Der Iran präsentiert seine Drohnenflotte. Foto: dpa

Jede militärische Eskalationsstufe der vergangenen Wochen bot eine Chance, den Konflikt im Nahen Osten einzugrenzen. Diese wurde vertan, weil weder die USA noch der Iran den politischen Willen dazu aufbrachten, kommentiert Thomas Seibert.

Der neue Nahostkonflikt entwickelt sich genau so, wie Hardliner auf allen Seiten das wünschen. Proiranische Milizionäre im Irak feiern den Tod von drei US-Soldaten bei einem Drohnenangriff auf einen Wüstenstützpunkt als Sieg über Amerika. Joe Biden schwört Rache. Iran-Feinde in der amerikanischen Politik wittern eine Chance, ihren lang gehegten Wunsch von einem US-Angriff auf die Islamische Republik zu verwirklichen.

 

Jede militärische Eskalationsstufe der vergangenen Wochen – die Angriffe der Huthi-Rebellen auf Schiffe im Roten Meer, die iranischen Raketenangriffe im Irak und in Syrien, die amerikanischen und israelischen Attentate auf iranische und proiranische Kommandeure – bot eine Chance, den Konflikt einzugrenzen. Diese Chancen wurden vertan, weil weder die USA noch der Iran oder dessen Partner in der Region den politischen Willen dazu aufbrachten. Ihnen war es wichtiger, die jeweiligen Verbündeten im Gazakrieg – Israel oder die Hamas – zu unterstützen. Die Akteure überließen sich einer Dynamik aus Schlag und Gegenschlag.

USA und Iran stehen am Rande eines Krieges

Besonders die USA und der Iran, die den größten Einfluss in der Region haben, tragen die Verantwortung dafür. Nun stehen sie am Rand eines Krieges, den sie eigentlich vermeiden wollten.

Noch können sie umsteuern. Die USA beteiligen sich an Verhandlungen über eine neue Feuerpause und eine Freilassung von vielen Hamas-Geiseln. Wenn in Gaza zwei Monate lang die Waffen schweigen, wie es die geplante Vereinbarung vorsieht, wird es schwierig für die Hardliner, die Spannungen außerhalb von Gaza weiter anzuheizen. Der Iran lässt in seinen ersten Reaktionen auf den Tod der drei US-Soldaten erkennen, dass er es nicht auf einen Krieg gegen Amerika abgesehen hat.

Viel hängt davon ab, welche Art von Vergeltung die USA für den Tod ihrer Soldaten wählen. Joe Biden wird energisch reagieren wollen, weil er im US-Wahlkampf nicht als Weichling dastehen will; schlägt er aber zu hart zu, riskiert er einen Krieg, der eine Region von der türkischen Grenze bis zum Jemen erfassen könnte. Dann hätten die Hardliner gewonnen.