Wenn Bernd Mayer seine Modelle ablichtet, entstehen besondere Unikate. Er arbeitet mit einer historischen Plattenkamera – das ist extrem anspruchsvoll, kostspielig und ein spannendes Erlebnis für alle Beteiligten.
Die Haare vielleicht noch ein bisschen zur Seite, überlegt Bernd Mayer, bevor er vorsichtig beim Richten der Frisur hilft. Ein konzentrierter Blick des Fotografen, jetzt sitzt die Pose. Muss sie auch, denn die Fotografie, die jetzt entstehen soll, ist ein Unikat. Serienbildgeratter und Blitzlichtgewitter gibt es bei dem Sulzbacher nicht, denn seine Art der Fotografie ist anders. Und älter. Mitten im Raum steht seine Kamera aus Holz, riesengroß und rund 120 Jahre alt. Mit ihr werden Bilder auf Kollodium-Nassplatte gemacht, nach einem Verfahren, das schon im Jahr 1850 erfunden wurde.
Die zehnjährige Lina schreibt gerne kunstvoll verzierte Geschichten – ihre Schreibfeder, die sie zum Fotoshooting mitgebracht hat, ist daher ein passendes Accessoire. Mayers Bilder sollen eine Geschichte erzählen, aus diesem Grund freut er sich, wenn er Gegenstände einbinden kann, die seinen Modellen am Herzen liegen oder ihren Charakter zum Ausdruck bringen. Die Bilder werden, in Zusammenarbeit mit den Abgebildeten, bis ins kleinste Detail komponiert. „Welche Haltung wäre jetzt für Dich natürlich?“, fragt Mayer die Nachwuchsautorin und überlegt gemeinsam mit ihr, bis eine passende Position gefunden ist.
Alte Fototechnik fasziniert auch im digitalen Zeitalter
In dieser muss ein Modell bei dieser Art von Fotografie mehrere Sekunden reglos verweilen. Eine leistungsstarke Blitzanlage hilft zwar, eventuelle Wackler einzufrieren, trotzdem ist das Material, auf dem Mayer fotografiert, nur einen Bruchteil so lichtempfindlich wie spätere Kleinbildfilme oder gar die Sensoren moderner Digitalkameras. Beim Stillsitzen hilft ein Stuhl mit Kopfstütze, der auf den ersten Blick aussieht, als sei er einem Folterkeller entnommen. Doch der Schein trügt: „Gar nicht so unbequem“, sagt Lina, als sie Platz nimmt.
Die Fotografie fasziniert den 55-jährigen Systemadministrator schon seit langer Zeit. Er besitzt diverse professionelle digitale Spiegelreflexkameras, fotografierte Landschaften und Hochzeiten, irgendwann entstand daraus ein Nebenerwerb. Bei einem Fotostammtisch begegnete er dann jedoch kurz vor der Coronapandemie einem anderen Fotografen, der mit alten Plattenkameras fotografiert. Mayer war fasziniert von dieser neuen alten Welt. „Ich bin gleich zu einer Fotobörse nach Fellbach und habe eine Plattenkamera gekauft – am nächsten Tag kam der Lockdown.“
Nassplatten-Fotografie ist ein ausgefallenes Hobby
Zeit, sich in seine neue Leidenschaft einzufuchsen, hatte er also. Sie war auch nötig. Plattenfotografen müssen Lichtkünstler, Menschenkenner, Chemiker, Schreiner, Choreografen und wohl noch einiges mehr gleichzeitig sein. Die Szene der Plattenfotografen ist weltweit vernetzt, ihre Angehörigen tauschen Wissen über das Verfahren aus, über Reparatur und Restauration der Apparate und über die seltenen Verkäufe der kostspieligen Ausrüstungsgegenstände.
Bernd Mayer trägt ein T-Shirt mit der Aufschrift „Kollodium-Sommelier“. Ohne diese Substanz, mit der Aluplatten lichtempfindlich gemacht werden, wäre das fotografische Verfahren nicht möglich. Die dafür nötigen Substanzen rührt Mayer selbst an. „Man kann sie auch fertig kaufen, aber ich habe da einen anderen Anspruch“, sagt er. Er will alle Schritte der Entwicklung selbst in der Hand haben. In seinem Gäste-WC hat er eine Dunkelkammer eingerichtet, in der er die Metallplatten auf die Belichtung vorbereitet und danach das eigentliche Foto sichtbar macht.
Auch das Aufnehmen des Bilds ist ziemlich anspruchsvoll. Ist der richtige Ausschnitt gefunden, stellt Mayer das Bild auf der großen Mattscheibe der Kamera scharf – mit der Hilfe einer Lupe, denn der Schärfebereich ist extrem gering. Ist etwa ein Auge fokussiert, verschwimmen schon Nasenspitze und Ohren in Unschärfe. Ein weiterer Grund, warum die Modelle vor einer Kopfstütze sitzen. Sobald Mayer die lichtdichte Holzkassette mit der Nassplatte eingeschoben hat, gibt es keine Möglichkeit mehr, die Schärfe zu kontrollieren. Dann belichtet der Fotograf das Bild. Es gibt kein Klackern. Die Kamera hat keinen Verschluss, allein das Abnehmen des Objektivdeckels und der Blitz einige Sekunden später sorgen darauf, dass Licht auf die Platte kommt.
Wie durch Magie erscheinen die Nassplatten-Fotos
Was kurze Zeit später folgt, ist ein bisschen wie Zauberei. Mayer taucht die Platte, auf der schon eine Art Negativ zu erkennen ist, in ein Fixierbad. Zunächst verdunkelt sich das ganze Bild, es scheint zu verschwinden. „Für mich ist das jetzt ein magischer Moment, ich kriege jedes Mal Gänsehaut“, sagt Mayer. Und tatsächlich: Allmählich erscheint das schwarz-weiße Foto vor den gespannten Augen von Modell und Fotograf. Die Schärfe sitzt perfekt, die Belichtung stimmt – die fotografische Zeitreise ist wieder einmal geglückt.