Mehr Probleme, als er zugeben mag: Bundestrainer Joachim Löw Foto: Baumann

Auch ein Weltmeister verliert Spiele. Wenn das 0:2 in Polen ein Ausrutscher war – sei’s drum. Doch der Holperstart in die Saison eins nach dem Titelgewinn lässt vermuten: Die Probleme liegen tiefer.

Warschau - Ein großer Titel ist ja erst mal eine Befreiung: alles gut, alles prima, alles vergnügt. Aber dann kommen Tage, an denen er auch zur Last werden kann. Denn jetzt spielt nicht mehr Deutschland, jetzt spielt der Weltmeister. Auf ihn schauen alle noch akribischer. Die Fallhöhe ist plötzlich höher als früher. Die Schadenfreude auch, wenn er verliert. Und der Weltmeister Deutschland verliert seit der Jubelfeier in Rio ein bisschen zu häufig. 2:4 im Test gegen Argentinien, jetzt das historische 0:2 in Polen: zwei Pleiten in drei Länderspielen, und dazwischen der 2:1-Sieg gegen Schottland, der auch keine Offenbarung war.

Deshalb muss niemand Alarm schlagen, zumal der neue Modus der EM-Qualifikation den Gruppensiegern und den Zweitplatzierten das Tor zur Endrunde in Frankreich öffnet. Andererseits überrascht es schon, wie Bundestrainer Joachim Löw sich vor unbequemen Wahrheiten drückt. „Jetzt haben wir nach 33 Spielen mal wieder ein Qualifikationsspiel verloren“, sagte er scheinbar unbekümmert, „das gibt es jetzt halt mal. Das muss man jetzt mal akzeptieren und so hinnehmen und die Lehren daraus ziehen.“ Und zwar schnell: An diesem Dienstag (20.45 Uhr/RTL) steht gegen Irland in Gelsenkirchen die nächste Prüfung an.

Regelrecht panisch fiel die Reaktion von Teammanager Oliver Bierhoff aus. „Wir sind auf keinen Fall in einem Tal“, versicherte er am Sonntagabend in einem Video auf der Homepage des Deutschen Fußball-Bundes (DFB), „wir werden das alles meistern, wir haben auch genug Qualität, dass wir gar nicht so weit absacken.“

Nur „einen einzigen Vorwurf“ mochte Löw seiner Mannschaft nach dem 0:2 machen – die mangelhafte Chancenverwertung: „Das wird bis Dienstag das Hauptthema bei uns sein.“ 29 Torschüsse, aber kein Treffer. „So ist es schwierig, ein Spiel zu gewinnen“, sagte Thomas Müller achselzuckend. Noch in der Kabine quälten sich die deutschen Spieler vor dem Fernseher mit den packendsten Bildern aus beiden Torräumen. „Da kamen 20 Szenen im polnischen Strafraum – und zwei bei uns“, ärgerte sich Müller, „wir haben eigentlich bis zur Box gut gespielt und auch gute Chancen herausgearbeitet, aber nicht getroffen.“

Das ist richtig. Nur: So einfach ist es dann auch nicht. Die Probleme im deutschen Team beginnen dort, wo die Ursachenforschung der Spieler und Trainer aufhört. Die Rücktritte der Weltmeister Philipp Lahm, Per Mertesacker und Miroslav Klose wiegen schwerer, als allen lieb ist. „Es gab mehr einschneidende Veränderungen nach der WM, als ich mir erhofft hatte“, sagte Löw.

Den Verlust des Trios kann die Mannschaft ebenso wenig kompensieren wie die Ausfälle der verletzten Stammkräfte Bastian Schweinsteiger, Sami Khedira, Mesut Özil und Benedikt Höwedes. In Polen fanden auch Spieler wie André Schürrle und Thomas Müller kaum statt, individuelle Fehler machten der Nummer 70 der Welt das Siegen leicht. Welttorhüter Manuel Neuer trug Mitschuld am 0:1 durch Arkadiusz Milik (51.), als er zu zögerlich aus seinem Tor herauskam, Erik Durm ließ sich beim 0:2 durch Sebastian Mila (88.) von Robert Lewandowski abkochen. Das System mit der falschen Neun im Angriff greift nach wie vor nicht. Beim 2:1 gegen Schottland war Thomas Müller mit zwei Treffern eingesprungen, doch generell fehlt ohne Klose und den verletzten Mario Gomez ein Stoßstürmer. Und die beiden Außenpositionen in der Abwehr werden den internationalen Erfordernissen als erste Schwungräder des Angriffsspiels nicht gerecht. „Einstellung, Spielanlage und Konzentration waren absolut in Ordnung. Die jungen Spieler müssen in den nächsten beiden Jahren Erfahrungen machen, aus denen sie lernen“, sagte Löw.

Der anstehende Aufstieg zum EM-Gipfel ist ein Langzeitprojekt, die Probleme der ersten drei Spiele seit der WM werden Löw und die Mannschaft noch eine ganze Weile begleiten. Dennoch muss das Vier-Sterne-Team auf die Schnelle die Mängel so weit abstellen, dass die Partie gegen Irland nicht auch zum Stolperstein wird. Wie die Polen werden die Iren vorwiegend verteidigen und auf Konter spielen. „Wir werden darüber sprechen, wie wir unsere Chancen verwerten“, kündigte Löw an. Denn eines sei klar: „Wir müssen eine Reaktion zeigen.“

Eine, die den Ansprüchen an Fußball-Deutschland gerecht wird. Und denen an den amtierenden Weltmeister.

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