An der Schönbergstraße 15 gab es früher einen Lebensmittelladen und eine Postfiliale. Das ist aber längst Geschichte. Als letzter Treffpunkt bleibt nur die Kirche (l.). Foto: Julia Barnerßoi

In Stuttgart haben es laut einem Nahversorgungsgutachten 120 000 Menschen zu weit zum nächsten Einkaufsladen. Auch Quartiere in Degerloch, Sillenbuch, Plieningen und Birkach sind betroffen. Schönberg ist mit Abstand am schlechtesten dran.

Filder - Der Motor brummelt, die erlaubten 40 Stundenkilometer erreicht man kaum. Das Auto kämpft sich die nicht sehr breite dafür umso steilere Birkheckenstraße zum oberen Ende von Schönberg hinauf. An der steilsten Stelle steht ein Briefkasten. Der ist die einzige Infrastruktur, die der Birkacher Stadtteil aufzuweisen hat. Einkaufsläden und Geschäfte? Fehlanzeige! Und den Briefkasten können gerade ältere Einwohnern nur sehr schlecht erreichen – wenn schon das Auto so schnauft.

Schönberg ist im wahrsten Sinne des Wortes abgehängt. Vor allem aufgrund der Lage des knapp 1500 Einwohner zählenden Stadtteils am Hang. Als „isoliert“ beschreibt die Stadt den Standort in ihrem kürzlich erstellten Gutachten zum Thema Nahversorgung. Schönberg ist darin einer der zwölf Stadtteile, die in Stuttgart – was die Einkaufsmöglichkeiten angeht – am schlechtesten dastehen. Für sie will die Abteilung Stadtentwicklung des Stadtplanungsamtes möglichst schnell Ideen erstellen, wie die Nahversorgung gewährleistet werden kann. „Die Handlungskonzepte können dann auf alle Bezirke übertragen werden“, sagt der Abteilungsleiter Hermann-Lambert Oediger.

Auch Haigst, Waldau, Lederberg und das Steckfeld betroffen

Laut der Studie fehlt 120 000 Bürgern in Stuttgart ein Nahversorger, der innerhalb eines Radius’ von 500 Metern zu erreichen ist. In 37 Gebieten und Stadtquartieren ist das der Fall. In den Bezirken unterm Fernsehturm sind neben Schönberg der Haigst und die Waldau in Degerloch betroffen, der Lederberg in Sillenbuch sowie das Wohngebiet entlang der Scharnhauser Straße und das Steckfeld in Plieningen. In manchen dieser Gebiete können die Bewohner aber immerhin innerhalb von 750 Metern einen Lebensmittelladen erreichen oder haben zumindest kleinere Versorger wie einen Bäcker oder Metzger. Wirklich gar nichts hat nur Schönberg und ist deshalb in den Fokus der Stadt gerückt.

Es war nicht immer so trostlos in Schönberg. An der Schönbergstraße 15 gab es einmal einen Tante-Emma-Laden und eine Postfiliale. Beide haben aber schon vor mehr als zehn Jahren geschlossen. „Wir haben den kleinen Laden so gerne genutzt“, erinnert sich Helma Hardenberg. Sie ist die Vorsitzende des Bürgervereins Schönberg, der sich um die Belange der Bewohner des Stadtteils kümmert. „Und in der Post kauften die Leute immer nur eine Briefmarke, weil die Betreiberin so nett war“, erzählt Hardenberg weiter. So konnten die Leute den damaligen Treffpunkt möglichst oft aufsuchen. Nach der Schließung der beiden Einrichtungen hat die Vereinsvorsitzende lange für Ersatz gekämpft. Das haben sie und ihre Mitstreiter inzwischen aber aufgegeben: „Wir sind Realisten“, sagt Helma Hardenberg. „Uns ist klar, dass wir keinen Einkaufsladen mehr bekommen.“ Die meisten Schönberger würden eben mit dem Auto in Degerloch einkaufen. Die immer wieder diskutierte Schließung des Königsträßles, „wäre deshalb eine Katastrophe“, sagt Hardenberg. Auf Nachfrage heißt es von der Stadt aber, dass eine Schließung aufgrund eines einstimmigen Votums des Gemeinderats nicht weiter verfolgt werde.

Händler sehen Schönberg als nicht rentabel

Eine Alternative wäre ein mobiler Verkaufswagen, schlägt Gudrun Münzenmayer vor. Sie ist ebenfalls Mitglied im Vorstand des Bürgervereins. Gerade aufgrund der Topografie Schönbergs wäre das die beste Lösung, sagt auch Helma Hardenberg. Denn selbst wenn es einen Laden gäbe, müssten die Bürger die steilen Straßen bewältigen. Früher habe es viele dieser fliegenden Händler gegeben, erinnern sich die Schönbergerinnen Hardenberg und Münzenmayer. „Jetzt kriegen wir aber keinen Wagen mehr hierher“, sagt Münzenmayer. Wenn sie jemanden angefragt habe, hieß es immer, das rechne sich in Schönberg nicht.

Das sei auch der Grund, warum der Laden an der Schönbergstraße heute nicht mehr als solcher genutzt wird. „Ich habe damals unzählige Filialisten angefragt“, erzählt Ingeborg Walter, die Besitzerin des Hauses. Weil niemand die Räume übernehmen wollte, nutzt sie sie seither selbst für ihr Immobilienbüro. Eine kleine Hoffnung gibt es für die Schönberger. Ingeborg Walter, die ihr Büro im ehemaligen Tante-Emma-Laden hat, geht nämlich seit einiger Zeit – wenn auch nicht ganz ernst gemeint – mit einer Idee schwanger: „Wenn ich irgendwann einmal keine Lust mehr auf Immobilien habe“, sagt sie, „dann mache ich einen Gemüseladen in Schönberg auf“.

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