Narzisstische Eltern verwehren ihren Kindern, eine eigene Persönlichkeit zu entfalten. Ulla Coulin-Riegger, Verhaltenstherapeutin aus Leinfelden-Echterdingen, weiß, welche Folgen die Manipulation selbst im Erwachsenenalter noch haben kann.
Oberaichen - Kinder narzisstischer Eltern stehen stets unter Druck, sich deren Liebe verdienen zu müssen. Selbst als Erwachsene leiden sie, weil sie sich konstant beweisen wollen. Ulla Coulin-Riegger aus Oberaichen arbeitete mit ihren Patienten unter anderem am fehlenden Selbstbewusstsein.
Als Verhaltenstherapeutin hat sie solche Fälle zuhauf gesehen – inzwischen ist sie in Rente, setzt sich jedoch in Romanen weiterhin mit dem Thema auseinander. Sie spricht im Interview darüber, welche verheerenden Folgen das Verhalten von narzisstischen Eltern auf deren Kinder haben kann.
In einem Artikel im Spiegel schreiben Sie darüber, wie Kinder unter narzisstischen Eltern leiden. Wie erkennt man, dass man selbst in einer solchen Eltern-Kind-Beziehung aufgewachsen ist?
Es ist am besten, man stellt sich die Frage und überlegt für sich selbst: Ist man in einer liebevollen und fürsorglichen Umgebung aufgewachsen, in der man sich entfalten konnte und zu einer starken und unabhängigen Persönlichkeit heranwachsen konnte? Oder würde man vielmehr sagen, man musste immer das tun, was Mutter oder Vater von einem verlangt und was sie gebraucht haben von mir, damit ich überhaupt ein wenig Liebe und Anerkennung von ihnen erhalten habe?
Wie zeichnen sich denn Narzissten aus?
Narzisstisch zu sein, bedeutet vor allem, sich um sich selbst zu drehen:Man hält sich selbst für sehr wichtig. Und es bedeutet, wenig Empathie und Interesse für andere zu empfinden. Narzissten müssen sich gleichzeitig aber einfühlen können in den anderen, um denjenigen manipulieren zu können. Ihre mächtigste Waffe ist das Einreden von Schuldgefühlen. Narzissten manipulieren zum Beispiel durch Sätze wie „Du bist aber undankbar. Das hätte ich nicht erwartet von dir.“
Welche Folgen hat solch ein Verhalten der Eltern für Kinder?
Den Freiraum, sich Schritt für Schritt von den Eltern lösen zu können, erlauben narzisstische Eltern nicht. Die Kinder stehen damit in einer absoluten Abhängigkeit zu ihren Eltern. Das Kind bekommt keine Chance, zu lernen, wer es ist. Sie haben keine Warmherzigkeit, kein Einfühlungsvermögen, keinen echten Zuspruch erfahren. Das Kind hat so keine Möglichkeit, die eigenen Gefühle und Bedürfnisse auszudrücken. Es bekommt einfach zu wenig Raum, der eigenen Wahrnehmung oder den Gefühlen zu trauen. Sie glauben, sich nur dann wohlfühlen zu können, wenn alle anderen zufrieden sind. Als Erwachsene müssen sie mühselig lernen, ihre eigenen Grenzen zu definieren und zu wissen, wann sie nein sagen.
Sie selbst sind Psychotherapeutin und oft mit solchen Fällen konfrontiert. Könnten Sie ein Beispiel nennen, wie sich solche Auswirkungen selbst noch im Erwachsenenalter zeigen?
Ein Patient von mir wohnte mit Mitte Vierzig immer noch bei seiner Mutter. Der Sohn musste nach dem Feierabend und am Wochenende ihren Haushalt machen, die Hecke schneiden, während die Mutter dabeisaß und zusah. Und wenn er mal nicht wollte, dann sagte sie: Ich habe immer alles für dich getan, jetzt bist du dran. Sie hat ihre Schwäche wie eine Keule gehandhabt und ihm Schuldgefühle gemacht. Als er zu mir kam, hat er erste Symptome eines beginnenden Burn-outs gezeigt. Er hat seine Freunde nicht mehr gesehen, ist seinen Freizeitaktivitäten nicht mehr nachgegangen. Schließlich ließ er sich beurlauben mit der Begründung, ganz für die Mutter da sein zu müssen. Der Mann fühlte sich nicht geliebt und wertlos. Die Kinder narzisstischer Eltern haben das Gefühl, immer geben zu müssen und nie nehmen zu dürfen. Viele haben das Aschenputtel-Syndrom: Sie spüren ihre eigenen Bedürfnisse gar nicht, denn sie haben nie gelernt, zu wissen, was sie wollen. Träume gestatten sie sich gar nicht, weil sie dann von den Eltern abgelehnt wurden.
Was hilft Erwachsenen, die ein Leben lang unter einer narzisstischen Mutter oder einem narzisstischen Vater gelitten haben, da auszubrechen?
Meines Erachtens wären eine Therapie und die Arbeit an sich selbst wichtig. Viele kommen mit einem falschen Selbstbild und vollkommen unsicher in die Therapie. Die eigenen Träume herauszuarbeiten, das ist wichtig. Dort, wo Wut sitzt, fangen Grenzen an. Das Gefühl vom eigenen Wert langsam wieder aufbauen – ohne Angst, dass andere sie verlassen oder abwerten. Das ist der Weg in die Autonomie, und Autonomie bedeutet Glück.