Bedrängt von mehreren russischen Armeen gelingt Napoleon der Übergang über die Beresina – unter entsetzlichen Verlusten. Foto: Gemälde von Peter von Hess (1844)

Revolutionär, Feldherr, Diktator: Vor 250 Jahren wurde Napoleon Bonaparte geboren. Württemberg machte er zum Königreich, ansonsten brachte er dem Südwesten vor allem unermessliches Leid.

Stuttgart - König Friedrich von Württemberg ist außer sich. „Warum haben Sie meine Armee verlassen“, fragt er Generalmajor Karl von Kerner erbost, als dieser am 26. Dezember 1812 bei ihm vorspricht. „Majestät haben keine Armee mehr“, entgegnet Kerner. Von 16 000 Mann kehren nur 1000 aus Russland zurück. Zerlumpte Gestalten mit erfrorenen Zehen, von Läusen und Durchfall geplagt.

 

Sechs Monate zuvor, am 24. Juni 1812, hatte der französische Kaiser mit seiner „Grande Armée“ die Memel überschritten. Napoleon befindet sich auf dem Höhepunkt seiner Macht. Halb Europa hat er unterworfen, einzig Großbritannien weigert sich, seine Vorherrschaft anzuerkennen. Da sich eine Invasion Englands als undurchführbar erweist, beschließt er, Russland anzugreifen – den letzten „Festlandsdegen“ Großbritanniens. Mit einer Streitmacht, wie sie die Welt noch nicht gesehen hat. 600 000 Mann zieht Napoleon zusammen: Franzosen, Polen, Holländer, Dänen, Italiener, Spanier, Schweizer, Kroaten, Portugiesen, Bayern, Preußen, Westfalen. Auch Württemberg muss ein Kontingent stellen.

Napoleon sucht die schnelle Entscheidung – und läuft ins Leere. Denn die Russen ziehen sich angesichts der Übermacht zurück. Hitze wechselt sich ab mit Gewittern und Kälte. Die Versorgungswagen kommen nicht durch den Morast, Krankheiten lichten die Reihen der erschöpften Männer. Ohne dass auch nur ein Schuss fällt, sterben Tausende.

In Smolensk zählt die Armee gerade noch 160 000 Mann

Als es in Smolensk zur Schlacht kommt, sind von den 422 000 Mann der Hauptarmee 160 000 übrig. Die Württemberger zählen noch 4000 Mann. Der Rest ist desertiert, gefangen, krank oder tot. Gestorben an Hunger, Entkräftung, Typhus oder Ruhr. Die Geschichten, die in Stuttgart und im Land kursieren, sind so schrecklich, dass König Friedrich seinen Soldaten verbietet, schlechte Nachrichten in die Heimat zu schicken.

Bei Borodino siegt Napoleon erneut. Doch zu welchem Preis? Die „Grande Armée“ verliert 35 000 Mann, die Russen 45 000. „Was ich an Verwundungen und Verstümmelungen an Menschen und Pferden an diesem Tag gesehen, ist das Gräßlichste, was mir je begegnete, und läßt sich nicht beschreiben“, notiert der Nördlinger Schlachtenmaler Albrecht Adam entsetzt. Auch die Eroberung Moskaus erweist sich als Pyrrhussieg. Kaum sind die Franzosen eingezogen, brennt die Stadt. Napoleon wartet wochenlang darauf, dass der Zar um Frieden bittet. Doch Alexander I. denkt gar nicht daran. Erst am 19. Oktober befiehlt Napoleon den Rückzug. Zu spät, General Winter steht vor der Tür – wobei es nicht der Winter allein ist, der Napoleon scheitern lässt, hat er den Großteil seiner Armee doch schon auf dem Vormarsch verloren.

„Schlecht gekleidet, ohne Nahrung und ohne stärkende Getränke, zog alles stumm über die weite Schneefläche“, schreibt der württembergische Leutnant Christian von Martens. Wer sich auch nur ein paar Meter vom Zug entfernt, wird von den Kosaken erbarmungslos niedergemacht. Mit 100 000 Mann zieht Napoleon los, viele mit Beutegut beladen, umschwärmt von Zivilisten. In Smolensk sind es kaum noch die Hälfte.

An der Beresina spielen sich apokalyptische Szenen ab

Zur letzten großen Schlacht kommt es beim Übergang über die Beresina. Dabei spielen sich apokalyptische Szenen ab, als die Russen in die Menschenmassen schießen, die es noch nicht über die eilig errichteten Behelfsbrücken geschafft haben. „In den hallenden Donner des Geschützes mischten sich das Wehgeschrei Halbzerschmetterter, der Angstruf der in dem Strom Versinkenden und das Toben und Fluchen derer, die mit verzweifelter Gewalt vorwärts zu dringen versuchten. Der Fuß trat nicht auf Leichen, sondern auf Lebende, die sich, halb zerstampft, in wilden Zuckungen wälzten“, erinnert sich der württembergische Leutnant Karl Kurz mit Grausen.

Wer es über die Beresina schafft, den erwartet ein Temperatursturz auf minus 37 Grad. Zu viel für die ausgehungerten und erschöpften Männer, die seit Wochen kein Dach mehr über dem Kopf hatten und der Kälte schutzlos ausgeliefert sind. Aus dem Rückzug wird eine Flucht, die „Grande Armée“ löst sich auf. „Die Straße war übersät mit todten Menschen und Pferden, wer hinfiel und sich nicht schnell aufraffte, war verloren. Er war noch nicht todt, so zogen ihn die Nächsten aus, um sich mit seinen Lumpen zu bedecken“, schreibt der württembergische Generalmajor Ernst von Baumbach. „Mit bloßen Füßen, die vom Frost blau und dick geschwollen waren, hinkten noch Manche auf dem Wege bewustlos fort; Andere hatten die Sprache verloren und viele waren in eine wahnsinnige Betäubung gefallen, in der sie freiwillig ins Feuer hineinkrochen und wimmernd verbrannten.“

Das brennende Moskau, der Übergang über die Beresina: Die Bilder haben sich ins Gedächtnis Europas eingebrannt. Weil der Feldzug einen Wendepunkt der Geschichte darstellt. Und weil die wenigen Überlebenden zahlreiche Erinnerungen hinterlassen, in denen das tausendfache Sterben geschildert wird und sich das Elend der Soldaten offenbart, von denen manche am Ende die Leichen ihrer Kameraden essen. „Alles menschliche Gefühl war erstorben, jeder dachte und sorgte nur für sich, der Zustand seines Kameraden kümmerte ihn nicht. Gleichgültig sah er ihn todt niederstürzen, gefühllos nahm er auf seiner Leiche an dem Feuer Platz. Dumpfe Verzweiflung, tobender Wahnsinn hatte viele ergriffen“ schreibt Heinrich von Vossler, ein Oberleutnant aus Tuttlingen.

Napoleons Nimbus der Unbesiegbarkeit ist dahin

Geprägt wird die Erinnerung an den Untergang der „Grande Armée“ auch durch die Bilder des Stuttgarter Offiziers Christian Wilhelm Faber du Faur. Deren Bedeutung für das „weltweite kulturelle Gedächtnis“, schreibt der Tübinger Historiker Wolfgang Mährle, zeige sich daran, „dass kaum eine Darstellung des Feldzugs auf die Wiedergabe seiner Gemälde oder Zeichnungen verzichtet“.

Mitte Dezember hört die „Grande Armée“ praktisch auf zu existieren, Napoleon ist da schon längst auf dem Rückweg nach Paris, um neue Truppen auszuheben. Im 29. Bulletin räumt er die Niederlage ein, es endet mit den Worten „Die Gesundheit des Kaisers war nie besser“. Doch der Nimbus der Unbesiegbarkeit ist dahin, in Waterloo wird sein Stern endgültig verglühen. Am 21. Januar 1813 erreicht auch Christian von Martens heimische Gefilde: „Mittags kamen wir in meiner früheren Garnison Heilbronn an; zu demselben Tor fuhr ich hinein, durch welches das schöne Regiment Kronprinz jubelnd ins Feld hinauszog, aber nun nicht mit dem schwankenden Federbusch auf dem Helme und der glänzenden Schärpe angetan, sondern als einziger dieses Regiments mit erfrorenen Gliedern und wehmütigem Blick.“