein Schützling aus dem Gröbsten herauskommt.

Der steckt nämlich, bildlich gesprochen, noch in den Kinderschuhen. Tourismuswerbung und Verkehrslenkung, Bildungskonzept und Borkenkäferschutz – das alles muss erst noch wachsen. Ein Generalplan soll auflisten, was überhaupt angepackt werden muss in der Welt der Grinden, Karseen und Bannwälder. Auch auf ein großes, neues Besucherzentrum­ müssen die Gäste noch einige Jahre warten. Aber alles sei auf gutem Weg, versichert Schlund.

Hinter den Kulissen herrscht jedenfalls Betriebsamkeit. Der Nationalparkrat, ein 24-köpfiges Gremium aus Landräten, Bürgermeistern und Beamten, hat erste Weichen gestellt. Auch der Beirat macht Vorschläge, darin sitzen Naturschützer, Touristiker, Ökonomen und Wissenschaftler. Viele reden mit – denn nichts fürchtet Grün-Rot mehr als den Vorwurf, man entscheide über die Köpfe der Bürger hinweg.

Viel Bohei also um 10 062 Hektar Wald. Wollte man den nicht einfach nur in Ruhe lassen? „Der Nationalpark an sich braucht niemanden“, räumt Schlund ein. In dessen Zentrum, der Kernzone, soll der Mensch überhaupt nicht mehr eingreifen. Prozessschutz nennen das die Fachleute. Und doch ist ein Nationalpark nicht nur Natur, sondern auch Naturerlebnis, Naturerfahrung und Naturinszenierung.

„Wir müssen forschen und erklären“, beschreibt Schlund seine Aufgabe. Letzteres lässt sich schon ganz gut an: An schönen Tagen wimmelt es hier nur so von Rangern, die auf Wollgras und Sperlingskauz aufmerksam machen. Fast 100 Seiten umfasste das Jahresprogramm 2014. „Allein 200 Schulklassen tauschten ihr Klassenzimmer vorübergehend gegen lebendigen und anschaulichen Unterricht im Wald“, bilanziert Naturschutzminister Alexander Bonde. Falls das amerikanische Ehepaar also sommers kommt, wird ihm einiges geboten.

Geforscht wird natürlich auch. So fand man kürzlich am Wilden See ausgerechnet jenen seltenen Pilz, den sich Ministerpräsident Winfried Kretschmann sehnlichst gewünscht hatte, als er im vergangenen Jahr für den Nationalpark warb: die „zitronengelbe Tramete“. Sie gilt als Merkmal für ursprüngliche Wälder. Prompt spottet jetzt die Opposition, da habe sich die Natur aber beeilt!

Es reicht also keinesfalls, den Wald einfach sich selbst zu überlassen, zumal das Projekt nicht nur ökologischen, sondern auch ökonomischen Gewinn verspricht. „Die Gastronomen wollen mit dem Namen werben“, sagt Gerhard Goll, der Vorsitzende des Beirats. Auch Handwerksbetriebe würden das Image gern für sich nutzen.

Die umliegenden Gemeinden spannen den Park schon längst vor ihren Karren. „Hier wird Natur in die Freiheit entlassen“, wirbt etwa Baiersbronn und schwärmt von „unvergesslichen Touren“. Die Wälder dürften sich entwickeln, „ohne dass der Mensch hier noch zu lenken versucht“. Nun gut, noch im vergangenen Jahr wollten drei Viertel der Baiersbronner dies gerade nicht. Aber wie das so ist mit Dingen, die man nicht ändern kann: Man arrangiert sich damit. „Der Nationalpark ist da und lenkt die Blicke auf die ­Region“, sagt der Baiersbronner Tourismusdirektor Patrick Schreib. Für den Hauptort des Parks sei es deshalb zwingend, mit diesem zu werben. Das solle aber nicht heißen, dass nun alles Friede, Freude, Eierkuchen ist.

„Uns bleibt nichts übrig, als kritisch hinzuschauen, was aus den Versprechungen wird“, sagt Wolfgang Tzschupke, emeritierter Forstprofessor und einer der profiliertesten Gegner des Projekts. Nach einem Jahr sieht er kein einziges zusätzliches Argument, das für den Park spricht.

Noch einmal aufgeflammt ist die Empörung, als vor ein paar Wochen der Nationalparkrat seinen Vorschlag veröffentlichte, wie das Gelände aufgeteilt werden soll. Rund ein Drittel davon ist als Kernzone vorgesehen, 46 Prozent sind für die Entwicklungs- und gut 21 Prozent für die sogenannte Managementzone geplant.

In Letztere werden die Förster dauerhaft eingreifen, um die Ausbreitung des Borkenkäfers auf umliegende Wälder zu verhindern. Dass dieser Pufferstreifen nun zum Teil außerhalb des eigentlichen Parkgeländes verlaufen soll, also quasi „hinausgeklappt“ wird in den normalen Staatswald, kam in der Region gar nicht gut an. „Dadurch wird die Gesamtfläche des Parks durch die Hintertür vergrößert“, kritisiert der naturschutzpolitische Sprecher der Landtags-CDU, Patrick Rapp. Auch er bleibt skeptisch, ob der Nationalpark das hält, was seine Schöpfer versprechen.

„Man schreit nicht Hurra“, stellt Parkchef Schlund nüchtern fest. Dennoch sind die Schwarzwälder pragmatisch. Und vielleicht nicht mehr ganz so aufgeregt. Auf der nächsten Stuttgarter Tourismusmesse CMT, die am 17. Januar ihre Tore öffnet, treten die Anliegergemeinden jedenfalls einträchtig als „Nationalparkregion“ auf. Samt Forbach und Seewald, dessen Bürger im vergangenen Jahr ebenfalls den Daumen gesenkt hatten. Mit dem Drei-Berge-Logo werben sie jetzt exklusiv.

„Der Nationalpark ist eine starke Marke, das spüren wir im Auslandsmarketing“, sagt Andreas Braun, Geschäftsführer der Tourismus-Marketing GmbH Baden-Württemberg. An Besucherzahlen lasse sich das zwar noch nicht messen, aber die Aufmerksamkeit sei gewachsen.

Die Kluft zwischen Vision und Wirklichkeit ist allerdings noch tief. Wenn das amerikanische Ehepaar in Richtung Baden-Baden fährt, werden ihm zum Beispiel die vielen Hotelruinen auffallen: Sand, Bühlerhöhe, Plättig, Hundseck . . . Überbleibsel eines seligen Kur-Zeitalters. Ohne private Investoren wird sich daran nichts ändern. „Aber auch das muss wachsen“, sagt Schlund.

Und noch eins werden die US-Gäste kopfschüttelnd registrieren: Mitten durch den Park wälzt sich eine Kolonne von autobahnflüchtigen Schwerlastern, die Maut und Zeit sparen wollen. Dazwischen kurven ungeduldige Motorradfahrer, die an schönen Tagen mit ihren Maschinen die Gesetze der Fliehkraft austesten. Als Beiratschef Goll die Lkw-Kolonnen kürzlich beanstandete, meldete sich mahnend die örtliche Wirtschaft zu Wort: Man dürfe den Verkehr nicht abwürgen. Der Grat zwischen Profit und Prozessschutz ist ziemlich schmal.

Stirnrunzelnd nimmt Schlund auch zur Kenntnis, wie alle möglichen Freizeitjünger den Park als Tummelplatz nutzen wollen. Werben dürften ja alle damit, sagt er. Doch einer Downhill-Strecke für Mountainbiker würde er zum Beispiel nicht zustimmen: „Alle müssen doch einsehen, dass man das, was den Nationalpark auszeichnet, kaputt machen würde, wenn man ihn überrennt.“

Ski-Langläufer müssen sich keine Sorgen machen. Die Parkverwaltung gestattet das Gleiten durch den Winterwald nicht nur, sie fördert es sogar und spurt von nun an die Loipen in eigener Regie – was sicher ihr Ansehen in der Bevölkerung mehrt. Dass am Parkrand Reservate für größere Tiere entstehen sollen, wie es der Dollenberg-Hotelier Meinrad Schmiederer vorschlägt, sieht Schlund ebenfalls als Gewinn. Das hätten auch andere Parks und steigere die Attraktivität der Region.

Restzweifel bleiben trotzdem, wie die Bürger das Ganze annehmen. Deshalb haben in den ­vergangenen Tagen Meinungs­forscher 1500 repräsentativ ausgewählte Baden-Württemberger befragt. Das Ergebnis steht noch aus.

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