Die Nationalspieler mit Stuttgarter Vergangenheit. Foto: Bongarts/Montage: Sebastian Ruckaberle

Die Nationalelf bereitet sich in Stuttgart auf die WM-Qualifikationsspiele in Tschechien und gegen Norwegen in der Mercedes-Benz-Arena vor. Acht Jungs haben dabei ein echtes Heimspiel.

Stuttgart - Die Stadt Stuttgart hat in diesen Tagen acht Fremdenführer mehr in ihren Reihen. Sie sind ein bisschen anders als die anderen, weil sie wahrscheinlich nicht durch die Fußgängerzone gehen und mit Schirm oder Fähnchen den Weg weisen. Zudem arbeiten sie nach allem, was zu hören ist, in diesem Fall unentgeltlich – und werden sich je nach Bedarf darauf konzentrieren, ihren Kollegen vom Bus aus die Reize der Stadt zu zeigen. Am besten jedoch können sie ihre Ortskenntnisse anwenden, wenn sich die Reisegruppe in Bad Cannstatt, genauer in der Mercedesstraße, aufhält. Dort, auf dem Trainingsgelände des VfB, bereitet sich die Nationalelf seit Dienstag auf die beiden WM-Qualifikationsspiele an diesem Freitag in Tschechien und am Montag in der Stuttgarter Mercedes-Benz-Arena gegen Norwegen vor. Mit acht Spielern mit Stuttgarter Vergangenheit. Mit acht Jungs, die auf den Trainingsplätzen des VfB jeden Grashalm kennen – und nun den Müllers, Özils oder Goretzkas um sie herum die Wege weisen können.

Bernd Leno, Antonio Rüdiger, Joshua Kimmich, Serge Gnabry, Mario Gomez, Sami Khedira, Sebastian Rudy und Timo Werner kommen nach Hause. In die fußballerische Heimat. Dorthin, von wo aus sie ihre Karrieren starteten. In Stuttgart. Beim VfB. Der Stuttgart-Achter als Flaggschiff für Deutschland. Und einer, der für die glänzende Jugendarbeit des VfB in der Vergangenheit steht.

Der Mann, der diese Arbeit entscheidend mitgestaltet hat und die acht Jungs allesamt in Stuttgart erlebt hat, freut sich heute im fernen Leipzig über die spezielle Schwaben-Connection im Nationalteam. Thomas Albeck, heute Leiter des Nachwuchsleitungszentrums von RB Leipzig, früher von 1999 bis 2012 Jugendkoordinator des VfB, sagt, dass ihn die Nominierung der acht Jungs mit VfB-Vergangenheit mächtig stolz mache. Und dass es sicher kein Zufall sei, dass so viele ehemalige Stuttgarter Jugendspieler den Sprung ins Team von Bundestrainer Joachim Löw geschafft haben.

Der Nachwuchs des VfB war einst führend in der ganzen Republik

Unter Albecks Führung war der Nachwuchs des VfB führend. Nicht nur in Baden-Württemberg. In der ganzen Republik. Fast schon unzählige deutsche Meisterschaften und etliche Talente, die irgendwann den Sprung in die Bundesliga schafften: Das ist die Erfolgsbilanz Albecks, der zusammen mit Frieder Schrof (heute ebenfalls bei RB Leipzig) für den VfB-Nachwuchs verantwortlich zeichnete.

Das Erfolgsrezept, mit dem die Khediras, Kimmichs oder Werners nach oben gebracht wurden? Albeck (61) muss nicht lange überlegen. „Wir sind beim VfB auf jeden Jugendspieler einzeln eingegangen, so konnte jeder individuell verbessert werden“, sagt er – und nennt ein konkretes Beispiel: „Bei Timo Werner war es zum Beispiel so, dass er seinen linken Fuß zunächst nur zum Stehen hatte. Wir haben ihm dann teilweise in den Trainingsspielen die Aufgabe gestellt, nur mit dem linken Fuß zu schießen und zu passen. Wenn er den rechten benutzt hat, war das wie ein Foul, und der Gegner bekam den Ball.“ Die Arbeit zahlte sich aus. Heute schießt und passt Werner mit links fast so gut wie mit rechts.

So oder so ähnlich wurden auch die anderen Talente gefördert – auf dem Platz. Thomas Albeck aber betont, dass nicht nur die fußballerische Ausbildung entscheidend sei. Das Gesamtkonzept müsse passen: „Eine ganzheitliche Rundumbetreuung ist wichtig, man muss zu den Jungs ein persönliches Vertrauensverhältnis aufbauen“, sagt Albeck. „Sie müssen das Gefühl haben, dass sie immer eine Anlaufstation haben, wenn sie ein Problem haben, egal ob es sportlicher oder privater Natur ist.“

Beim VfB fanden die acht Jungs eine Wohlfühlatmosphäre vor

Genau diese Wohlfühlatmosphäre fanden die acht Jungs beim VfB vor. Auch weil sie in

jungen Jahren behutsam aufgebaut und nicht verheizt wurden. „Heutzutage versuchen Vereine bereits Spieler mit 12 oder 13 Jahren für sich zu gewinnen, das macht die Sache in der Konkurrenz zu anderen Clubs nicht einfacher“, sagt Thomas Albeck. „Früher hast du in der Regel Spieler im C- oder B-Jugend-Alter verpflichtet. Alles geht heutzutage schneller, und Jugendspieler haben oft immer weniger Zeit, um sich zu entwickeln.“

Besagte Zeit rennt. Vor allem für den VfB, dessen Jugendabteilung zuletzt nicht mehr an die großen Erfolge von damals anknüfen konnte. Weniger Titel als in der Vergangenheit, dazu auch weniger Jugendspieler, die den Sprung zu den Profis schafften – ein Problem, das der Präsident Wolfgang Dietrich erkannt hat. „Wir müssen uns im Jugendbereich wieder verbessern“, sagt er. Damit es auch in Zukunft eine Nationalelf mit einem Stuttgarter Gerüst gibt.

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