Viel Arbeit: Bundestrainer Joachim Löw Foto: Getty

Die dürftigen Auftritte in Irland und gegen Georgien haben gezeigt: Bis zur EM-Endrunde im kommenden Jahr muss sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft gehörig steigern. Vor allem drei Baustellen muss Bundestrainer Joachim Löw beackern.

Leipzig/Stuttgart - Es waren noch einmal zähe 90 Minuten, ehe sich die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am Sonntagabend beim 2:1 gegen Georgien für die EM 2016 in Frankreich qualifiziert hatte. Ähnlich quälend muss in den Ohren von Joachim Löw die Frage klingen, die hinterher alle beschäftigte: Was ist nur mit der Mannschaft los, die im vergangenen Jahr noch begeisternde Spiele ablieferte und den WM-Titel gewann? Mit der Antwort will sich der Bundestrainer Zeit lassen: „Wir müssen die eine oder andere Überlegung anstellen“, sagte er nach der Partie in Leipzig, bei der sich sein Team gegen den 110. der Weltrangliste ungewöhnlich schwertat. Was Löw da schon wusste: dass er einen anderen Anspruch hat als die Leistungen der deutschen Mannschaft aus den Spielen in Irland (0:1), gegen Georgien (2:1) – und in der nun abgelaufenen WM-Qualifikation ganz allgemein. „So, wie wir gespielt haben, brauchen wir nicht anzutreten“, sagte Abwehrspieler Jérôme Boateng mit Blick auf die EM-Endrunde in Frankreich in aller Deutlichkeit.

Weil die deutsche Mannschaft aber nicht nur antreten, sondern sogar um den Titel kämpfen will, hat Joachim Löw einiges Verbesserungspotenzial ausgemacht. „Wir wissen, dass wir in den nächsten Monaten einige Arbeit vor uns haben, um wieder auf das Niveau der WM zu kommen.“ In einigen Bereichen ganz besonders. Die größten Baustellen des Bundestrainers:

Die Stürmer: „Wie ein roter Faden“, meinte Löw, habe sich die Abschlussschwäche durch die Qualifikation gezogen. „Wir sind im Moment ein Boxer, der viele Treffer landet, aber nicht frühzeitig den K. o. schafft“, sagte der Coach. DFB-Präsident Wolfgang Niersbach ergänzte: „Wir haben wunderbare Fußballer, die streicheln, schieben, passen – nur der Ball muss dann irgendwann mal rein.“ Gegen Georgien vergab allein Marco Reus ein halbes Dutzend guter Möglichkeiten. Dabei behauptet Löw: „Unsere Spieler haben schon Vollstreckerqualitäten.“ Dennoch stellt sich vor der EM die Frage, ob nicht doch ein Stürmertyp wie Mario Gomez dem Team als Alternative guttun würde. Löw entgegnete: „Man darf jetzt nicht glauben, dass man einen großen, kopfballstarken Spieler braucht, einen Horst Hrubesch.“ Er räumte aber auch ein: „Wenn einer da ist, der die Form und das Selbstvertrauen hat, bin ich um jeden Stürmer froh.“ Soll heißen: Bestätigt zum Beispiel Mario Gomez bei Besiktas Istanbul seine gute Form, darf er sich Hoffnungen auf die EM machen.

Die Außenverteidiger: Löw macht die Abschlussschwäche nicht nur an den Stürmern fest, sondern auch am Mangel an potenziellen Vorbereitern. „Wir spielen relativ stark über die Mitte, das ist wie Feldhandball“, klagte Löw und begründete: „Die Außenverteidiger sind in ihren Vereinen eher defensiv geschult.“ In der Offensive würden sie dann immer wieder abbrechen statt „durchbrechen“. Zuletzt besetzten Emre Can, Sebastian Rudy (beides Mittelfeldspieler), Matthias Ginter (Innenverteidiger) und Jonas Hector die Außenpositionen. Bei der WM war Benedikt Höwedes ein guter Notnagel, Shkodran Mustafi (beide Innenverteidiger) eine Alternative. Gute Spezialisten sucht man nicht erst seit dem Rücktritt von Philipp Lahm vergebens – dabei sind die beiden Positionen rechts und links hinten mit die wichtigsten im modernen Fußball. Marcel Schmelzer (Borussia Dortmund) darf auf ein Comeback hoffen, Bastian Oczipka (Eintracht Frankfurt) könnte interessant werden.

Die Mentalität: „Wir müssen dahin kommen, dass wir die absolute Geilheit, ein Tor machen zu wollen, wieder haben“, sagte Mittelfeldspieler Toni Kroos. Boateng meinte zu den jüngsten Defiziten: „Das kommt, wenn man einen Schritt zu wenig läuft.“ Damit ist klar: Der Weltmeister ging zuletzt zu selten ans Limit. Dazu kommt: Ohne Bastian Schweinsteiger und Sami Khedira in guter Verfassung fehlen Spieler, die das Team aus ihrem Trott reißen. „Wir hatten ein paar Umstellungen in der Mannschaft“, sagte Kroos zu den Rücktritten von Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose, „es ist normal, dass dann nicht gleich alles klappt.“ Andere, auch er selbst, sind in dieser Führungsrolle noch nicht angekommen.

Ein Versprechen gab Real-Star Toni Kroos dennoch: „Dass wir auch bei der EM eine gute Mannschaft mit allen Chancen stellen werden“. Bis dahin und erstmals bei den Länderspielen im November wird Joachim Löw testen und bewerten. Und klar ist: Selten war die Möglichkeit für die Kandidaten größer, auf sich aufmerksam zu machen.

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