Die frühere Soldatin Annika Schröder kam traumatisiert von ihrem Einsatz aus Afghanistan zurück. Am Sonntag wird erstmals der Veteranentag gefeiert. Was bringt er Menschen wie ihr?
Wenn Annika Schröder Mist auf ihr Kartoffelbeet schaufelt, dann steht die Veteranin manchmal plötzlich in Afghanistan. Verwundete Kameraden, Schüsse, Geschrei. „Wenn ich zu viel Ruhe im Kopf habe, dann fangen die Bilder an“, sagt Schröder. Früher war sie Sanitäterin. Sie war dabei, als die Bundeswehr am 2. April 2010, am Karfreitag, unter in einen Hinterhalt der Taliban geriet – das bis dahin schwerste Gefecht unter deutscher Flagge seit dem Zweiten Weltkrieg. Schröder behandelte die Verwundeten, sah die Gefallenen.
Doch nicht nur diese Erinnerungen kommen wieder: Oftmals habe sie auch schwerstverletzte Kinder versorgt. „Das waren keine Gefechtsbeteiligten, die wurden einfach von ihren Familien misshandelt, angezündet oder mit kochendem Wasser übergossen.“ Besonders eine Situation sei ihr im Gedächtnis geblieben: „Auf meiner ersten Patrouille wurde uns mit Absicht ein alter Mann vor den Transportpanzer geschubst. Der war sofort tot.“ Bis zu 5000 Dollar Entschädigung zahlte die Bundeswehr den Hinterbliebenen vor Ort, wenn Zivilisten ums Leben kamen. Für dortige Verhältnisse ein Vermögen, für verzweifelte Afghanen eine Verlockung. So etwas sei mehrfach passiert. Damit diese Gedanken gar nicht erst hochkommen, hört Schröder auch bei der Arbeit auf ihrem Hof Podcasts. Zu viel Stille ist gefährlich.
So wie Schröder geht es vielen ehemaligen Kameraden
Annika Schröder, heute 40 Jahre alt, war Soldatin bei der Bundeswehr und 2010 in Afghanistan im Einsatz. Was sie dort gesehen hat, lässt sie nicht los. Die frühere Frau Hauptfeldwebel Schröder hat aus dieser Zeit eine posttraumatische Belastungsstörung (PTBS) davongetragen, leidet an einer Depression. Sie sagt: „Die Bundeswehr hat mir alles genommen – außer mein Leben.“ Wie ihr geht es Tausenden aktiven und ehemaligen Kameraden. Viele sind verletzt – an Körper und Seele. Oft ein Leben lang.
Doch viele erfahren kaum Anerkennung für ihre Leistung – oder Empathie für das, was sie erlitten haben. Am Sonntag wird nun zum ersten Mal der nationale Veteranentag begangen, so hat es der Bundestag vor einem Jahr beschlossen. „Damit wird gegenüber den aktiven und ehemaligen Soldatinnen und Soldaten deutschlandweit Anerkennung, Respekt und Wertschätzung zum Ausdruck gebracht“, heißt es dazu von offizieller Seite. Geplant ist eine große Veranstaltung am Reichstag in Berlin. Es gibt ein Bühnenprogramm, Musik, Bundestagspräsidentin Julia Klöckner (CDU) ist die Schirmherrin. Auch Verteidigungsminister Boris Pistorius (SPD) wird erwartet.
Dem Tag ging eine jahrelange Debatte voraus: Wer zählt als Veteran? An welchem Datum soll gefeiert werden? Man einigte sich auf eine sehr weitgehende Definition und den 15. Juni. An diesem Tag wurde 2019 erstmals das Veteranenabzeichen verliehen. Doch was bringt der Tag Menschen wie Annika Schröder?
Schröder hat strahlend blaue Augen, eine drahtige, fast hagere Figur. Ihre Haare sind an der Stirn dünn geworden, hinten sind sie zu Dreadlocks geflochten. 2017 hat sie sich einen Hof rund 20 Kilometer nördlich von Leipzig gekauft. Sie baut Kartoffeln an, Tomaten und Gurken, hält Schafe, Hühner, Hasen und Enten. Während sie durch den Garten und zu den Tieren führt, erzählt sie fast ununterbrochen. Zwei Hunde wuseln um ihre Beine. Sie erzählt vom Gewächshaus, dem Wurf Kaninchen, den Wollschweinen („Das ist das Kobe-Rind unter den Schweinen“), wirft einen Ball, dem Hund Bela hinterherflitzt. Sie zertritt Eierschalen, damit die Hühner sie besser fressen können („Für das Calcium“). Sie arbeite 12 bis 15 Stunden am Tag, erzählt Schröder. Sie brauche das.
Schröder hat versucht, sich das Leben zu nehmen
Der Hof habe ihr das Leben gerettet, sagt sie. Sie meint das wörtlich. Einmal habe sie versuchen wollen, sich umzubringen, hatte schon alles vorbereitet, war dafür auf einen nahe gelegenen Bundeswehr-Übungsplatz gefahren. Doch dann habe sie an ihre Entenküken gedacht, die auf einer Wiese in ihrem Garten grasten. „Ich habe gedacht: Wenn ich jetzt nicht wieder nach Hause komme, dann holt die der Fuchs.“ Dann sei sie auf ihr Fahrrad gestiegen und 17 Kilometer zurück auf ihren Hof gefahren.
Von der Bundeswehr fühlt sie sich schlecht behandelt. Nach der Rückkehr aus Afghanistan blieb sie bei der Truppe, arbeitete als Ausbilderin. Sie schlief schlecht, war gereizt, ständig unter Anspannung. Auch von Mobbing innerhalb ihrer Einheit erzählt sie. Am 30. April 2025 verließ sie die Truppe. Sie gilt offiziell als dienstunfähig. Einen Tag vorher wurde ihre Wehrdienstbeschädigung anerkannt, nach 15 Jahren bürokratischer Auseinandersetzung mit der Bundeswehr. Dadurch erhält sie jetzt eine Entschädigung.
Tattoos zeugen von ihrer Dienstzeit
Viele Erinnerungsstücke aus ihrer Dienstzeit hat sie aufbewahrt. Sie steigt die Treppe in ihrem Haus hoch. Entlang der Wand reihen sich Fotos, vom Sanitätskurs in Texas, aus dem Einsatz in Afghanistan. Auch ihre Medaillen hängen dort. Einige der Originale, zusammen mit dem Helm, den sie am Karfreitagsgefecht trug, liegen im Militärhistorischen Museum in Dresden. Als Beweis für die Leistungsfähigkeit von Soldatinnen in der Bundeswehr.
Schröder zieht ihren T-Shirt-Ärmel nach oben und entblößt ihren linken Oberarm. Das Ehrenkreuz in Gold, die Einsatzmedaille der Bundeswehr und weitere Abzeichen. Sie hat sich die Orden selbst tätowiert, manche der Linien sind schief, die Farbe leicht blass. Auf den Unterarm hat sie ein Datum tätowiert, „2.4.2010“, der Tag des Karfreitagsgefechts. Drei gefallene Kameraden brachte sie an diesem Tag zu einem Hubschrauber der verbündeten US-Amerikaner. Dessen Besatzung gab ihr den Namen „Death Angel“, Todesengel.
Mehr Wertschätzung für die Soldaten
Das sind ihre Erinnerungen an die Bundeswehr. Mit welchem Gefühlen blickt sie auf den Veteranentag? „Ich persönlich erwarte nichts“, sagt sie. Aber sie hoffe, dass die Zivilbevölkerung versteht, wie wichtig die Arbeit der Soldaten ist. „Mit der Abschaffung der Wehrpflicht sind wir fast unsichtbar geworden“, sagt sie. „Ich finde es wichtig, dass man den Soldaten Wertschätzung zeigt, und ich hoffe, dass dieser Tag dazu beiträgt.“ Von der Truppe erwartet sie aber deutlich mehr. „Innerhalb der Bundeswehr müssen wir noch viel mehr machen. Ich bin mit meiner Einsatzschädigung kein Einzelfall. Es kann nicht sein, dass ich 15 Jahre darum kämpfen musste, dass das anerkannt wird.“
Um selbst zu helfen, bietet Schröder ihr Haus ehrenamtlich als Veteranenherberge an. Kameraden können vorbeikommen, eine Nachricht oder Anruf genügt. In diesem Jahr waren drei oder vier Kameraden da. Manche bleiben nur ein paar Tage, andere mehrere Wochen. Die Ruhe, die Tiere und die Arbeit auf dem Hof tut auch ihnen gut. „Ich würde das gern größer aufziehen, mein Projekt bekannter machen“, sagt sie.
Auch deshalb will Annika Schröder am Sonntag zum Veteranentag nach Berlin reisen. Sie will sich vernetzen, anderen Menschen von ihrem Hof erzählen. Sie ist angespannt, wenn sie daran denkt. 31 Grad sollen es werden. „Auch beim Karfreitagsgefecht war es so bullenheiß“, sagt sie. Das habe sich ins Unterbewusstsein eingebrannt. „Hitze verbinde ich nicht mit Urlaub, sondern mit Todesangst.“ Sie weiß noch nicht, wie sie diesen Tag durchstehen wird. Nur, dass sie ihre Hündin Ronja mitnehmen wird. Die beruhigt sie. Vertreiben kann sie die Erinnerungen nicht. Afghanistan ist immer da.
Sie haben suizidale Gedanken? Hilfe bietet die Telefonseelsorge. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0 800 / 111 0 111 und 0 800 / 111 0 222 oder im Internet www.telefonseelsorge.de erreichbar.