Nahverkehr in Stuttgart Die lange S-Bahn fährt nicht spontan

Von Barbara Czimmer-Gauss 

Die Pendler drängen zu den Hauptverkehrszeiten in die Bahn Foto: Lichtgut/Leif Piechowski
Die Pendler drängen zu den Hauptverkehrszeiten in die Bahn Foto: Lichtgut/Leif Piechowski

Erst mit Appellen - auch übers Radio - dann mit Fahrverboten wollen OB Fritz Kuhn und Verkehrsminister Winfried Hermann die Pendler zum Umsteigen auf öffentliche Verkehrsmittel bringen. Noch kann das S-Bahn-Netz nicht schnell genug auf einen Feinstaubalarm reagieren.

Stuttgart - Für viele Pendler, die regelmäßig die S-Bahn nutzen, sind die vollen Wagen zur Hauptverkehrszeit ein Ärgernis. Insbesondere auf langen Strecken, auf denen sich die Fahrt mehr als eine halbe Stunde hinziehen kann, beklagen viele Nutzer fehlende Sitzplätze und drangvolle Enge. Wer erst an der dritten oder vierten Haltestelle zusteigen kann, muss oft bis zu seinem Ziel stehen. Deshalb steigt, wer es sich leisten kann, auf die erste Klasse um.

263 521 600 Menschen haben von Januar bis September 2015 Busse und Bahnen im Gebiet des Verkehrs- und Tarifverbunds Stuttgart (VVS) genutzt. Das zeigt die Bilanz der ersten drei Quartale, die die VVS-Geschäftsführer jüngst vorgelegt haben. Die Zahlen zeigen auch: Der VVS hat im Verhältnis zum Vergleichszeitraum 2014 erneut um 3,4 Prozent zugelegt.

Größter Zuwachs im Berufsverkehr

Den größten Zuwachs verzeichnen Busse und Bahnen im Berufsverkehr mit einem Plus von 9,7 Prozent auf insgesamt 84. 698 .282 Fahrgäste. Der VVS führt dies vor allem auf die wachsende Bevölkerungszahl in der Region und den Ausbau der Angebote zurück. Auch das Zeitticket für Senioren habe sich zum Verkaufsschlager entwickelt.

Noch mehr Pendler, noch mehr Gelegenheitsfahrer – das ist durchaus möglich, wenn der Aktionsplan zur nachhaltigen Mobilität vom 1. Januar an umgesetzt wird. Im September hatte OB Fritz Kuhn (Grüne) ihn vorgestellt, seither wirbt er für den Umstieg vom Auto aufs Rad oder den öffentlichen Nahverkehr.

Sein Ziel: 20 Prozent weniger Autos mit konventionellem Antrieb in der Stadt . Seine Motivation: Die Europäische Union hat angekündigt, die Stadt wegen der ständig zu hohen Feinstaubwerte an der Messstelle am Neckartor zu verklagen. Seit zehn Jahren werden in Stuttgart die gesetzlichen Vorgaben für den Gesundheitsschutz nicht eingehalten. Im Fall des Falles müsste das Land eine Millionenstrafe zahlen.

Via Radiosender an die Pendler appellieren

Also will Kuhn vom 1. Januar 2016 an über die Wetter- und Staumeldungen der Radiosender an die Pendler appellieren, das Auto stehen zu lassen. Immer dann, wenn die Luftschadstoffwerte hoch sind oder eine Inversionslage vorhersehbar ist.

Inzwischen sind bei der Stadt Arbeitsgruppen eingerichtet worden, die sich mit den dann notwendigen Maßnahmen befassen. Der Verband Region Stuttgart (VRS), so die Pressesprecherin Dorothee Lang, sei in den Arbeitsgruppen ÖPNV, Güterverkehr und Datenbeschaffung beteiligt. Es sei jedoch noch „zu früh, um zu sagen, welchen Bedarf man dann im öffentlichen Nahverkehr zusätzlich haben wird“, sagt Lang.

Im vergangenen Jahr hat der Verband den 15-Minuten-Takt verlängert und feilt an Verbesserungen. Schon vor knapp einem Jahr hat die Regionalversammlung den Kauf von zehn zusätzlichen Zügen beschlossen. Kosten: 81,5 Millionen Euro. Verbandsdirektor Jürgen Wurmthaler sagt: „Im Sommer werden die neuen Züge geliefert, Verlängerungen von S-Bahn-Zügen sind allerdings noch nicht beschlossen.“

Verlängerungen brauchten bisher immer „einen gewissen Vorlauf“, sagt Wurmthaler, und führt als Beispiele Messen, Fußballspiele oder andere Großveranstaltungen an. Dabei sei mehrere Tage und Wochen vorher klar, mit welchem Verkehrsaufkommen etwa gerechnet werden kann. Wenn aber am Morgen hohe Luftschadstoffe gemessen werden, „ist noch fraglich, inwieweit wir kurzfristig S-Bahnen verlängern können“, sagt Jürgen Wurmthaler, „darüber müssen wir uns mit der Stadt auseinandersetzen.“

Ganz unvorbereitet ist der Verband Region Stuttgart nicht. Schon vom Fahrplanwechsel zum 13. Dezember 2015 an wird es auf der mit über 70 Kilometern längsten Linie S 1 drei zusätzliche S-Bahnen in der Hauptverkehrszeit geben. Sie sollen zwischen Böblingen und Herrenberg mehr Kapazität schaffen. Auf der Linie S 60 zwischen Böblingen und Renningen werden morgens zusätzliche Vollzüge im Einsatz sein. Bei der Weiterfahrt der Bahn zur Schwabstraße, dann als S 6, sind die Bahnen als Langzug unterwegs.

Mehr Pünktlichkeit – die von Nutzern am häufigsten eingeklagt wird – will der VRS mit einem zeitlichen Puffer erreichen. Deshalb soll die Abfahrt der Linien S 4, S 5 und S 6/S 60 sowie die der Linie S 1 an den Haltestellen Herrenberg, Esslingen-Mettingen und Obertürkheim um eine Minute vorverlegt werden. „Wir sind jetzt schon permanent dabei, das Angebot zu verbessern“, sagt Dorothee Lang.

Wenn von 2021 an die EU-Vorgaben eingehalten werden sollen – so haben es Kuhn und Verkehrsminister Winfried Hermann (Grüne) angekündigt –, sind vermutlich weitere Kapazitäten nötig, denn von 2018 an soll es nach Kuhns und Hermanns Vorstellungen verbindliche Fahrverbote geben. Davon betroffen wären ältere Benziner und Dieselfahrzeuge. Das Land drängt den Bund zur Einführung einer blauen Plakette, die nur vergeben werden soll, wenn der Diesel die Euro-6-Norm und der Benziner die Euro-3-Norm erfüllt. Kommt die blaue Plakette, darf kein Fahrzeug ohne sie bei Feinstaubalarm in die Stadt fahren.

Schon jetzt pendeln allein auf der Linie S 1 an jedem Werktag 32 000 Fahrgäste in der Hauptverkehrszeit zwischen 6 und 8 Uhr. Das ergab eine Verkehrserhebung des VVS im Verbundgebiet aus den Jahren 2009 bis 2014. Am Nachmittag zwischen 15 und 18 Uhr sind es gar 39 000 Menschen. Die zweithäufigst benutzte S-Bahn-Linie ist die S 2 mit 74 000 Fahrgästen in der Hauptverkehrszeit (morgens und abends).

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