Kurdische Peschmerga-Kämpfer bei einer Übung Mitte August in Koya, einer Stadt in der autonomen Region Kurdistan im nördlichen Irak Foto: AFP

Das nahende Ende der IS-Terrormiliz im Irak und in Syrien katapultiert das kurdische Streben nach einem eigenen Staat zurück ins Bewusstsein. Die Frage hat das Potenzial, die Region in neue schwere Turbulenzen zu stürzen.

Stuttgart - Das nahende Ende der Terrormiliz Islamischer Staat (IS) im Irak und in Syrien katapultiert das kurdische Streben nach einem eigenen Staat mit Macht auf die Tagesordnung des Nahen Ostens – mit dem Potenzial, die Region in neue schwere Turbulenzen zu stürzen. Vor allem in Syrien stellt sich immer drängender die Frage, wer dort regiert, wenn die Dschihadisten vertrieben sind. Die Regierung der Türkei argwöhnt, dass die Partnerschaft der USA mit den syrischen Kurden in der Anti-IS-Koalition zur Entstehung eines „kurdischen Korridors“ vom Irak bis zum Mittelmeer führt, was separatistische Bestrebungen der Kurden im eigenen Land anheizen würde.

Kopfzerbrechen bereitet Ankara auch das für Ende September angekündigte Unabhängigkeitsreferendum in der Autonomen Region Kurdistan des Nordirak. Staatspräsident Recep Tayyip Erdogan hat mehrfach erklärt, dass sein Land keinen kurdischen Staat an seiner Grenze dulden werde. „Was auch immer es kostet, wir werden die notwendige Intervention durchführen“, sagte er letzte Woche. In den vergangenen Tagen hat die Türkei deshalb intensive diplomatische Initiativen gestartet. Nach dem Besuch des iranischen Generalstabschef Mohammed Bagheri vergangene Woche kam US-Verteidigungsminister James Mattis in die türkische Hauptstadt, demnächst wird der russische Generalstabschef Waleri Gerassimow erwartet.

Selbst eine Annäherung an den Iran scheut die Türkei nicht

Der Besuch Bagheris, der erste eines iranischen Militärchefs seit 40 Jahren, kann als Signal verstanden werden, dass die Türkei eine Annäherung an Teheran sucht, obwohl die konkurrierenden Regionalmächte tiefe religiöse und machtpolitische Gräben trennen. Der schiitische Iran kritisiert zwar wie die sunnitische Türkei das nordirakische Kurdenreferendum und bekämpft die verbotene kurdische Arbeiterpartei PKK, unterstützt aber das syrische Assad-Regime, dessen Sturz die Türkei bis jetzt offiziell anstrebt. Andererseits ist der Iran der erklärte Hauptfeind des Nato-Verbündeten USA im Nahen Osten.

Die Öffnung Ankaras nach Teheran hat Washington daher nicht gerade amüsiert. US-Verteidigungsminister Mattis geißelte den „bösartigen Einfluss Irans“ nach seinem Besuch in Ankara, versuchte die Türken aber zu beruhigen, indem er die US-Partnerschaft mit den Kurden lediglich „taktisch“ nannte. Doch es ist offensichtlich, dass mit den unterschiedlichen Interessen auch das gegenseitige Vertrauen erodiert. Zur gleichen Zeit reiste der türkische Außenminister Mevlüt Cavusoglu nach Bagdad und ins nordirakische Erbil, um dort Gespräche zu führen, bei denen es ebenfalls um eine gemeinsame Front gegen die PKK ging und darum, das kurdische Referendum zu verhindern. Zwar holte er sich überall eine Abfuhr, doch regierungsnahe türkische Medien sahen bereits eine neue Dreierallianz zwischen Ankara, Bagdad und Teheran gegen Washington entstehen.

Auch die Russen stehen gut mit den Kurden

Tatsächlich beklagt sich die Türkei seit Langem, dass die Nato-Verbündeten ihre Sicherheitsbedenken bezüglich der Kurden nicht ernst nähmen – eine Klage, die auch in einer kürzlichen Bemerkung Cavusoglus zum Ausdruck kam, dass Russland die Türkei besser verstehe als der Westen. Dabei hätte Ankara allen Grund, auch die Russen scharf anzugehen, weil sie neben den USA ebenfalls als De-facto-Schutzmacht der syrischen Kurden agieren und türkische Angriffe vereiteln, denn die Kurden sind für Russland genauso wichtig wie für Amerika: nicht um ihrer selbst willen, aber als Puffer zwischen Erdogan und Assad.

Die Türkei sieht sich nun mit zwei Gefahren aus Syrien konfrontiert: zum einen dem möglichen Kurdenstaat, den Erdogan als „Projekt des Westens, um die Türkei zu schwächen“, darstellt; zum anderen einer Fluchtwelle aus der angrenzenden nordsyrischen Provinz Idlib. Dort hat Ende Juli ein Ableger der Terrororganisation Al-Kaida die Macht übernommen. Die USA und ihre kurdischen Verbündeten, aber auch das Assad-Regime und deren russisch-iranische Partner bereiten derzeit einen Angriff auf Idlib vor. In der Provinz sammeln sich Zehntausende dschihadistische Kämpfer, die im Fall der drohenden Niederlage über die Grenze fliehen würden.

Diese Gefahr hat in Ankara einen dramatischen Strategiewechsel eingeleitet. Der Zeitungskolumnist Ibrahim Karigül, der jahrelang den Sturz des „Tyrannen Assad“ propagiert hatte, schrieb, jetzt seien die USA und ihre Vasallen aus der Kurdenmiliz YPG die größte Bedrohung. Deshalb müsse nun mit Assad geredet werden. Über ihre russischen Kontakte sucht die türkische Regierung offenbar Kontakt zum syrischen Herrscher. Doch eine Versöhnung Assads mit dem türkischen Präsidenten, der seit 2011 alles dafür tat, um den „brutalen Diktator“ zu stürzen und die Rebellen aufzurüsten, dürfte ausgeschlossen sein.

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