Auf diesen Mann ist Verlass – die Zweifel an Marc-André ter Stegen gehören der Vergangenheit an. Foto: Getty

Marc-André ter Stegen vom FC Barcelona steht gegen Spanien im Tor der deutschen Fußball-Nationalmannschaft – es ist die nächste Etappe eines steilen Aufstiegs. In seiner Wahlheimat wird er schon als „Messi mit Handschuhen“ betitelt.

Düsseldorf - Wenn Fußballstars auf Reisen sind, gehört es zu ihren größten Annehmlichkeiten, dass sie meist in den nobelsten Herbergen der Stadt schlafen dürfen – und wenn sie morgens aufwachen, dann können sie das oft mit einer wunderbaren Aussicht tun. In Düsseldorf, dort, wo die Nationalelf an diesem Freitag Spanien zum Testspiel empfängt (20.45 Uhr/ARD), ist das in diesen Tagen nicht anders – bei Marc-André ter Stegen allerdings bekommt die Sache noch eine spezielle Note.

Wenn er aus seinem Panoramafenster, das so tief ist wie der Zimmerboden, schaut, bekommt er Heimatgefühle. Dem Torhüter, aufgewachsen im 30 Kilometer westlich gelegenen Mönchengladbach, ist der Blick auf den Niederrhein vertraut, und der Düsseldorfer Medienhafen mit den berühmten schiefen Häusern des Architekten Frank O. Gehry dürfte ihm ebenfalls bekannt vorkommen. Von seinem Zimmer aus sieht der Torhüter die drei Türme, die spektakulär in leichter Schräglage am Rheinufer stehen.

Marc-André ter Stegen bildet dazu einen Kontrast. Denn bei ihm laufen die Dinge gerade schnörkellos und kerzengerade – für ihn geht es schnurstracks nach oben. Der Keeper, der 2014 von Borussia Mönchengladbach zum großen FC Barcelona wechselte und dort längst unangefochtener Stammspieler ist, wird gegen Spanien im Tor stehen, darauf hat sich der Bundestrainer Joachim Löw vorzeitig festgelegt. Das Duell mit der Auswahl aus seiner sportlichen Wahlheimat ist ein weiterer Meilenstein für ter Stegen in der Nationalelf. Der nächste könnte schon im Sommer bei der WM folgen – dann, wenn der Fall eintritt, den im Kreise der Nationalelf keiner will und mit dem noch keiner rechnet. Sollte Manuel Neuer aber tatsächlich nicht fit werden, wird ter Stegen (25) in Russland im Tor stehen. Darüber gibt es keine Diskussionen mehr. Weil er längst bewiesen hat, dass auf internationalem Spitzenniveau auf ihn Verlass ist.

Messi mit Handschuhen“ titeln spanische Medien

Spanische Medien verglichen ihn aufgrund seiner fußballerischen Fähigkeiten jüngst sogar mit seinem Teamkollegen, dem mehrfachen Weltfußballer Lionel Messi. „Messi mit Handschuhen“, war in dicken Überschriften über ter Stegen zu lesen. Weil der Confedcup-Sieger von 2017 so gut mitspielt und obendrein noch überragend hält, hat er in Barcelona den Durchbruch geschafft.

Joachim Löw hat die Entwicklung seines Schützlings in Spanien und im Kreise der Nationalelf aufmerksam verfolgt – der Bundestrainer ist voll des Lobes. „Marc ist ruhig, gelassen und fokussiert“, sagt Löw, „er hat eine sehr gute Ausstrahlung, und er hat einen Reifeprozess bei uns durchgemacht.“ Ter Stegens Standing innerhalb des Teams, ergänzt Löw, sei mittlerweile sehr gut. All das führt dazu, dass Löw keine Schweißausbrüche bekommt, wenn er daran denkt, dass ter Stegen bei der WM womöglich im Tor stehen wird. „Ihn muss man darauf nicht vorbereiten“, sagt Löw dazu gelassen: „Er hat schon große Spiele gemacht, er ist auf alles vorbereitet.“

Tatsächlich scheint dieser ter Stegen komplett in sich zu ruhen. Am Tag vor dem Test gegen Spanien sitzt er auf dem Pressepodium und legt einen Auftritt hin, an dem jeder Buddha seine helle Freude gehabt hätte. Ter Stegen gibt die Gelassenheit in Person, mit seiner sonoren Stimme spricht er unaufgeregt über seine Entwicklung („Ich bin froh, wie es gelaufen ist“), seine Fähigkeiten („Der Vergleich mit Messi hinkt“) und seine Hauptaufgabe („Mein primäres Ziel ist es, Bälle zu halten“). Gelassen parliert ter Stegen in perfektem Spanisch mit den Reportern aus seiner Wahlheimat, souverän pariert der Keeper Fragen nach seinen WM-Ambitionen. „Wir alle wünschen Manuel Neuer, dass er rechtzeitig fit wird“, sagt er dann. Punkt.

Ein Torwart als elfter Feldspieler

Deutlichere Ansagen lieferte da schon Toni Kroos, der als Teamkollege in der Nationalelf, vor allem aber als Profi vonBarça-Konkurrent Real Madrid ein ter-Stegen-Experte ist. „Er ist der ideale Torwart für den Stil beim FC Barcelona“, sagt Kroos, „er ist der elfte Feldspieler, weil er so gut von hinten raus spielen kann.“

Das versuchte ter Stegen schon immer – in seiner Anfangszeit bei der Nationalelf ging die Sache aber schon mal gründlich daneben. In seinen ersten drei Länderspielen musste ter Stegen zwölf Mal hinter sich greifen. Berühmtheit erlangte ter Stegens Slapstickeinlage bei einem Testspiel gegen die USA 2013, als er nach einem harmlosen Rückpass den Ball mit dem Fuß annehmen wollte, ihn aber nicht richtig erwischte. Die Kugel kullerte über die Linie. Da half auch der verzweifelte Rettungsversuch per Grätsche nichts: ter Stegen mutierte zur Lachnummer – ließ sich hinterher auf seinem Weg aber nicht beirren. Der führte ihn ein Jahr später nach Barcelona, wo er zu Beginn als Nummer zwei hinter dem Chilenen Claudio Bravo nur im Pokal und in der Champions League ran durfte – die gewann er dann 2015 aber auch gleich.

Sein ehemaliger Konkurrent ist längst Geschichte bei Barça, und mit ihm gingen auch die letzten Zweifel an ter Stegen – dem Kronprinzen im deutschen Tor.

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