Kann wieder gut lachen: Joshua Kimmich. Foto: Tom Weller/dpa Foto: dpa

Die Tränen von Wembley sind getrocknet. Auch für Joshua Kimmich beginnt bei der Länderspiel-Premiere von Bundestrainer Flick ein neuer Abschnitt in seiner Karriere.

Stuttgart - Joshua Kimmich stand hinter einer großen Holzwand und lauschte heimlich Hansi Flick. Doch hörte er den Worten des neuen Bundestrainer auch genau zu?

Beim Warten auf seinen eigenen Auftritt bei der Pressekonferenz der Nationalmannschaft vor dem Neustart gegen Liechtenstein gingen Kimmichs Gedanken zurück in seine Jugendtage. "In erster Linie erinnere ich mich an meinen Abi-Ball. Den habe ich genau hier gemacht", erzählte der Bayern-Profi über die ziemlich zweckmäßige Halle der Stuttgarter Verkehrsbetriebe. Ob er damals das Tanzbein schwang oder eine Rede hielt, berichtete Kimmich nicht.

Seine fußballerische Reifeprüfung hat der 26-Jährige auch schon lange abgelegt. Wenn am Donnerstag (20.45 Uhr/RTL) in St. Gallen unter seinem früheren Münchner Sieben-Titel-Trainer Flick im DFB-Trikot endlich wieder Spaß- und Offensivfußball demonstriert werden sollen, wird Kimmich der Spieler mit den meisten Länderspiel-Einsätzen sein. Zum 60. Mal spielt er im Nationaltrikot und ist damit ein Kandidat für die in Abwesenheit seiner angeschlagenen Münchner Clubkollegen Manuel Neuer und Thomas Müller leihweise zu vergebene Kapitänsbinde.

Vor zwei Jahren das erste Mal DFb-Kapitän

Als er vor knapp zwei Jahren gegen Argentinien (2:2) zum ersten Mal als DFB-Spielführer aufs Feld ging, rutschte die schwarz-rot-goldene Binde ihm ständig vom Arm. "Damals musste ich eine Büroklammer reinstecken. Mal sehen, ob der Bizeps gewachsen ist", scherzte Kimmich über seinen möglichen nächsten Einsatz als DFB-Käpt'n.

Ob mit Binde oder ohne, wichtiger ist für ihn eine andere Botschaft Flicks, dem am Mittwoch unter der Dusche einfiel, dass er noch über einen Spielführer nachdenken muss. "Das kann ich definitiv sagen, dass er als Sechser spielen wird", versicherte der Bundestrainer.

Die höchst kontrovers diskutierte EM-Notlösung von Ex-Bundestrainer Joachim Löw mit dem Münchner Antreiber als offensiv ausgerichtetem rechten Außenverteidiger ist erstmal Geschichte. "Er pusht die Mannschaft positiv. Das sind Elemente, die man auf dem Spielfeld sehen will. Er ist auf dem Feld der Leader, den man braucht", sagte Flick über den immer ehrgeizigen Musterschüler des FC Bayern.

Kimmich will ein Torfestival

Kimmich weinte nach dem EM-Aus im Achtelfinale gegen England auf dem Rasen von Wembley. Niederlagen kann er einfach nicht ertragen. Als Anführer der verheißungsvollen Generation 1995/96 und Confed-Cup-Gewinner von 2017 soll der nächste Titeltraum bei der WM in Katar nicht wieder leichtfertig verspielt werden. "Wir haben leider schon zwei Chancen in den Sand gesetzt", sagte Kimmich mit Blick auf den nächsten Anlauf im Wüsten-Emirat am Golf Ende 2022.

Liechtenstein kann dabei nur der erste Mini-Schritt sein. Kimmich will ein Torfestival, denn "das Land guckt auf uns", mahnte er. "Ich hätte gerne, dass es nach 15 Minuten 3:0 steht, auch, wenn man dann außer Atem ist. Wir dürfen nicht lange fackeln", forderte er. Die WM-Qualifikation müsse für alle eine Phase des Lernens sein, für das Team, aber auch für ihn persönlich.

"Ich erwarte selber eine Weiterentwicklung, dass man mit 26 nicht am Ende ist", sagte Kimmich. Da hatte er am Mittwoch bei Flick wohl doch recht gut zugehört. Der Bundestrainer hatte nämlich kurz zuvor gesagt: "Er ist technisch versiert. Er ist noch lange nicht am Ende seiner Entwicklung. Er ist ein absolutes Vorbild für jeden jungen Spieler. Er wird eine zentrale Rolle spielen."

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