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Weil die Nachtbusse in die Region oft übervoll sind, fahren künftig die S-Bahnen an Wochenenden und vor Feiertagen durchgehend. Die erhofften Anschlussbusse wird es aber nicht in allen Landkreisen geben.

Stuttgart - Als die Regionalversammlung im Dezember 2011 beschloss, ihr Angebot für Nachtschwärmer nach zwölf Jahren Betrieb auf eine neue Stufe zu heben und die ­S-Bahn dreimal pro Nacht im Stundentakt auf allen Linien (außer S 40 und S 60) in die Region hinauszuschicken, sahen die Regionalpolitiker die Landkreise am Zug: Böblingen, Esslingen, Ludwigsburg und Rems-Murr-Kreis, grundsätzlich für den Busverkehr zuständig, sollten sich ihrer Aufgabe annehmen und den Nachtverkehr in die Städte und Gemeinden organisieren, in denen es keine S-Bahn-Station gibt.

Aus manchen Kreisen wurden zunächst einmal kritische Stimmen laut: Die Region ziehe sich zurück und lasse die Kreise alleine, hieß es etwa aus Böblingen. Dazu kam die Befürchtung, dass Buslinien in noch mehr Orten als bisher ganz schön teuer kommen könnten. Sogar die alte Diskussion um einen Nachtzuschlag flackerte wieder auf, den Regionalpolitiker scheuen wie der Teufel das Weihwasser, weil im Nahverkehr alle Fahrgäste gleich sein sollen. „Ich kann doch nicht die bestrafen, die unsere Verkehrsmittel nutzen wollen“, polterte etwa Rainer Ganske, Verkehrsexperte der CDU. Es blieb die Herausforderung, die bisher gut 210.000 Fahrgäste in den Nachtbussen und viele weitere, die man in den Nacht-S-Bahnen neu erwartet, an den Bahnhöfen abzuholen und auch nach Nürtingen, Schönaich (Kreis Böblingen) oder Vaihingen/Enz zu bringen. 

Der Kreis Ludwigsburg

Am leichtesten tat sich nach einer Bilanz des Verbands Region Stuttgart der Kreis Ludwigsburg, der bereits seit 2001 ein eigenes Nachtbus-Netz im Anschluss an die regionalen Nachtbusse betreibt. Das Landratsamt passte das Netz an den neuen 60-Minuten-Takt an – zuvor kam alle 70 Minuten ein Nachtbus vom Schlossplatz – und erweiterte es gleich noch. Ab 9. Dezember werden zwölf Linien zumindest alle Orte mit mehr als 2000 Einwohnern erschließen, so das Ziel des Kreistags. Mit Beilstein im Kreis Heilbronn wird sogar ein Ort außerhalb der Region angeschlossen. Das Ganze kostet Kreis und Kommunen (je hälftig) insgesamt 400.000 Euro. Alle Nacht-S-Bahnen zusammen lässt sich die Region 1,6 Millionen Euro jährlich kosten.

Der Kreis Böblingen 

Auch die Böblinger, die ebenfalls quasi von Anfang an beim Nachtverkehr mitmischten, berappelten sich und stellten ein Konzept mit acht Linien auf. Auch hier werden die meisten Orte erreicht, und auch hier reicht eine Linie – die N 70 ab Herrenberg – in die Nachbarschaft: nach Nagold im Kreis Calw. Die S 60 Böblingen–Renningen wird ebenso wie die Verlängerung der S 4 von Marbach nach Backnang – beide starten ebenfalls erstmals am 9. Dezember – in besagten Nächten als Ausnahmen von Bussen vertreten. Der Kreis bringt jährlich knapp 120.000 Euro zusätzlich auf. 

Der Rems-Murr-Kreis

Während der Westen der Region fast optimal an die Nacht-S-Bahnen angebunden ist, sieht es im Osten düster aus. Neben der teils von der Region finanzierten N 30 entlang der S-Bahn-Linie S 4 gibt es im Rems-Murr-Kreis ab Dezember nur den Bus von Waiblingen nach Korb (N 31) und fünf ebenfalls schon länger etablierte und subventionierte Ruftaxi-Linien. Alles in allem investieren Kreis und Kommunen 140.000 Euro.

Der Kreis Esslingen

Eine überraschende ­Entwicklung gab es in Esslingen: Hier hatte der Kreistag im Juni ein flächendeckendes, 415.000 Euro teures Anschluss-Konzept beschlossen. Allerdings wollte er selbst nur 30 Prozent der Kosten tragen und 70 Prozent den Kommunen überlassen. Das war etwa der Stadt Esslingen oder der Gemeinde Neckartenzlingen zu viel. „Wir geben bereits zehn Millionen Euro pro Jahr für den öffentlichen Nahverkehr aus und zahlen auch einen hohen Anteil an der Kreisumlage“, gibt Esslingens Stadtsprecher Roland Karpentier die Ansicht von Verwaltung und Gemeinderat über rund 76.000 Euro Mehrkosten wider, „außerdem haben wir ein etabliertes Nachttaxisystem.“ Also stimmte der Gemeinderat gegen den Kreistag und brachte so das ganze Konzept zu Fall. Die einzige Nachtbuslinie wird die N 76 sein, die von Oberaichen über Musberg nach Waldenbuch im Kreis Böblingen fahren wird. Da in den 16 Ruftaxi-Linien mal der VVS-Tarif anerkannt wird und mal nicht, hat die Region keinen Überblick, wie hoch der Kreis Esslingen den Nachtverkehr subventioniert.

In Esslingen ärgern sich nun junge Leute wie Kai Nitsche, Vorsitzender des Jugendgemeinderats: „Das Nachttaxi hält in der Praxis nicht, was es verspricht“, sagt er mit Verweis auf Wartezeiten und die Notwendigkeit eines zweiten Fahrscheins neben dem ­S-Bahn-Ticket. Auch aus der Regionalversammlung blickt man mit Groll nach Südosten. Eva Mannhardt, Grünen-Verkehrsexpertin und Aufsichtsrätin im Verkehrsverbund Stuttgart, kritisiert die Kreise Esslingen und Rems-Murr: „Ein Anschluss mit Ruftaxis wird weder den Qualitätsansprüchen noch den Kapazitätsanforderungen gerecht. Die Landkreise sind in der Pflicht, die ankommenden und abfahrenden S-Bahnen mit ­Bussen an die Fläche anzuschließen.“

Weitere Kritik ist zu erwarten, wenn sich der regionale Verkehrsausschuss an diesem Mittwoch in Stuttgart (15.30 Uhr, Kronenstraße 25) mit dem Thema befasst. Der Esslinger Karpentier macht allerdings schon mal Hoffnung für die Zukunft. Wenn sich die Nacht-S-Bahn ebenfalls zu einem Erfolgsmodell entwickle, sagt Karpentier, „müsste der Gemeinderat das Thema sicherlich noch mal überdenken“.