Die Ballettlegende Natalia Makarova studiert in Stuttgart einen Akt von „La Bayadère“ ein. Der Ballettmeister Rolando d’Alesio (links) schaut zu. Foto: Roman Novitzky

In der Rolle der Tatjana war Natalia Makarova 1978 zu Gast in Stuttgart. Jetzt ist die Ballettlegende als Choreografin zurück. Vor der Premiere von „Shades of White“ erzählt sie, wie man Klassiker entstaubt und im Exil überlebt.

Stuttgart - Mit einem Rosenstrauß in der Hand blickt sie sich erstaunt um. Natalia Makarova, die russische Starballerina vom American Ballet Theatre, kommt in Stuttgart an? Da wollten damals auch die Fotografen dabeisein, damals in den Stuttgarter Ballettwunderjahren, als es der Schnappschuss vom Flughafen am 27. Oktober 1978 bis in die Zeitung schaffte. Schließlich war da eine mutige Frau zu entdecken, die als erste Tänzerin überhaupt die Flucht auf die andere Seite des Eisernen Vorhangs gewagt hatte. 1970 war das gewesen, da packte Natalia Makarova bei einem Gastspiel des Kirow-Balletts in London eine Gelegenheit beim Schopf und setzte sich in den Westen ab.

Vierzig Jahre später ist es verständlicherweise ruhiger, wenn die 77-jährige Ballettlegende in Stuttgart eintrifft. Seit zehn Tagen arbeitet sie auf Einladung des neuen Intendanten Tamas Detrich mit den Tänzern des Balletts, um für seinen Einstandsabend „Shades of White“ einem Auszug aus ihrer „Bayadère“-Rekonstruktion den letzten Schliff zu geben. Doch, ein Strauß Rosen habe in ihrem Hotelzimmer auf sie gewartet, sagt Makarova mit einem Lächeln.

Ein Foto Gundel Kilians zeigt Marcia Haydée und Natalia Makarova im Ballettsaal, die Stuttgarter Direktorin schließt dem Gast das Kleid, der Blick beider Ballerinen ist hochkonzentriert, gleich werden sie ihre Arbeit an „Onegin“ fortsetzen. „John Cranko hatte Marcia gegenüber den Wunsch geäußert, dass ich alle seine Ballette tanzen soll“, erinnert sich Natalia Makarova an die Einladung von Haydée, die fünf Jahre nach Crankos Tod dessen Anregung umsetzte und die russische Kollegin nach Stuttgart holte.

Sie tanzte mit russischer Eleganz

Am 15. November 1978 gab Natalia Makarova dann ihr Debüt als Tatjana, Richard Cragun war als Onegin dabei, Reid Anderson als Fürst Gremin. Kurz zögert Natalia Makarova, als sie das Datum hört. Kann das sein? Das sei das Jahr, in dem ihr Sohn zur Welt kam. „Aber ich war schon vier Monate nach seiner Geburt zurück auf der Bühne“, sagt die Tänzerin und erzählt, dass dieses Ereignis ihrer Kunst einen neuen Geist, eine neue Spiritualität gegeben habe. Und so schwärmte der Ballettkritiker Horst Koegler nach ihrem Stuttgarter Auftritt von der „großen Lyrikerin, bei der jeder Bewegungsansatz, jede Bewegungsfolge von jenem Hauch spezifisch Leningrader Kirow-Eleganz und -Geistigkeit umgeben ist“.

Als Russin, die jeden Vers Puschkins verinnerlicht hat, ist ihre Beziehung zu „Onegin“ eine besondere. Für ihre Interpretation der Tatjana erhielt Makarova 1985 den Evening-Standard-Award, überreicht von Prinzessin Diana. Und 1989 kehrte sie mit zwei „Onegin“-Duetten im Gepäck als erste Exil-Ballerina überhaupt nach Russland zurück, um sich dort von der Bühne zu verabschieden.

Ja, auch die anderen großen Cranko-Rollen habe sie auf der ganzen Welt getanzt. „Was für ein Genie John Cranko war, habe ich erst im Westen gelernt“, sagt sie. Genau wegen solcher Entdeckungen hatte sie als 29-Jährige der damaligen UdSSR den Rücken gekehrt. „Ich hatte Hunger auf neue Ballette, aber in meiner Heimat war nicht genug da, um meinen Appetit zu stillen. Auf Tourneen sah ich, welche Möglichkeiten es gab, um mit Choreografen zu arbeiten.“ Und das habe sie dann auch getan und alle wichtigen Schrittmacher des 20. Jahrhunderts kennengelernt.

In Stuttgart studiert Makarova einen „Bayadère“-Akt ein

Wie sie die Fäden im Hintergrund zog, um Mikhail Baryshnikov 1974 die Flucht und einen ersten großen Auftritt in New York zu ermöglichen, ist eine andere Geschichte, die Natalia Makarova quasi nebenbei erzählt. Denn eigentlich soll sich das Gespräch ja um das Stück drehen, das die Tänzerin zur Choreografin machte und nun zurück nach Stuttgart brachte: Zwei Jahre lang, sagt Natalia Makarova, habe sie in Archiven recherchiert, um eine Rekonstruktion von „La Bayadère“ für das American Ballet Theatre zu realisieren, nachdem sie 1974 mit der Inszenierung des Schattenakts den New Yorkern Lust auf mehr gemacht hatte. 1980 brachte sie dann Petipas Klassiker, der in den Wirren der Russischen Revolution seinen letzten Akt verloren hatte, in Gänze zurück auf die Bühne.

Warum Makarovas Version so viel Erfolg hat, war beim Gastspiel des Tokyo Ballets im vergangenen Jahr auch in Stuttgart zu bestaunen. In einem Bühnenbild, das Action im Großformat bot und ein Fest fürs Auge war, und mit einer Inszenierung, die den Exotismus aus der Zeit tigerjagender Maharadschas auskostete, erzählt Natalia Makarova die Geschichte von ewiger Liebe, die Verrat und Eifersucht überdauert, auf eine besonders klare, intensive Weise.

In 19 Ländern tanzt Makarovas Tempeltänzerin

„Ich habe dem Ganzen mehr Spiritualität, mehr Mystizismus gegeben“, beschreibt sie ihr Erfolgsrezept. Auch im „Schattenakt“, der sich in Stuttgart als Solitär behaupten muss, habe sie Details geändert, um dem Tun der Tänzer mehr Tiefe zu geben. Der Held Solor fantasiert sich darin seine tote Geliebte per Opiumrausch zurück – und Nikija schreitet in 24-facher Ausführung eine Rampe herab. „Kritiker haben mich dafür geschimpft, dass es nicht wie in Russland 32 Schatten sind, aber im Westen konnte man keine Kompanie finden, die so viele Ballerinen hatte“, sagt Natalia Makarova und weiß, dass es in diesem Akt nicht um Quantität, sondern um Qualität geht. „Jede dieser Tänzerinnen ist ein Bild der Hauptballerina, also dürfen alle mit dieser erhabenen Ballerinenwürde tanzen und wie ein einziger Körper atmen.“

Als Tänzerin hatte Natalia Makarova alle Bayadère-Stadien durchlaufen, vom Schatten bis ins hellste Rampenlicht; mit der Rolle der Nikija verbindet sie aber auch die schlimmste Erfahrung ihrer Karriere. Der Schal, der als Band der Liebe alle verbindet, habe sich ihr beim Pirouettendrehen im Schattenakt-Solo immer enger um den Hals gewickelt. „Ich musste von der Bühne fliehen, um nicht das Schicksal Isadora Duncans zu teilen.“

Heute hängt ihr der Erfolg von „La Bayadère“ wie eine Medaille um den Hals. Auch andere Ballette wie „Schwanensee“ in Peking oder „Giselle“ in Stockholm hat Natalia Makarova neu inszeniert; gefragt ist vor allem ihre Tempeltänzerin, in 19 Ländern ist sie bereits heimisch. Und so reist Makarova nach der Stuttgarter Premiere sofort nach London, um dort am Royal Ballet das Ensemble fit zu machen für „La Bayadèrre.“

Hat Ihnen der Artikel gefallen? Jetzt teilen: