Die umstrittenen Nager kommen an Neckar, Enz und Metter vor. Die Fraßspuren sind unverkennbar. Der weitere Umgang mit den Tieren könnte für Diskussionen sorgen.
Seit der Rückkehr des Bibers nach Baden-Württemberg spitzt sich der Streit um den richtigen Umgang mit den Tieren immer weiter zu. Die Landesregierung hat eine neue Verordnung auf den Weg gebracht, um die Tiere im Zweifel leichter schießen zu dürfen. Naturschützer laufen dagegen Sturm, halten das bisherige Lösungs-Besteck für ausreichend. Den Bibern sind solche Diskussionen herzlich egal. Sie breiten sich immer weiter aus und sind mittlerweile auch im Landkreis Ludwigsburg angekommen – inklusive der ersten Probleme.
Wie viele der Nager durch die hiesigen Flüsse paddeln, kann niemand mit Gewissheit sagen. „Aus den uns bekannten Hinweisen ist meist nicht erkennbar, ob es sich um Familien handelt oder um Einzeltiere, die ein oft noch unstetes Verhalten zeigen und den Landkreis eventuell auch nur durchwandern und nicht sesshaft werden“, erklärt Franziska Schuster, Pressesprecherin des Landratsamts. Anhaltspunkte für Biber-Vorkommen im Kreis liegen bei der Behörde für Neckar, Enz und Metter vor.
Fachfrau berichtet von massiver Ausbreitung
Elke Grözinger kann sich sogar an den Tag erinnern, als sie das erste Mal direkt mit dem Thema konfrontiert wurde. „Am 2. Mai 2023 hat uns der Müller von der Mettermühle angerufen und gesagt: wir haben da einen Biber“, sagt die Naturfachfrau der Stadt Bietigheim-Bissingen. Auf Fotos des Müllers seien die typischen Bissspuren des Säugers zu erkennen gewesen. Biber fressen gerne von oben und unten an einem Stamm, bis in der Mitte ein schmaler Keil übrig bleibt. So entsteht eine Schwachstelle, an der die Bäume umgeknickt werden können. Wie bizarre Skulpturen sehen die Stämme aus, in die die Vegetarier ihre Zähne gehauen haben.
„Der Biber hat sich massiv bei uns ausgebreitet. Seine Spuren sieht man eigentlich überall an der Enz. Vor allem dort, wo weniger Menschen unterwegs sind. Auch an der Metter kommen sie vor“, erklärt Grözinger. An der Metter seien jedoch nur einzelne Verbissspuren zu erkennen, vielleicht befänden sich die Biber hier nur auf dem Durchzug.
Die studierte Geografin muss es wissen. Sie ist seit 1991 in Sachen Naturschutz und Landschaftspflege für die Stadt Bietigheim-Bissingen im Einsatz. Grözinger kennt die 31 Quadratkilometer der Gemarkung wie ihre eigene Westentasche. Sie führt zu mehreren Stellen im Untermberger Enztal, wo die Tiere ihren Hunger gestillt haben. Mal haben die Biber in ihrer charakteristischen Weise stattliche Stämme angeknabbert, mal dünne.
„Ich halte eine vernünftige Koexistenz mit dem Biber für möglich.“
Elke Grözinger, Naturfachfrau der Stadt Bietigheim-Bissingen
Wenn man weiß, wonach man suchen muss, findet man auch weitere Indizien für das Vorkommen der Nager. Grözinger zeigt auf eine schmale, plattgedrückte Fläche am Ufer, die wie eine Rampe hinunter in die Enz führt. Womöglich sei ein Biber hier nach einem Landgang zurück ins Wasser gerutscht und habe dabei teils auch Äste mit zu seinem Bau gezogen, erklärt sie. Sie deutet zudem auf eine Ansammlung von groben, geraspelten Holzstücken in der Aue. Wahrscheinlich Fressspuren des Bibers. Hätte ein Mensch mit einer Säge hantiert, wären die Späne viel feiner.
Ganz oben auf der Speisekarte stehen bei den Tieren entlang der Enz Pappeln, aber vor allem Weiden. „Und da haben wir jetzt einen klassischen Naturschutzkonflikt. Kopfweiden sind bei uns typische Kulturbiotope“, erklärt Grözinger. Die älteren Exemplare seien im Innern hohl und damit ein wertvolles Biotop. „Es gibt über 100 Käferarten, deren Larven sich über Jahre innen drin in dem vermulmenden Holz entwickeln, bevor sie zum fertigen Käfer werden“, sagt die Fachfrau. Deshalb würden die Bäume, die prägend für die Kulturlandschaft sind, gepflegt und geschnitten. Auf der anderen Seite ist der Biber, der halt gerne Weiden mampft und sich nicht um die Lebensräume von Käfern schert.
Elke Grözinger sucht nach einer pragmatischen Lösung. Ein Teil der Kopfweiden sei versuchsweise mit Draht ummantelt worden, in der Hoffnung, dass die Biber auf andere Gehölze umschwenken. „Nahrung gibt es bei uns genug“, sagt sie. Ein Landwirt habe zudem von der Stadt den Auftrag erhalten, drei im Rahmen eines Wiederansiedlungsprojekts gepflanzte Schwarzpappeln am Stamm mit Draht zu schützen. Klagen über Schäden seien von Bauern jedoch bislang im Grunde keine eingegangen.
Der Wind könnte sich jedoch drehen, wenn die Biber sich zum Beispiel vermehrt Kulturpflanzen zuwenden sollten. „Er frisst alles, was vegetarisch ist, und ist auch schon in einem Maisacker gesichtet worden“, sagt Grözinger.
Flüsse sind teils schon künstlich aufgestaut
Die Fachfrau verfolgt natürlich auch die aktuelle Diskussion um die Bejagung des Bibers. „Wenn Gefahr für den Menschen besteht, muss man eingreifen“, sagt sie. Das sei zum Beispiel dann der Fall, wenn durch Bauaktivitäten Wohnungen geflutet oder Straßen untergraben würden. Rund um die Enz und teils auch an der Metter müssten die Tiere das Wasser aber gar nicht aufstauen, weil das durch die Bändigung der Flüsse schon künstlich geschehen sei.
Davon abgesehen empfiehlt Grözinger, sich an der Schweiz zu orientieren. Dort würden Bibern attraktivere Flächen angeboten, um sie dorthin zu lenken, wenn sie an anderer Stelle eher unerwünscht seien. Außerdem setze man im Nachbarland auf Aufklärung. Ihres Wissens seien in der Schweiz bis dato auch keine Biber getötet worden. „Ich halte eine vernünftige Koexistenz mit dem Biber für möglich. Was anderes bleibt uns auch gar nicht übrig. Der Biber ist hier heimisch und wird bleiben“, sagt sie.
Franziska Schuster streicht zudem die positiven Aspekte der Wiederansiedlung hervor. „Der Biber betätigt sich als kostenloser Landschaftsgestalter, der durch Baumentnahmen und Erhöhung des Wasserstandes naturschutzfachlich wertvolle Strukturen in den Talauen schaffen kann“, erklärt die Pressesprecherin des Landratsamtes. Die bisherigen Aktivitäten stellten im Landkreis Ludwigsburg auch noch „kein generelles Problem dar“.
Abschuss nur im Ausnahmefall
Berater
Das Landratsamt erklärt, dass in Baden-Württemberg rund 200 Biberberater bei Konflikten eingeschaltet werden könnten. Bei schwerwiegenden Problemen würden die Biberbeauftragten der Regierungspräsidien miteinbezogen.
Ultima Ratio
Nur wenn alles nicht fruchte, könnten in „zwingenden Fällen“ als letztes Mittel laut der neuen Verordnung des Landes Biber planmäßig getötet werden. „Es muss jedoch sichergestellt sein, dass sich der Erhaltungszustand der Biberpopulation durch die Entnahme nicht verschlechtert“, betont Kreishaus-Sprecherin Franziska Schuster.