Kulturell wertvoll: Das Schnitzen von Larven – im Bild Holzbildhauer Jogi Weiß aus Ravensburg – ist ­Bestandteil der traditionellen Fasnet. Foto: dpa

Tango und Mittelmeerküche stehen schon auf der Liste. Jetzt haben auch deutsche Bräuche und Traditionen die Chance, immaterielles Welterbe zu werden. Die Fasnet ist so ein Kandidat.

Stuttgart - Baden-Württemberg bereitet sich auf die Sichtung seiner Bräuche, Traditionen und anderen immateriellen Kulturwerte vor. Voraussichtlich noch in diesem Sommer können Vereine, Verbände, aber auch Privatleute erste Bewerbungen einreichen, aus der eine Expertengruppe später ein bundesweites Verzeichnis erstellt. Daraus werden dann Kandidaten für die internationale Liste der Unesco ausgewählt.

Die genauen Regeln liegen nach Auskunft des Stuttgarter Wissenschaftsministeriums, das die Vorschläge entgegennimmt, zwar noch nicht abschließend fest. Doch hat sich die Kultusministerkonferenz bereits auf ein gemeinsames Verfahren geeinigt.

Danach läuft die Bewerbung ähnlich ab wie in Österreich: Die Unterlagen bestehen im Wesentlichen aus einem Bewerbungsformular, in dem der Vorschlag näher beschrieben wird, sowie zwei Empfehlungsschreiben von Fachleuten. Das Ministerium trifft sodann eine Vorauswahl und meldet dies an die Expertenrunde.

Die politischen Weichen für diesen Prozess, mit dem auch gefährdete Traditionen und Bräuche geschützt und ins öffentliche Bewusstsein gebracht werden sollen, sind gestellt. Nachdem zum Jahresende die Bundesregierung beschlossen hat, dem Unesco-Übereinkommen zum immateriellen Kulturerbe beizutreten, und auch die Bundesländer zugestimmt haben, fehlt nun nur noch die Übergabe der Urkunde an die Unesco-Generaldirektorin in Paris.

Fasnet „eine bedeutende kulturelle Schöpfung“

Die Staatsministerin im Auswärtigen Amt, Cornelia Pieper, hatte sich vor Kurzem bereits auf den Weg gemacht, konnte den Flug wegen schlechten Wetters aber nicht antreten. Mit einem neuen Termin wird nach Ostern gerechnet. Drei Monate nach dieser Übergabe tritt das Übereinkommen, um das in Deutschland viele Jahre lang gerungen wurde, in Kraft.

Dann liegt es an den Ländern, Vorschläge einzuholen: Das läuft von unten nach oben, wie kürzlich der Vizepräsident der deutschen Unesco-Kommission, Christoph Wulf, betonte: „Wir können jetzt gemeinsam darüber nachdenken, was es an vielfältigen Ausdrucksformen bei uns gibt, wie sie Menschen landesweit zusammenführen und wie sie unsere kulturelle Identität prägen.“

Bereits in den Startlöchern kauert die Vereinigung Schwäbisch-Alemannischer Narrenzünfte. „Wir werden die Fasnet anmelden, weil wir glauben, dass sie eine bedeutende kulturelle Schöpfung ist“, sagte Präsident Roland Wehrle unserer Zeitung. Dazu gehören nicht nur Veranstaltungen wie der Rottweiler Narrensprung, sondern auch Lieder, Verse und traditionelle handwerkliche Techniken wie das Masken­schnitzen.

Immer rigidere Sicherheitsvorschriften

Belgien ist da schon einen Schritt weiter: Auf der internationalen Liste steht bereits der Karneval von Binche. Doch die Fasnet sei eigenständig, sagt Wehrle, und seine Vereinigung im Übrigen der älteste Dachverband der Narren in Deutschland überhaupt: „Er wurde 1924 gegründet, um gegen das damals bestehende Fasnetverbot vorzugehen und den Einfluss des Karnevals zurückzudrängen.“ Von der Bewerbung erwartet sich Wehrle nicht nur einen Werbeeffekt, sondern auch mehr Verständnis bei den Behörden: Die Sicherheitsvorschriften würden immer rigider, so klagt er, sie seien für die Vereine kaum mehr finanzierbar.

Doch auch andere Interessenten warten gespannt auf die erste Ausschreibung. So drängt der Zentralverband des Handwerks seit Jahren darauf, dass Deutschland dem Übereinkommen beitritt. Der deutsche Schaustellerbund wiederum will die Volksfeste adeln lassen. Grimms Märchen sind ebenso Kandidat wie der deutsche Chorgesang, die Vielfalt des Brots hat ebenso Chancen wie die Vielfalt des Biers.

Vorbilder gibt es genug: Auf der Unesco-Liste steht zum Beispiel auch die französische Esskultur.

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