Weltmeister Benjamin Pavard verlässt den VfB im Sommer in Richtung München. Foto: dpa

Der Rekordmeister und nächste Gegner des VfB Stuttgart (Sonntag, 15.30 Uhr) setzt bei seinen Transfers auf jugendlichen Elan, Flexibilität – und den französischen Einfluss.

Stuttgart/München - Wenn der FC Bayern an diesem Sonntag den VfB Stuttgart empfängt (15.30 Uhr), dann sind Teile der Zukunft des Rekordmeisters aller ­Voraussicht nach schon zu bestaunen in der Münchner Arena. Das junge Team des FC Bayern Deutschland wird auflaufen, mit den Defensivstrategen Joshua Kimmich und Niklas Süle, mit Leon Goretzka im Mittelfeld und womöglich auch mit Serge Gnabry von Beginn an in der Offensive. Vor ein paar Jahren schon haben die Strategen der Bayern mit ihrer Transferstrategie ja das ausgerufen, was sie dann im Grunde auch eingehalten haben: Die besten jungen Nationalspieler sollen bitte schön auch alle beim größten deutschen Verein spielen. Ende der Durchsage.

Oder doch nicht?

Fakt ist: Nicht nur die Lage auf dem Transfermarkt mit den wahnwitzigen ­Ablösesummen hat sich inzwischen ­verschärft – die Bayern mussten auch feststellen, dass das Reservoir an jungen deutschen Talenten, die höchsten Ansprüchen genügen, endlich ist. Dass es aktuell gar einen Mangel an jungen Topspielern gibt. Stürmer Timo Werner, klar, steht noch auf dem Zettel, der gebürtige Stuttgarter wird womöglich in diesem Sommer ein Münchner. Auch der junge Virtuose Kai Havertz aus Leverkusen, von den Anlagen her eine Mischung aus Mesut Özil und Michael Ballack, spielt eine Rolle – aber sonst? Schauen die Münchner beim Umbruch und dem Blick in die Zukunft notgedrungen über die Grenze. Vor allem nach Frankreich. Flügelflitzer Kingsley Coman (22) und Mittelfeldmann Corentin Tolisso (24) sind ja schon da, Benjamin Pavard (22), den die Münchner am liebsten schon jetzt holen würden, kommt im Sommer vom VfB Stuttgart – und in Lucas Hernandez (22) von Atlético Madrid steht der nächste junge französische Weltmeister ganz oben auf dem Wunschzettel. Sie alle eint die formidable Ausbildung in den hoch geschätzten Nachwuchsakademien Frankreichs, von denen nun der deutsche Meister nachhaltig profitieren will. Wird aus dem FC Bayern Deutschland also bald so etwas wie der FC Frankreich München? Gibt es gar bald einen neuen Schlachtruf namens „Allez les Bayern“? Vielleicht.

Bayern verstärken die Abwehr

Sicher ist, dass die Bayern in Pavard und möglicherweise Hernandez versierte Abwehrmänner haben werden, die sowohl außen als auch innen verteidigen können – was ziemlich sicher dazu führen wird, dass der aktuelle Rechtsverteidiger Joshua Kimmich künftig dauerhaft auf seiner Lieblingsposition im zentralen Mittelfeld ran darf. Um Kimmich herum wiederum wird Bayern ein jüngeres Gesicht bekommen. Schon im Winter holten die Münchner das kanadische Offensivtalent Alphonso Davies (18), den der Präsident Uli Hoeneß flugs schon mal als „Bombe“ pries. Beim Rückrundenauftakt bei der TSG Hoffenheim (3:1) war der knapp zehn Millionen Euro teure Davies immerhin schon mal im Kader – was sich bei einem gewissen Callum Hudson-Odoi vom FC Chelsea, ebenfalls 18 Jahre alt, bald ähnlich gestalten soll. Auch Hudson-Odoi kommt gerne über den Flügel, auch ihn sehen die Bayern, nach allem, was zu hören ist, als echte Bombe an, der FCB will ihn offenbar am liebsten noch in diesem Winter verpflichten. Möglicher Kostenpunkt: knapp 35 Millionen Euro.

Eine Verpflichtung von Hudson-Odoi wäre dabei so etwas wie das perfekte Sinnbild für die neuen Bedingungen auf dem Transfermarkt, nach denen sich auch die Bayern künftig richten müssen. Fakt ist: Auch für junge Profis, die bei einem ganz großen Club erst noch ihren nächsten, vielleicht sogar den entscheidenden Karrierereschritt machen wollen, müssen die europäischen Spitzenvereine mittlerweile horrende Ablösesummen zahlen.

Bayern gehen ins Risiko

Benjamin Pavard und Lucas Hernández würden die Bayern zusammen 115 Millionen Euro Ablöse kosten. Für Pavard gilt die festgeschriebene Ablöse von 35 Millionen Euro, bei Hernandez wäre die Summe auf 80 Millionen festgesetzt. Und Hudson-Odoi, der 18-Jährige vom FC Chelsea, wäre ungefähr so teuer wie Pavard.

Auch vor dem Hintergrund dieser Summen für Spieler unter der Kategorie fertiger, absoluter Superstar, sind die Topclubs dazu gezwungen, früher ins Risiko zu gehen, um nicht den Anschluss zu verpassen. Bedeutet: Wer mal einen echten Topstar mit konstantem Topniveau in seinen Reihen haben will, der muss diese jungen Spieler erspähen und kaufen, bevor sie das oberste Level schon erreicht haben. Eben noch, bevor sie Topstars sind. Und vielleicht sogar dann, wenn der Spieler noch nicht mal volljährig ist.

Man muss sich als Spitzenclub also einfach mal ein mögliches Versprechen für die Zukunft gönnen und ins Risiko gehen, anders überlebt man kaum noch im Konzert der Großen. So machte das zum Beispiel Manchester City mit einem gewissen Leroy Sané vor – schon nach einem überzeugenden Halbjahr beim FC Schalke schlug City zu, die 50 Millionen Euro Ablöse sind im Rückblick perfekt angelegtes Geld. Borussia Dortmund kaufte Jadon Sancho einst für 7,8 Millionen Euro als Jugendspieler von ManCity – und lag damit goldrichtig.

Der FC Bayern versucht nun mit Davies, mit Hudson-Odoi und ein bisschen auch mit Pavard genau das. Also jetzt knapp zehn oder zwischen 35 oder 40 Millionen zahlen und hoffen, dass man diese Summen in ein paar Jahren mit dem Wörtchen „nur“ garniert. Auch um Mittelfeldspieler Adrien Rabiot (23) sollen die Bayern aktuell übrigens noch werben. Der kickt bei Paris Saint-Germain: Und ist, genau: Franzose.

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