Er ist geschätzt, aber nicht genug, um überleben zu können: Bald wird der Kirchheimer Dorfladen Geschichte sein. Foto: factum/Weise

Zu wenig Umsatz, zu viele Stolpersteine: Der Kirchheimer Dorfladen soll Ende des Jahres geschlossen werden. 2016 war er gegründet worden, um die Nahversorgung im Ort zu sichern. Vom Ende einer Idee, die weit über Kirchheim hinausreichte.

Kirchheim/Neckar - An der Eingangstür hängt noch der Zettel: „Fleischereifachverkäufer/in in Teilzeit zur Verstärkung des Dorfladen-Teams gesucht“. Drinnen, im Laden, schafft es eine junge Frau an der Kasse nicht, das Kleingeld selbst aus dem Portemonnaie zu kramen: Ihre Hand ist nach einer Operation geschient. Die Verkäuferin übernimmt das – und entlässt die Kundin nicht, ohne ihr eine baldige Genesung gewünscht zu haben. An der Frischtheke daneben entscheidet sich ein Mann, der mit Kleinkind unterwegs ist, zum Maultaschenkauf. Genauer gesagt: zum Kauf einer einzigen Maultasche.

Individuelle Wünsche wie diese werden Kirchheimer Bürger künftig nicht mehr äußern können, zumindest nicht, wenn sie den Einkauf auf kurzem Weg im eigenen Ort erledigen wollen. Es muss sich auch kein Metzgereifachverkäufer mehr bewerben. Zum Jahresende wird der Dorfladen – ein Lebensmittelhandel mit Schreibwaren-bereich und einem kleinen Café im Ortszentrum – dichtgemacht. „Wir können es nicht mehr verantworten, ihn weiter zu betreiben. Das Tragische daran ist: Es fehlt nur ein minimaler Teil an Umsatz. Der Laden ist nicht mit Karacho an die Wand gerauscht, sondern ganz langsam dagegengerollt“, sagt Bürgermeister Uwe Seibold.

Hoffen auf eine geordnete Abwicklung

Der Schultes bildet zusammen mit Karen Bolkart, einer Bauingenieurin, und Helmut Mayer, Ruheständler und früher Prokurist eines mittelständischen Unternehmens, das Geschäftsführer-Trio. Es haftet, wenn es hart auf hart kommt, mit dem persönlichen Vermögen. Mit den weiteren Gesellschaftern Harald Kunst und Hans Müller haben sich die drei jetzt entschlossen, die Notbremse zu ziehen – zum aktuellen Zeitpunkt ist eine geordnete Abwicklung gerade noch realistisch, glauben sie. Am Mittwoch verkündeten sie den neun Angestellten und den Anteilseignern die Entscheidung. Diese müssen das Geld, das sie in das Geschäft gesteckt haben – ein Anteil kostet 150 Euro – in den Wind schreiben. Das Eigenkapital floss in die Einrichtung und die Abdeckung des Verlusts. Zu den größten Beteiligten – es gibt drei, die mehr als 100 Anteile halten – gehört die Gemeinde Kirchheim selbst.

Rund 300 Einkäufe pro Tag

Mit dem Ende des Geschäfts ist auch der Traum davon geplatzt, dass man mit einer engagierten Bürgerschaft das Ruder herumreißen, der Verödung von Ortskernen trotzen und der Agonie der Einzelhandelsbranche etwas entgegensetzen kann. Dabei wird der gut sortierte Laden ordentlich besucht: Rund 300 Einkäufe pro Tag zählt er, seit der Eröffnung waren es etwa 280 000 Einkäufe und ein Umsatz von rund 2,1 Millionen Euro. Wer sich im Laden eindeckt, hat bei den meisten Produkten die Wahl zwischen günstigen und etwas teureren Varianten. „Preislich sind wir absolut konkurrenzfähig“, sagt Helmut Mayer. 15 Prozent des Sortiments ist bio, bewusst werden regionale Erzeuger eingespannt: Getreideprodukte gibt es von der Erligheimer Mühle, Nudeln vom Großbottwarer Geflügelhof, Öl vom Ludwigsburger Feinkost-Griechen, Honig vom Bönnigheimer Imker. Fleisch und Frischwurst liefert ein Winnender Metzger, Backwaren der letzte verbliebene Kirchheimer Handwerksbäcker.

Zu oft ist der Dorfladen nur ein Lückenbüßer

Aber für zu viele der rund 6000 Einwohner ist der Dorfladen ein Lückenbüßer geblieben. „Es gibt drei Sorten von Kunden. Die erste kauft konsequent bei uns ein und nimmt auch mal eine andere Marke, wenn die gewohnte nicht da ist“, erzählt Uwe Seibold. „Die zweite kommt, wenn sie gerade etwas braucht, und kauft bei der Gelegenheit dann auch noch etwas anderes. Die dritte Gruppe ist die, bei der das Wasser schon kocht und die dann merkt, dass ja noch die Spätzle fehlen.“

Zwei Euro mehr pro Einkauf hätten schon geholfen

Einkäufer vom Format eins und zwei bräuchte der Laden deutlich mehr. In Unkosten stürzen müssten sie sich nicht: Sie müssten nur verlässlich zwei Euro mehr pro Einkauf liegen lassen, haben die Geschäftsführer ausgerechnet. „Aber es ist wie in den Umfragen, bei denen sich soundsoviele Leute vorstellen können, etwas zu tun. Wenn es drauf ankommt, tut die Hälfte es doch nicht“, sagt Helmut Mayer. Weder intensivere Werbung noch flammende Appelle führten die Wende herbei. Was die Geschäftsführer besonders frustrierend finden: Auch die Anteilseigner kaufen nicht selbstverständlich im Dorfladen. „Manche geben sogar offen zu, dass sie noch nie im Laden waren“, merkt Uwe Seibold an.

Von jetzt auf gleich brach der Untermieter weg

An den Rand des Ruins gebracht haben den Laden noch andere Probleme. Vor einigen Monaten gab das Schreibwarengeschäft, das sich im Laden eingemietet hatte, überraschend auf. Angesichts des drohenden Mietwegfalls übernahm der Dorfladen dessen Einrichtung, den Warenbestand und Lieferantenkautionen und führte die Schreibwarenabteilung in Eigenregie weiter. Die 15 000 Euro, die das kostete, brachte die Finanzen weiter in Schieflage. Gleichzeitig brach in den heißen Sommermonaten der Umsatz merklich ein.

An Rettung glauben die Geschäftsführer nicht mehr

Gibt es nicht doch noch ein Hintertürchen? Nein, glauben die Geschäftsführer, denn dazu bräuchte es eine Erhöhung des Eigenkapitals um 60 000 bis 80 000 Euro, um den Warenbestand nicht mehr über einen kostspieligen Kontokorrentkredit finanzieren zu müssen. Zudem müssten mehr Kunden strömen und neue Ehrenamtliche gefunden werden.

„Vor allem für die Kunden, die ihre vier Räder vor sich herschieben, wird das hart“, glaubt Helmut Mayer. Besonders für Ältere bedeute der Dorfladen Eigenständigkeit und Selbstbestimmung. „Es ist etwas anderes, wenn man zum Einkaufen auf die Jungen angewiesen ist und ständig spürt, dass die eigentlich keine Zeit haben“, sagt Mayer. Lebensmittel bekommt man in Kirchheim auch künftig – bei Real und Lidl. Sie liegen weit von der Ortsmitte entfernt, in der südlichen Peripherie der Gemeinde, autofahrergünstig an der Bundesstraße 27.

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