Im Rathaus regiert der Siebenerrat, flankiert von Narrenkapelle und AHA-Ballett. Foto: Simon Granville

Bei der Narreten Sitzung in Weil der Stadt präsentiert der Siebenerrat der Narrenzunft AHA allerlei Lösungsvorschläge und Reformen für die Keplerstadt. Beliebtes Thema: Die gefällten Bäume des Neubaugebiets Häugern-Nord.

Das Rathaus ist gestürmt, der Bürgermeister entthront und die Narren an der Macht – bei der Narreten Sitzung auf dem Rathaus am Donnerstag bringt der Siebenerrat um Zunftmeister Daniel Kaddasch also selbstredend eine lange Liste mit: Wo drückt der Schuh der Weil der Städter? Was hat die Verwaltung ordentlich in den Sand gesetzt? Und welche Reformen hat die Keplerstadt dringend nötig? Auf all diese Fragen hat der Siebenerrat, flankiert von AHA-Ballett und Narrenkapelle, selbstredend eine Antwort.

 

Gleich zu Beginn der Sitzung wird also eine Verschwörung aufgedeckt. Warum denn der Narrensprung am selben Tag war wie die Bundestagswahl, wollen die Bürgerinnen und Bürger von den neuen Oberhäuptern der Stadt wissen. „Ich hab mit dem Merz persönlich geredet, aber der hat es dringend nötig gehabt“, versucht der abgesetzte Erste Beigeordnete Jürgen Katz noch zu beschwichtigen. Die Narren aber haben die List durchschaut: „Ihr wolltet die Machtübernahme verhindern“, prangert Frank Gann, Vorsitzender der Narrenzunft, an. „Deshalb habt ihr letztes Jahr die Regierung gesprengt!“

Most vom Häugern fällt beim Test durch

Bei all diesem Einfluss auf die hohen Tiere der Nation fühlen sich die Narren nicht nur für das gekaperte Weiler Rathaus, sondern gleich für das ganze Ländle verantwortlich. Nicht nur neu besetzt wird also der Stuhl des Schultes. Auch auf die Ministerposten des Landes verteilt Kadasch seine Räte. Das „Moneten-Ministerium“ etwa geht an den Geldwaschexperten der Truppe, der neue Gesundheitsminister führt die Maskenpflicht wieder ein, Integrationsminister wird ein Merklinger und in der Abteilung „Digital Network Down Under“ laufen die Fäden – nein, die Datenkabel – zusammen.

Mit dieser geballten Kompetenz geht es also ans Eingemachte, oder vielmehr: ans Vergorene. Denn gern und viel spricht man an diesem Abend natürlich über den Apfelmost, Traditionsgetränk der Narreten Sitzung. Ausgiebig hätten die Narren den Apfelmost vor der Sitzung verkostet, wird von der neuen Verwaltungsbank berichtet. „Und die achte Probe mit Most vom Häugern war schier unmöglich“, heißt es. „Das hat gestaubt beim Mosten.“

Bürgermeister und Beigeordneter kommen als Holzfäller

Häugern-Nord, das geplante Baugebiet, auf dem die Verwaltung im vergangenen Herbst mit ausgiebigen Baumfällungen für einen Eklat bei Naturschutzveränden gesorgt hatte, ist an diesem Abend nach dem Most wohl das zweitliebste Thema der Narren. Für die 120 gefällten Bäume in zwei Stunden wird Bürgermeister Christian Walter und seinem Beigeordneten Katz, zusätzlich zum Zunftorden, deshalb die „Goldene Kettensäge“ verliehen. Die passt auch zum Outfit der beiden: Katz und Walter haben sich für diesen Abend in Holzfällerhemden gehüllt, am Gürtel des abgesetzten Schultes baumelt eine Spielzeugkettensäge, und den Filzhut von Katz zieren Miniatur-Streuobstbäume.

Als Holzfäller unterwegs: Jürgen Katz (links) und Christian Walter. /Simon Granville

Klar also, dass sich der Beitrag von Walter und Katz auch ausgiebig mit eben diesem Thema beschäftigt: Im einstudierten Dialog führen sie durch die kommunalrechtlichen Irrungen und Wirrungen von Bauplanung, Ökopunkten, Umweltkartierungen, Flachlandmähwiesen und den juristischen Auseinandersetzungen mit den Naturschutzverbänden. Fazit: Die Mosttrinker sind Schuld. Denn hätten sie nicht einst die Obstbäume gepflanzt, wären die jetzt nicht geschützt. „Des kosch koim verzähla“, resümieren Katz und Walter unisono.

Mit Glücksspiel wird die Stadtkasse aufgebessert

Und auch sonst bringen die Narren einige Verbesserungsvorschläge. Die „Alte Sägg“, unter ihnen Ex-Zunftchef Michael Borger, haben als KVV – Kepler-Verkehrs-Verbund – etwa ein eigenes Verkehrskonzept in der Tasche, das billiger und effizienter als die geplante Hesse-Bahn sein soll. Und auch um den stadteigenen Blitzer geht es: Der erwischt laut Narrenzunft jetzt schon Fußgänger, die zu schnell flanieren. Schnelles Geld wolle sich die Verwaltung damit verdienen, „Flash vor Cash“ also. Alternativvorschlag aus dem Siebenerrat: Lotto spielen. Einen Schein bekommt der abgesetzte Bürgermeister auch gleich geschenkt.

Zum Schluss wird noch eine Lobeshymne auf den Spickling der Spicklingsweiber gesungen, die dieses Jahr 88-jähriges Jubiläum feiern und während der Sitzung wie immer die Bewirtung übernehmen. Dann wird schon der letzte Punkt der Tagesordnung aufgerufen: Unter „Sonstiges“ lobt Narrenchef Gann die Aktion des Stadtmarketings, die Keplerstadt für die närrische Zeit in „Weil the Städt“ umzutaufen. Und dann geht es schon hinaus auf den Marktplatz, auf dem das Feuer der Weiler Hexen schon lodert.