Namensstreit um Mazedonien Letzte Chance auf eine europäische Zukunft

Von Thomas Roser 

Mazedoniens Premier Zaev will den Kompormiss mit Athen – und die Eintrittkarte nach Europa. Foto: AP
Mazedoniens Premier Zaev will den Kompormiss mit Athen – und die Eintrittkarte nach Europa. Foto: AP

Die Menschen in Mazedonien stimmen darüber ab, ob ihr Land künftig Nordmazedonien heißen soll. Damit wäre ein langer Streit mit Griechenland beendet. Doch die Wogen gehen hoch.

Skopje - Unter dem Bogen der Steinbrücke gurgelt das ausgetrocknete Rinnsal der Kratesvka Reka. Kopfschüttelnd spuckt ein braun gebrannter Arbeiter auf der Hauptstraße von Kratovo seine Kürbiskernschalen auf das Kopfsteinpflaster. „Wer wechselt schon seinen Namen? Niemand! Das haben die da oben sich ausgedacht“, sagt der mürrische Mann mit der Kelle. Am Referendum werde er sicherlich nicht teilnehmen: „Wir sind Mazedonier – und sonst nichts!“  

Vor dem Volksentscheid am Sonntag hat die Weltpolitik selbst die verschlafene Provinzstadt im Nordosten Mazedoniens ereilt. Wie eine Verheißung prangen Europas gelbe Sterne auf den blauen Stellwänden in dem bis auf den letzten Platz besetzten Kinosaal. „Dies ist die letzte Chance für Mazedonien“, sagt auf der Empore ein weißhaariger Rentner: „Und ob wir sie nutzen, hängt nur von uns selbst ab.“   Die Umbenennung von Mazedonien in Nord-Mazedonien soll den seit 27 Jahre währenden Namensstreit mit Griechenland beenden – und dem Vielvölkerstaat den bisher von Athen blockierten Weg in die EU und Nato ebnen. Grund für den Protest Griechenlands sind offiziell mögliche Gebietsansprüche Mazedoniens auf die griechische Region Makedonien.

Europa wird zur Verheißung

Unter den Jüngeren sei „die große Mehrheit“ für den Namensdeal, beteuert der Automechaniker Robert. Wenn das die Rettung sei, müsse man die Änderung des Landesnamens eben in Kauf nehmen: „Wir wollen europäisches Recht, ein europäisches Leben – und europäische Löhne.“

  Das Klicken der Kameras kündigt den hohen Gast aus der Hauptstadt Skopje an. „Zoki, Zoki“, skandieren seine Anhänger begeistert. Händeschüttelnd bahnt sich ihr Hoffnungsträger den Weg aufs Podium. Die Ärmel seines weißen Hemds hochgekrempelt, schwört  Premier Zoran Zaev die Menge auf den Kompromiss und die Aussöhnung mit Griechenland ein: „Es gibt keine Alternative. Schaut in die Augen eurer Kinder, sie verdienen eine Perspektive!“  

90 Kilometer entfernt harrt Mite Andrevski schon seit sieben Monaten in seinem Protestzelt gegenüber dem Parlament in Skopje aus. „Der geistige Genozid am mazedonischen Volk“ stehe bevor, erklärt verbittert der hagere Ökonom. Sollte der Deal mit Athen abgesegnet werden, werde es „kein Mutterland mehr geben“. Eindringlich warnt der Patriot vor „Spannungen und Gewalt“, falls die Regierung mithilfe der albanischen Minderheit die Umbenennung durchpeitschen sollte. „Sie kommen legal nicht auf die benötigte Mindestwahlbeteiligung von 50 Prozent. Wenn sie das Referendum manipulieren, werden sie die ganze Region destabilisieren – und sich selbst das eigene Grab schaufeln.“  

Der mazedonische Staatschef Gjorge Iwanow sieht das wohl auch so. Er hat zu einem Boykott des Referendums. „Am 30. September werde ich nicht abstimmen gehen“, erklärte Iwanow in seiner Ansprache vor der UN-Vollversammlung in New York. Ansonsten sind die Gegner der Umbenennung kaum präsent. Die nationalpopulistische VMRO-DMPNE wird seit ihrer Verbannung in die Opposition von heftigen Machtkämpfen geschüttelt. Auf eine klare Wahl- oder Boykottempfehlung hat die größte Oppositionspartei verzichtet. Stattdessen ruft die VMRO ihre Anhänger auf, nach eigenem Gutdünken am Referendum teilzunehmen – oder auch nicht. 

Ein pseudohistorisches Kitschprojekt wurde gestoppt

  Offiziell sind 1,8 Millionen Mazedonier wahlberechtigt. Die Bevölkerung des von Auswanderung und rückläufigen Geburtenraten geprägten Landes wird jedoch allenfalls auf 1,5 Millionen Einwohner geschätzt. Das Quorum von 50 Prozent werde bei dem Referendum vielleicht verfehlt, aber er sei wegen des großen internationalen Drucks optimistisch, dass der Deal abgesegnet werde, sagt der albanische Verleger Fejzi Hajdari.

Trennt sich das Land also vom Ballast der eigenen Geschichte? Das Großprojekt „Skopje 2014“ mit falschen Fassaden und überdimensionierten Monumenten antiker Helden hat die neue Regierung gestoppt. Was mit den Relikten passieren soll, ist genauso unsicher wie die Zukunft des Landes bei einem Scheitern des Namensdeals. „Schau, wie die unsere Stadt mit ihrem Kitsch verschandelt haben“, schimpft die Rentnerin Snezana auf die früheren VMRO-Machthaber.  Der neue Landesname sei kein schöner Kompromiss: „Aber was hilft uns ein Name, wenn wir nichts zu essen haben?“

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