In vielen ländlich geprägten Stadtteilen gibt es kaum noch Einkaufsmöglichkeiten. Foto: dpa

Die Gewerkschaft Verdi will einzelne ehemalige Schlecker-Filialen in Dorfläden umwandeln. Die Idee löst in den Stadtteilen unterschiedliche Reaktionen aus.

Rohracker/Luginsland - Die Schlecker-Pleite zieht nach wie vor Kreise, nicht nur bei den betroffenen Verkäuferinnen. Gerade in den ländlich geprägten Stadtteilen steht die Nahversorgung auf dem Spiel. Als Ende März die Schlecker-Filiale im Hedelfinger Stadtteil Rohracker schloss, war die Verunsicherung in der Bevölkerung groß. Nach dem Metzger, der Apotheke und dem Arzt war nun auch noch der Drogeriemarkt aus dem Ort verschwunden. Bei einer Bürgerversammlung diskutierten die Bewohner, wie die Nahversorgung in Zukunft gesichert werden könnte.

Auch im Untertürkheimer Stadtteil Luginsland wurde die Schlecker-Pleite mit Sorge beobachtet. Bei der Schließung der dortigen Filiale seien sogar Tränen geflossen. Die Verkäuferinnen hätten ihre Kunden trösten müssen, sagt Christina Frank vom Verdi-Bezirk Stuttgart. Die Gewerkschaft hat vor kurzem ein Konzept für die geschlossenen Schlecker-Filialen vorgestellt. Wenn es nach Verdi geht, soll ein Teil der Drogeriemärkte zu Dorfläden umgewandelt werden. Bundesweit könnten nach den Vorstellungen der Gewerkschaft bis zu 1000 ehemalige Läden von Schlecker und der Tochter Ihr Platz mit einem je nach Standort angepassten Sortiment wieder geöffnet werden.

Es kommt darauf an, was die Gemeinde zu geben bereit ist.

Finanziert werden sollen die Dorfläden mit Hilfe der Menschen vor Ort. Es handelt sich um eine Art Genossenschaftsprinzip. Verdi will Münzen prägen, die auf Bürgerversammlungen oder bei regionalen Banken verkauft werden. Auch die Kommunen könnten die Dorfläden finanziell unterstützen. In Baden-Württemberg soll es zunächst an drei Standorten losgehen: Erdmannhausen, Murr und Bietigheim-Buch. Weitere Orte sollen folgen.

Stuttgart ist laut Frank aufgrund der starken Konkurrenz ein schwieriges Pflaster. Verdi wolle deshalb zunächst Gespräche mit der Stadt und der Wirtschaftsförderung führen. Frank schließt aber nicht aus, dass die Idee zukünftig auch in Stadtteilen wie Rohracker und Luginsland verwirklicht werden könnte. „Das ist durchaus möglich“, sagt sie. Es komme immer darauf an, was die Gemeinde bereit sei zu geben.

In Luginsland stoßen die Verdi-Pläne auf offene Ohren

Vorerst gehe es aber darum, das Konzept auf sichere Füße zu stellen. Außerdem weißt Frank darauf hin, dass die Filialen an diesen Standorten nicht sehr gut gelaufen seien. Gerade der Laden in Luginsland habe „extrem wenig“ eingebracht. Sie habe den Verkäuferinnen deshalb zunächst davon abgeraten, dort ein Geschäft zu eröffnen. An solchen Standorten müsse man zum Beispiel über eingeschränkte Öffnungszeiten nachdenken. Gleichzeitig sei ein System denkbar, bei dem Berufstätige ihre Einkäufe per E-Mail bestellen und nach Hause geliefert bekommen. Wichtig ist der Gewerkschafterin, dass es bei der Eröffnung der Dorfläden nicht darum geht, die wenigen noch am Ort ansässigen Einzelhändler zu verdrängen. „Es geht immer ums Ergänzen, nicht ums Verdrängen“, betont Frank. Es werde ein Kernsortiment geben, das je nachdem, was am Ort fehlt, durch weitere Angebote wie eine Apotheke oder eine Reinigung ergänzt werden kann.

In Luginsland stoßen die Verdi-Pläne auf offene Ohren. „Wir würden das prinzipiell begrüßen“, sagt Markus Krautter, der Vorsitzende des Industrie-, Handels- und Gewerbevereins (IHGV). Die Schließung der Schlecker-Filiale habe in Luginsland ein Vakuum hinterlassen.

In Rohracker reagiert man unterdessen Verhalten auf das Konzept. „Wir wollen erstmal vor Ort selber gucken“, sagt der Bezirksvorsteher Hans-Peter Seiler. Bislang gebe es noch Einzelhändler vor Ort, die eine Nahversorgung sicherstellen könnten. Der Frischemarkt habe sein Angebot nach der Schlecker-Schließung um Drogerieartikel erweitert. Am 9. Oktober wolle er sich mit diesen Einzelhändlern, dem örtlichen Gewerbe- und Handelsverein (GHV) und der städtischen Wirtschaftsförderung zusammensetzten, um zu überlegen, wie es in Rohracker weitergehen soll. Bis dahin würden auch die Ergebnisse der Bürgerbefragung vorliegen, die der GHV nach der Bürgerversammlung im März durchgeführt hat.

Ein Ergebnis verrät Seiler schon jetzt: „Bis auf vier bis fünf der Befragten machen alle ihren Wocheneinkauf nicht in Rohracker.“ Damit die örtlichen Einzelhändler überleben können, muss sich das ändern. Der Bezirksvorsteher könnte sich verschiedene Lösungen vorstellen. Ein Shop-in-Shop-System wäre denkbar, bei dem alle Geschäfte auf einer Ladenfläche, möglicherweise in den Räumen der ehemaligen Schlecker-Filiale, zusammen gezogen werden. Seiler könnte sich aber auch einen speziellen Einkaufstag vorstellen, an dem alle Geschäfte lange geöffnet haben und gleichzeitig der Käse- und der Metzger-Wagen nach Rohracker kommen.

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